Fall Annette Schavan

Bruno Bleckmann kritisiert die Kampagne gegen das Plagiatverfahren

BONN. Bei Wein, Bier und Currywurst kamen sie noch einmal zusammen, politische Weggefährten und Spitzenvertreter der deutschen Wissenschaft. Die CDU-Politikerin Annette Schavan, bis zu ihrem Rücktritt im Februar 2013 Bundesministerin für Bildung und Forschung, hatte zur Abschiedsparty eingeladen - in freudiger Erwartung ihres neuen Jobs als Botschafterin Deutschlands beim Heiligen Stuhl in Rom.

Was sie dort vorfinden werde, verriet ihr gut informierter Parteifreund, EU-Kommissar Günter Oettinger: "Einen exzellenten Weinkeller soll es in der Botschaft geben", zitierte ihn die "Südwest Presse" Ende Juni und verzeichnete eine launige, vom Plagiats- und Rücktrittsthema unbelastete Atmosphäre in Berlins baden-württembergischer Landesvertretung.

Schavans Stimmungslage dürfte sich nach der Lektüre eines als "vertraulich" gekennzeichneten, gleichwohl im Internet kursierenden Papiers eintrüben. Der Althistoriker Bruno Bleckmann, als Dekan der Philosophischen Fakultät an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität mit Schavans Plagiatsverfahren betraut, hatte es dem Senat der Uni Anfang Juli vorgestellt.

Bleckmanns Papier ist sein persönlich gefärbter Abschlussbericht der Causa Schavan und zugleich ein brisanter Blick hinter die Kulissen des Wissenschaftsbetriebs. Auf 24 Seiten rekapituliert Bleckmann, was seit Eröffnung des Plagiatsverfahrens geschah. Auf 58 Seiten listet er ferner Dokumente auf, die untermauern, was Bleckmann "Kampagnencharakter" nennt.

Seit Ende 2011 hatte es Hinweise auf Unregelmäßigkeiten in Schavans Düsseldorfer Dissertation (1980) gegeben. Im Februar 2013 stellte der Hochschulrat den "Tatbestand einer vorsätzlichen Täuschung durch Plagiat" fest, erklärte die Arbeit für ungültig, man entzog Schavan den Titel. Ihre Anfechtungsklage wurde Mitte März 2014 vom Düsseldorfer Verwaltungsgericht abgewiesen.

Zwei Jahre lang war Bleckmann in die Causa Schavan involviert und unter Beschuss von CDU-Politikern von Hermann Gröhe über Kurt Biedenkopf bis Volker Kauder sowie von einer Reihe von Spitzenfunktionären des Wissenschaftsbetriebs. "Dass Plagiate eine schwere Störung des wissenschaftlichen Diskurses darstellen und in der Regel Täuschung indizieren, war, bevor der Fall der Ministerin die Gemüter erhitzte, eigentlich ziemlich unbestritten, ebenso wie die Definition des Plagiats als nicht gekennzeichnete Übernahme von fremdem geistigem Eigentum", schreibt Bleckmann.

Diese Standards verschoben sich offenbar im Fall Schavan. So gab es eine "Erklärung vorwiegend ehemaliger Granden der Wissenschaft" (Bleckmann) im Juni 2012, die die Verfolgung von Plagiatsvorwürfen als unwürdiges Spektakel bezeichneten, das ein Klima des Verdachts und der Bedrohung schaffe. Bereits im Mai 2012 registriert Bleckmann "massive Interventionen" akademischer Seilschaften.

Das Verfahren der Düsseldorfer Universität sei "der deutschen Wissenschaft nicht würdig", kritisierte der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss, im Oktober 2012. Als Höhepunkt der Kampagne gegen die Plagiatsuntersuchung wertet Bleckmann die Erklärung der "Allianz der Wissenschaftsorganisationen" (Januar 2013): Dort sei nicht nur "öffentlich die Integrität unseres Verfahrens in Zweifel gezogen" worden, man vermisste auch die "allgemeinen Prinzipien wissenschaftlicher Fairness und des Wissenschaftsethos".

Kritisch sieht Bleckmann auch Schavan selber. Sie habe "in ständiger Verquickung ihrer persönlichen Betroffenheit und ihrer Rolle als Wissenschaftspolitikerin mit immer wieder neuen Äußerungen dazu beigetragen, falsche Vorstellungen über das, was verhandelt worden ist, zu erwecken." Öffentlich habe sie von einer "zutiefst wissenschaftsfernen Entscheidung" gesprochen und noch im April 2014 vor Schülern erklärt, man habe ihr nicht das Abschreiben vorgeworfen, sondern dass sie Fußnoten an falsche Stellen gesetzt habe.

Einen gewissen Realitätsverlust verrät auch, dass Schavan in ihrem Online-Lebenslauf "1980: Promotion zum Dr. phil. (gültig bis 2014)" schreibt. Der Bonner Wissenschaftsrechtler Wolfgang Löwer bezeichnete am Dienstag den Passus als unzulässig. Denn ein rechtswidriger Verwaltungsakt werde rückwirkend aufgehoben. "Damit hat die Promotion nie als gültiger Staatsakt existiert", sagte Löwer.

Unterdessen ist die Düsseldorfer Universität selbst erneut in die Kritik geraten. Wenn es denn in der Dissertation Schavans derart deutliche Verfehlungen gegeben habe, warum sei das nicht schon 1980 aufgefallen? Das fragt sich der frühere Berliner Wissenschaftssenator George Turner, der Selbstkritik vermisst: "Es bleibt die Frage, warum eine Universität die Verantwortung früherer Mitglieder so konsequent ausblendet."

Im "Tagesspiegel" bemerkte Turner auch befremdet, dass der Düsseldorfer Rektor Michael Piper Bleckmann und Stefan Rohrbacher wegen "beispielhafter akademischer Zivilcourage" in der Causa Schavan ausgezeichnet habe, während man über eigene Fehler schweige. "Es gilt dann wohl auch hier: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Insofern ist das Verhalten der Düsseldorfer ein Lehrstück für falsch verstandene Kollegialität."

Info

Bleckmanns vertraulichen Bericht finden Sie hier.