Zeitgeschichte

Bücherverbrennung in Bonn, Stasi-Terror im Osten

Bonn. Eine lobenswerte Sache: In wenigen Wochen, am 10. Mai, genau 80 Jahre nach der Verbrennung nicht mehr erwünschter Bücher vor dem Bonner Rathaus, erhält die Stadt ein würdiges Mahnmal, das fortan auf dem Marktplatz an eine der ersten barbarischen Propaganda-Shows der frühen Nazi-Diktatur erinnern wird.

Die Landeszentrale für Politische Bildung steuert 50.000 Euro zur Verwirklichung bei, Spenden von mehr als 100 Bonner Bürgern summieren sich inzwischen auf rund 15.000 Euro. Ohne das Engagement vieler Bonner Bürger würde es das Mahnmal nicht geben - allen voran Wolfgang Deuling, 72 Jahre alt, zu Bundeshauptstadt-Zeiten Mitarbeiter in der SPD-Zentrale, Büroleiter und später persönlicher Referent von Hans-Jürgen Wischnewski, einem der engsten Vertrauten von Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Deuling, Initiator und unermüdlicher Kämpfer für das Mahnmal auf dem Marktplatz, sagte dieser Tage bei einem Gespräch mit dem General-Anzeiger: "Hätte ich geahnt, was da an bürokratischen Hemmnissen auf mich zukommt, hätte ich das Projekt niemals in Angriff genommen."

Wolfgang Deuling sorgte vergangenen Sommer auch dafür, dass ein Abschnitt des Bonner Rheinufers an der ehemaligen Synagoge nahe der Kennedybrücke in Moses-Hess-Ufer umbenannt wurde, in Erinnerung an den vor 200 Jahren in Bonn geborenen Frühsozialisten und Weggefährten von Karl Marx. Aus diesem Anlass besuchte Gregor Gysi die Bonner Rheinpromenade, was der Umbenennung eine besondere mediale Aufmerksamkeit bescherte.

600 Kilometer östlich von Bonn, in der neuen und alten Hauptstadt Berlin, hat der renommierte Stasi-Forscher Helmut Müller-Enbergs Quellen gesammelt, die ausgerechnet Wolfgang Deuling in die geistige Nähe einer anderen Diktatur rücken, die ähnlich brutal mit ihren Künstlern umsprang. Mehr noch: Die Quellen bringen Deuling und seine Ehefrau mit "Bob" und "Petra" in Zusammenhang, einst Top-Spione der Stasi in der Bundeshauptstadt Bonn.

Heinrich Heine schrieb 1821 in sein Drama "Almansor" den schon prophetisch anmutenden Satz: "Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." Vor 80 Jahren, am 10. Mai 1933, gingen überall in Deutschland "undeutsche" Werke der Weltliteratur in Flammen auf.

Nicht mehr erwünschte Autoren waren Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Thomas Mann, Bertha von Suttner, Joachim Ringelnatz, Erich Maria Remarque, Theodor Wolff und viele, viele andere. Auch Heinrich Heine. Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund organisierte reichsweit die Propagandaschau - auch in Bonn, wo man auf dem Marktplatz die Bücher mit Feuereifer in die lodernden Flammen warf.

Zwölf Jahre währte der Terror im Westen Deutschlands - im Osten hingegen, unter anderen Vorzeichen, mehr als ein halbes Jahrhundert, bis zum Fall der Mauer im November 1989. Natürlich ist das Hitler-Regime nicht mit dem SED-Regime vergleichbar, allenfalls mit jenem Stalins oder Pol Pots. In der DDR brannten keine Bücher.

Unerwünschte Publikationen gab es schlichtweg nicht zu kaufen, unerwünschte Autoren fanden keinen Verlag, und wer seine unerwünschte Meinung zu laut und zu deutlich sagte, landete in Bautzen oder wurde so wie Wolf Biermann ausgebürgert. Und für das subjektive Gefühl vieler DDR-Bürger, in einem Terror-Regime zu leben, sorgte schon das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), im Volksmund Stasi genannt.

