Kommentar zur deutschen Wirtschaft

Das andere Kapital

Die deutsche Wirtschaft hat viel Vertrauen verloren.

Die deutsche Wirtschaft hat viel Vertrauen verloren.

Bonn. Wenn die Politik weiterhin auch große Verstöße unbeantwortet lässt und sich auf die Seite der Wirtschaft und nicht der Verbraucher schlägt, ist auch ihr Vertrauenskapital schnell aufgebraucht, kommentiert GA-Korrespondent Wolfgang Mulke.

Die Wirtschaft verliert nach und nach einen wichtigen Teil ihres Kapitals. Es geht nicht um die finanziellen Rücklagen, sondern das Vertrauenskapital bei den Kunden und der Gesellschaft. Im Zentrum steht derzeit die Autoindustrie, die mitten in einem der größten Skandale der deutschen Wirtschaftsgeschichte steckt. Treffen die Vorwürfe zu, wurden Kunden und Zulieferer bewusst übervorteilt, Autos schmutziger gemacht als nötig. All dies hat der Arroganz der Vorstände der betreffenden Konzerne keinen Einhalt geboten. Als Elite versagt die Kaste schmählich.

Aber auch anderswo verflüchtigt sich das Vertrauenskapital. Ein typisches Beispiel prangern die Verbraucherzentralen an. Mit versteckten oder neuen Gebühren greifen viele Institute den Kunden tief in die Tasche. Als Begründung halten die niedrigen Zinsen her. Redlich ist das nicht. Denn dahinter steht der Versuch, durch undurchsichtige Tarife und verwirrende Leistungspakete mehr einzunehmen, als die erbrachten Leistungen tatsächlich wert sind.

Diese Mentalität, sich auf Kosten anderer zu bereichern, trägt viel zur Wut auf das Establishment bei. Dieser schwarze Schatten fällt schnell auch auf jene, die ehrlich mit ihren Kunden umgehen. Es wird Zeit, dass unfaires Verhalten in der Wirtschaft sozial geächtet wird. Doch mitunter drängt sich der gegenteilige Eindruck auf. Wenn die Politik weiterhin aus Sorge um Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit auch große Verstöße unbeantwortet lässt und sich auf die Seite der Wirtschaft und nicht der Verbraucher schlägt, ist auch ihr Vertrauenskapital schnell aufgebraucht.