Pannen mit Regierungsjets

Bundesregierung hält Sabotage für denkbar

Wieder einmal gestrandet: Der Regierungsflieger „Konrad Adenauer“ auf dem Flughafen von Nusa Dua auf Bali. Finanzminister Olaf Scholz konnte von hier im Oktober 2018 nicht weiterreisen.

Wieder einmal gestrandet: Der Regierungsflieger „Konrad Adenauer“ auf dem Flughafen von Nusa Dua auf Bali. Finanzminister Olaf Scholz konnte von hier im Oktober 2018 nicht weiterreisen.

Berlin. Die Pannenserie bei der eigenen Flugzeugflotte löst bei Bundesregierung, Bundeswehr und Verfassungsschutz Argwohn aus. Ein ungeheuerlicher Verdacht steht im Raum: Sabotage oder Cyberattacken? Beweise gibt es nicht, aber Zweifel.

Es muss etwas passiert sein, sonst würde das Crew-Mitglied die Bundeskanzlerin jetzt nicht aus dem Besprechungsraum bitten. Die Journalisten, die gerade mit ihr hoch über den Wolken in der Regierungsmaschine „Konrad Adenauer“ sitzen, vermuten eine politische oder private Ausnahmesituation für Angela Merkel. Jedenfalls haben auch jene unter ihnen, die schon Dutzende Male mit der Kanzlerin gereist sind, einen solchen Moment noch nicht erlebt. Die Kanzlerin wird nie aus Gesprächen herausgerufen – normalerweise. Aber normal ist in dieser Geschichte keine Kategorie.

Vizekanzler Olaf Scholz überbrückt mit Einlassungen zur Finanzpolitik die Situation, die schon deshalb besonders ist, weil der SPD-Mann überhaupt mit an Bord ist. Regierungschefin und Stellvertreter reisen nur äußerst selten gemeinsam in einem Flugzeug. Schon aus Sicherheitsgründen. Scholz müsste ja das Land regieren, falls der Kanzlerin etwas zustoßen sollte.

Der Airbus „Konrad Adenauer“ ist an diesem 29. November 2018 auf dem Weg zum G20-Gipfel in Argentinien gerade eine Stunde in der Luft und ungefähr über Amsterdam, als Kapitän Jens Barfs der Kanzlerin meldet: Das Flugzeug ist kaputt. Und zwar richtig. Der Strom der Bordelektronik ist ausgefallen und damit das Funksystem für den Kontakt mit dem Boden – das Ersatz-Kommunikationssystem gleich mit. Barfs muss ein Notsignal absetzen. Mayday, Mayday. Er kann nur über ein Satellitentelefon Kontakt zur Flugleitstelle der Luftwaffe in Köln/Bonn halten. Ein Atlantikflug ohne Funkverbindung ist zu gefährlich. Nicht einmal eine Kanzlerin hat an Bord etwas zu bestimmen, der Kapitän entscheidet. Aber sie wird natürlich informiert und stellt sich genervt der Tatsache, dass der Flieger umdrehen und in Köln/Bonn landen soll.

Den G20-Auftakt wird sie verpassen. Über der Nordsee soll die mit 110 Tonnen Treibstoff vollgetankte Maschine einen Großteil ihrer entzündlichen Fracht ablassen. Das Problem ist nur: Die Klappe dafür lässt sich auch nicht komplett öffnen. Die Maschine muss mit circa 80 Tonnen Kerosin landen. Brandgefährlich. Mindestens. In diesem Moment kann die Besatzung nicht mehr sicher sein, dass nicht noch weitere Teile ausfallen werden. Das Triebwerk etwa. Die Piloten können sich die Ursachen nicht erklären. Ein solcher Fehler ist noch nie aufgetreten.

"Das war knapp"

Barfs warnt die Passagiere nur, dass die Maschine etwas hart aufsetzen könnte. Was sie dann auch tut. Aber er bringt die „Konrad Adenauer“ sicher auf den Boden. Und gilt als Held. In Fachkreisen heißt es, bei der Landung einer derart mit Kerosin überladenen Maschine darf der Pilot nicht den geringsten Fehler machen, sonst schießt das Flugzeug über die Landebahn hinaus. Etliche Feuerwehrwagen stehen bereit. Aber die „Konrad Adenauer“ kommt sicher zum Stehen. Allerdings kommen die Passagiere 70 Minuten nicht aus dem Flugzeug. Die Bremsen glühen und müssen erst gekühlt werden. Brandgefahr.