In welch unfassbarer Dimension dieser DDR-Staat seine Bürger mitunter bis ins Schlafzimmer bespitzelte, wurde aber erst nach dem Mauerfall sichtbar, als Demonstranten der Bürgerrechtsbewegung am 15. Januar 1990 das 20 Hektar große Stasi-Hauptquartier an der Normannenstraße stürmten, um die dortigen Akten vor dem Reißwolf zu retten.

Rund 91 000 Menschen standen offiziell in Lohn und Brot bei der Stasi, darüber hinaus 189 000 "Inoffizielle Mitarbeiter" (IM), Agenten mit Tarnkappe also, die vornehmlich für die Bespitzelung der eigenen Bürger sowie als "Kundschafter des Friedens" in der Bundesrepublik angeworben und eingesetzt wurden.

In Berlin erwuchs aus der Stürmung und Besetzung des Stasi-Hauptquartiers durch die Bürgerrechtler eine neue Behörde mit dem etwas sperrigen Namen "Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik", der Einfachheit halber BStU genannt, im Volksmund auch Gauck-Behörde, nach deren erstem Chef, dem heutigen Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Als Behördenleiter Gauck und seine Mitarbeiter am 3. Oktober 1990 ihre Arbeit aufnahmen, mussten sie bald feststellen, dass in der kurzen Zeit des politischen Vakuums vor allem Akten der von Markus Wolf geleiteten Hauptverwaltung A (Auslandsspionage) bereits den Weg in den Reißwolf gefunden hatten. Damit gestaltete sich die Suche nach Ex-Stasi-Spionen in Westdeutschland zur wahren Sisyphusarbeit.

Erst viele Jahre später stellte sich heraus, dass Mikrofilm-Kopien jener Akten, die sogenannten Rosenholz-Dateien, schon in den Wirren nach dem Mauerfall auf obskurem Wege im Hauptquartier des US-Geheimdienstes CIA in Langley/Virginia gelandet waren; manche vermuten, per Umweg über einen abtrünnigen Agenten des russischen Geheimdienstes KGB. Die Washington Post feierte die Rosenholz-Operation der CIA als größten Geheimdienst-Coup seit Beginn des Kalten Krieges.

Weitere Jahre gingen ins Land, bis die Bundesregierung 2003 auf diplomatischen Wege erreichte, dass die CIA eine Kopie der Kopie in Form von 381 CD-Roms an die Gauck-Behörde herausrückte.

Nun eröffneten sich den Wissenschaftlern neue Möglichkeiten, fehlende Puzzleteile zu ergänzen und neue Spuren aufzunehmen. Einer dieser Wissenschaftler ist seit 21 Jahren der promovierte Politologe Helmut Müller-Enbergs, nebenbei Professor an der Historischen Fakultät der Universität Visby (Schweden). Müller-Enbergs enttarnte zum Beispiel 2009 den West-Berliner Kriminalbeamten Karl-Heinz-Kurras, der bei der Anti-Schah-Demonstration am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg mit einem Schuss aus kurzer Distanz in den Hinterkopf tötete: Kurras, so ermittelte Müller-Anbergs, war damals Stasi-Agent und wurde in den Akten unter dem IM-Tarnnamen "Otto Bohl" geführt.

2011 veröffentlichte Müller-Enbergs im Auftrag seines Arbeitgebers ein dickes wissenschaftliches Handbuch mit dem nüchternen Titel: "Hauptverwaltung A; Aufgaben-Strukturen-Quellen." Darin beschreibt er auch ein Agentenpaar namens "IM Bob" und "IM Petra", das in der SPD-Parteizentrale der Bundeshauptstadt Bonn ungemein fleißig war: 951 hochbrisante Informationen lieferte das Agentenpärchen nach Ost-Berlin, von denen die Stasi-Führung außerordentlich viele mit den Noten gut oder sehr gut bewertete.

