Inklusion

Das Projekt "Eine Schule für alle" stößt auf Schwierigkeiten

DÜSSELDORF.  Für Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) ist das inklusive Schulsystem eine "Generationenaufgabe", die sich nicht mit der Brechstange verwirklichen lässt. Das Ziel, möglichst viele Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen zu lassen, löst bei Eltern, Lehrern und Kommunen große Verunsicherung aus.
Gemeinsames Lernen: Ein am Down-Syndrom erkranktes Kind im gemeinsamen Unterricht einer Inklusionsschule in Konstanz. Foto: dpa

Kritiker halten die Pläne für unausgegoren, weil die Infrastruktur der Regelschulen nicht darauf vorbereitet ist, viel mehr geistig und körperlich behinderte Kinder aufzunehmen. Lehrer an Regelschulen fühlen sich überfordert. CDU-Schulexperte Klaus Kaiser warnt: "Wenn die Inklusion nicht gelingt, werden wir nur Frustrierte zurücklassen." Häufig werde Inklusion nicht als Aufbruch, sondern als Bedrohung empfunden. Ministerin Löhrmann reagierte: Sie will sich mit dem Gesetz mehr Zeit lassen.

Acht Monate vor dem ursprünglich geplanten Stichtag 1. August 2013 gerät das Jahrhundertprojekt "Eine Schule für alle" zwischen alle Fronten. Während viele Eltern nicht behinderter Kinder die Sorge umtreibt, dass das Leistungsniveau sinken könnte, kritisiert der Elternverband "Gemeinsam Leben, Gemeinsam Lernen", dass der gemeinsame Unterricht im Schuljahr 2013/2014 zunächst nur in Klasse 1 und in Klasse 5 an einer weiterführenden Schule startet.

Dabei bleibt der Elternwille entscheidend: Wer sein Kind weiter an eine Förderschule schicken will, darf dies weiter tun - falls die Förderschule die Mindestzahl von 144 Schülern erreicht. Derzeit lernen 120 000 Schüler an Förderschulen - Experten schätzen, dass 65 bis 85 Prozent dieser Schüler mit Handicaps an Regelschulen unterrichtet werden könnten. Heute besuchen 20 Prozent der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine Regelschule.

Im Grundsatz sind sich SPD, Grüne und CDU über das Umsteuern Richtung Inklusion einig. Streit gibt es über die finanzielle und personelle Ausgestaltung. Die CDU fürchtet Qualitätsverluste im Unterricht, falls in Klassen mit behinderten Schülern nicht zumindest zeitweise eine zweite Lehrkraft eingesetzt wird. Ministerin Löhrmann hält das in der "Schule für alle" finanziell nicht überall für machbar. Der Bielefelder Bildungsexperte Rainer Dollase warnt aber nicht allein vor dem hohen Kosten- und Personalaufwand. Es bleibe auch eine Illusion, "dass man alle Menschen auf den gleichen Stand bringen kann".

Angesichts der offenen Widerstände sieht der vom Kabinett gebilligte Referentenentwurf nur eine schrittweise Einführung der Inklusion vor. Die Bezirksregierung ist gehalten, den Wunsch von Eltern auf eine inklusive Beschulung möglichst umzusetzen. Schülern mit Handicap soll in zumutbarer Entfernung ein Platz auf einer Regelschule angeboten werden. Die "Vorreiterschulen" können kleinere Klassen bilden und Sonderpädagogen einstellen.

Das Problem: Bisher fehlt Eltern und Schulen die Rechtssicherheit. Kommunen wissen nicht, wie sie Mehrausgaben für Barrierefreiheit und Integrationshelfer aufbringen sollen. Minister Löhrmann erinnert daran, dass sich die Vorgaben der UN-Behindertenkonvention an alle staatlichen Ebenen richtet. Gleichzeitig verspricht sie, im Schuljahr 2014/15 Lehrerstellen für Sonderpädagogen neu zu verteilen.

Integrationsminister Schneider beklagt die hohe Zahl der Förderschulen: "Da wird alles hingeschoben, was man vermeintlich im normalen Schulsystem nicht gebrauchen kann." Der Bildungsexperte Dolland macht einen alternativen Vorschlag: Schüler mit und ohne Handicaps sollen lediglich unter einem Schuldach integriert werden.

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