Nach der Fehlermeldung im Cockpit um 19.41 Uhr werden Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und der Inspekteur der Luftwaffe, Ingo Gerhartz, einst Tornado-Pilot in Afghanistan, alarmiert. Es wird für alle Beteiligten ein aufreibender Abend. Merkel ärgert sich zwar über die Panne. Doch im Innersten ist sie froh, dass alles gut gegangen ist. „Es war eine ernsthafte Störung“, räumt die nicht zur Übertreibung neigende Physikerin in der Nacht ein und lobt die „sehr, sehr exzellente Crew“ und Barfs als „den erfahrensten Kapitän der Flugbereitschaft“. Scholz sagt nur: „Das war knapp.“

Eine Vize-Regierungssprecherin erklärt tags drauf, es habe zu „keiner Zeit Gefahr für Leib und Leben“ bestanden, das Verteidigungsministerium macht allenfalls eine „höhere, abstrakte Gefahr“ aus und der Kommandeur der Flugbereitschaft, Oberst Guido Heinrich, will „kein“ Gefahrenpotenzial erkennen und spricht von einem „klassischen Ausfall eines Bauteils, wie es heute jederzeit passieren kann“. Dies sei bereits gewechselt und die Maschine wieder funktionstüchtig. In Geheimdienstreihen ist man hingegen alarmiert.

Ein ungeheuerlicher Verdacht

Die Aufregung an jenem Freitagmorgen sei groß gewesen, erinnert sich ein Verfassungsschützer. Man habe sofort an Sabotage oder einen Cyberangriff gedacht. Seither hören auch Bundeswehrangehörige aus Kanzleramt und Außenministerium immer wieder Spekulationen und Befürchtungen, ob es sich womöglich doch um einen gezielten Angriff gegen Deutschland, gegen die Bundesregierung, gehandelt haben könnte. Die Vorstellung ist ungeheuerlich.

In Bundeskriminalamtskreisen wird darüber gesprochen, ob es sich um eine Radarwaffe oder einen elektromagnetischen Puls gehandelt haben könnte – beides könnte in Flughafennähe abgegeben werden. Eine Anfrage unserer Redaktion lässt das BKA mit Hinweis auf die Zuständigkeit des Bundesverteidigungsministeriums unbeantwortet. Das Bundesverteidigungsministerium lässt das „Kommando Luftwaffe“ antworten.

Befürchtungen werden nicht entkräftet, wenn man sich die Pannenserie der Regierungsflieger anschaut. Im Juni 2018 war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wegen eines Hydraulikschadens am Airbus auf eine Ersatzmaschine umgestiegen, um nach Weißrussland zu kommen. Im Oktober fraßen Nagetiere in Indonesien Kabel der „Konrad Adenauer“ an, so dass Finanzminister Scholz mit einer Linienmaschine von einer IWF-Tagung zurück nach Berlin fliegen musste. Im November hatte die „Konrad Adenauer“ einen Triebwerkschaden während einer Südafrika-Reise von Steinmeier. Im Januar 2019 strandete er dann mit dem anderen Regierungs-Airbus A340 „Theodor Heuss“ wegen eines Druckluftproblems in Äthiopien, im selben Monat durchkreuzten Defekte an der Bombardier Global 5000 die Afrika-Reisepläne von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU).

Und weiter: Am 1. April soll Außenminister Heiko Maas (SPD) in New York erstmals eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates leiten. Die „Konrad Adenauer“ ist gerade frisch aus der dann doch sehr viel länger dauernden Reparatur- und Wartung bei Lufthansa Technik in Hamburg zurück. So klein war das Problem mit dem „klassischen Ausfall eines Bauteils“ doch nicht. Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine defekte sogenannte elektronische Verteilerbox – eine zentrale Schalteinheit in der Bordelektronik („Transformer Rectifier Unit“), durch deren Ausfall gleich zwei Funksysteme lahmgelegt worden waren, die sich im Notfall gegenseitig ersetzen sollen.

Langsam wird es peinlich

2010 hatte die Lufthansa das Kommunikationssystem vom Hersteller Airbus eingebaut. Allerdings wurde angeblich vergessen, die Flugbereitschaft der Bundeswehr darüber zu informieren, so dass die Piloten bei dem Störfall kein Update des Bordhandbuchs hatten. Lufthansa Technik, die die Flugzeuge wartet, erklärt dazu aber: „Lufthansa Technik hat beim Einbau der Kommunikationsanlage zu jedem Zeitpunkt sämtliche luftrechtliche Vorgaben eingehalten. Das gilt auch für den Umgang mit Dokumentationspflichten.“

In New York gelandet, bleibt Maas mit der Maschine erst einmal auf dem Rollfeld stehen. Der Kapitän meldet per Funk, es habe bei der Landung ein Problem gegeben. Der Reifen ist geplatzt. Die Luftwaffe meldet bald per Twitter: „Bei der Landung in den USA überhitzte ein Reifen des #A340 16+01 mit Außenminister @HeikoMaas an Bord. Das Sicherheitsventil ließ kontrolliert Luft ab. Der Reifen muss getauscht werden. Ggf. verzögert sich die Weiterreise. #Luftwaffe“. Dabei hatte laut „Spiegel“ die Lufthansa das Fahrwerk bei der Wartung gerade erst ausgetauscht. Nach den Gepflogenheiten am Flughafen John F. Kennedy darf der deutsche Flieger nicht mehr selbstständig weiter zur endgültigen Parkposition rollen, sondern muss dorthin geschleppt werden.

Minister nebst Delegation und Begleitpresse warten mehr als eine Stunde im Flugzeug, bis der US-Zoll die Delegation schließlich aussteigen lässt. Maas verpasst zwar nicht die eigentliche Sitzung des UN-Sicherheitsrates, aber einen gemeinsamen Auftritt mit Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian sowie den Auftakt einer Beratung des Sicherheitsrates und anderer Akteure zum Schutz humanitärer Helfer. Langsam wird es peinlich mit den Folgen für die Bundesregierung bei internationalen Terminen.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Mitglied im Verteidigungsausschuss des Bundestags, spricht von einem Imageschaden der Bundesregierung. Die größte Volkswirtschaft Europas bekomme es nicht auf die Reihe, ein professionelles Bild abzugeben. Das liege auch an falscher Bescheidenheit. „Kein Land hat so wenig Selbstbewusstsein wie Deutschland, sich genügend Regierungsmaschinen zuzulegen.“

Erneut platzt ein Reifen

Zehn Tage später muss die Luftwaffe die nächste Reifenpanne der „Konrad Adenauer“ melden. Nach Rückkehr der Maschine aus New York platzt bei einem Testflug wieder ein Reifen. Eine solche Reifenpanne komme zwar nicht häufig vor, sei aber auch „nichts Superaußergewöhnliches“, so ein Luftwaffensprecher. Nicht häufig? In diesem Fall binnen zehn Tagen zwei Mal.

Am 16. April dann der Beinahe-Absturz des kleineren Regierungsfliegers „Global 5000“ in Berlin-Schönefeld. Auch dieser Jet kam direkt aus der Wartung, diesmal von Lufthansa Bombardier Aviation in Berlin. Die Spoiler an den Tragflächen waren wohl falsch verkabelt worden, damit neigte sich das Flugzeug nach Informationen aus der Bundeswehr entgegengesetzt zur Lenkung. Auch diese beiden Piloten gelten als Helden, weil man mit einer solch fehlerhaften Steuerung eigentlich nicht mehr unfallfrei landen kann. Dem Vernehmen nach wollten die Piloten nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt nicht mehr in einen Flieger steigen, sondern mit dem Zug nach Hause fahren. Der Schock saß tief.

Die Staatsanwaltschaft Cottbus teilt allerdings auf Anfrage mit, dass sie von der Polizei des Landes Brandenburg „über die Anlage eines Überprüfungsverfahrens wegen des Vergehens der Gefährdung des Luftverkehrs gemäß §315a des Strafgesetzbuch unterrichtet worden ist.“ In dem Paragrafen geht es um die Frage, ob der Pilot berauscht war oder körperlich nicht in der Lage, das Flugzeug sicher zu lenken oder grob pflichtwidrig gegen Rechtsvorschriften verstoßen hat. Wenn man sich anschaut, wie die Piloten das Flugzeug trotz der falschen Steuerung ohne Bruchlandung zu Boden gebracht haben, kann man kaum glauben, dass sie betrunken waren. Ganz im Gegenteil.

Qualitätsmanagement auf dem Prüfstand

Die Fragen unserer Redaktion, ob die Einwirkung Unberechtigter auf die Software der von technischen Pannen betroffenen Regierungsflugzeuge ausgeschlossen sei, und ob es bei der technischen Wartung der Flugzeuge Manipulationen gegeben haben könnte, beantwortet das „Kommando Luftwaffe“ der Bundeswehr ausweichend. „Wir untersuchen alle Zwischenfälle stets sehr sorgfältig, um den ohnehin hohen Stand der Flugsicherheit weiter zu verbessern“, heißt es. Dies gelte insbesondere auch für die größeren technischen Störungen wie zum Beispiel die Landung der Global 5000 in Schönefeld, die durch General Flugsicherheit im Luftfahrtamt der Bundeswehr untersucht würden. „Selbstverständlich betrachten wir dabei auch laufend mögliche Zusammenhänge von Störungen und systematische Aspekte. Gleichwohl liegen uns derzeit dazu keine konkreten Erkenntnisse/Hinweise vor.“

Inoffiziell heißt es in der Bundeswehr: „Das hätte in einer Katstrophe enden können.“ Das komplette Qualitätsmanagement von Lufthansa komme jetzt auf den Prüfstand. Der General Flugsicherheit untersuche den Fall selbst und werde einen Bericht vorlegen. Das dauere mindestens bis September. Sind die Lufthansa-Tochterunternehmen womöglich eine Schwachstelle? Immerhin kontrollieren sie die Flugzeuge und nicht die Bundeswehr selbst. Bei Lufthansa werde jetzt „auch die letzte Schraube untersucht“, heißt es. Das Unternehmen stehe unter Druck und habe einen Ruf zu verlieren.

Auf Anfrage unserer Redaktion erklärte Lufthansa Technik: „Wir nehmen die von Ihnen erwähnten Vorfälle natürlich sehr ernst. Höchste Qualität und Sicherheit für unsere Kunden sind für uns ein absolutes Muss.