In der Normannenstraße wurden nämlich tatsächlich Schulnoten für die Lieferungen der Agenten verteilt, als handelte es sich um die Beurteilung von Klassenarbeiten. "Dagegen war der Kanzler-Spion Günter Guillaume ein kleiner Fisch", versichert Stasi-Forscher Müller-Enbergs im Gespräch mit dem General-Anzeiger.

"Guillaume lieferte nur 45 Informationen und erhielt nie die Note 1." Der Fleiß von "IM Bob" und "IM Petra" wurde nicht nur finanziell belohnt: Stasi-Chef Erich Mielke erließ am 8. Februar 1980 den Befehl, "Bob" mit dem Kampforden "Für Verdienste um Volk und Vaterland" in Silber auszuzeichnen. Zwei Jahre später gab es den Orden in Gold. "Petra" musste sich mit Bronze begnügen.

Helmut Müller-Enbergs nannte in der Behördenpublikation auch die Klarnamen, so wie die Stasi-Abteilung HVA sie mit den beiden Agenten "Bob" und "Petra" in Verbindung brachte: Wischnewskis Büroleiter Wolfgang Deuling und seine Ehefrau, die damals als Angestellte in der SPD-Bundestagsfraktion tätig war.

Im Frühjahr 2012 erwirkte das Bonner Ehepaar vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg eine einstweilige Verfügung gegen die entsprechende Passage der Publikation. BStU-Behördenleiter Roland Jahn unterschrieb die Unterlassungserklärung (und erklärte dies später in einem Interview damit, er müsse ja schließlich den effektiven Einsatz von Steuergeldern im Auge behalten). Sein Mitarbeiter hingegen verweigerte die Unterschrift.

So kam es zur zivilrechtlichen Hauptsacheverhandlung gegen den beklagten Privatmann Helmut Müller-Enbergs vor dem Landgericht Hamburg, das für alle bundesweit vertriebenen Medienerzeugnisse zuständig ist. Dutzende Wissenschaftler aus aller Welt empörten sich schriftlich bei Behördenleiter Jahn, dass er seinen Mitarbeiter im Regen stehen lasse, und sammelten 5000 Euro für die Prozesskosten.

Nun gibt es eine Entscheidung: Das Gericht sieht sich als nicht zuständig, und das Ehepaar Deuling zog die Klage daraufhin vergangenen Monat zurück. Was zu dem juristischen Kuriosum führt: Stasi-Forscher Müller-Enbergs kann weiter die Namen nennen, seine Behörde (seit Jahns Unterschrift) aber nicht.

"Wir haben die Klage zurückgezogen, weil sich solch ein Rechtsstreit über Jahre hinziehen kann", sagte Wolfgang Deuling auf Anfrage des General-Anzeigers. "Da habe ich wirklich Besseres zu tun." Ob diese Haltung um des lieben Friedens Willen auch Mitte der 90er Jahre zur Zahlung einer Geldbuße in fünfstelliger Höhe führte? Deuling: "Ja. Um das Ganze abzukürzen und zu beenden."

Damals hatte die Bundesanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen das Ehepaar Deuling angestrengt und 1996 Anklage "wegen Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit" erhoben. Das Verfahren wurde 1998 gegen Verhängung einer Geldbuße eingestellt - wegen der bald zu erwartenden Verjährung. Wolfgang Deuling zahlte 10 000 D-Mark an die Staatskasse, seine Frau 5000 Mark. Mehrere ehemalige Stasi-Offiziere im Zeugenstand belasteten das Paar schwer und überraschten mit Intimkenntnissen.

Ebenso überraschend klingt die Schilderung des ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Norbert Gansel in der Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 28. Oktober 2012: Gansel beschreibt eine Kairo-Reise im Jahr 1987, die Wolfgang Deuling, damals Leiter der dortigen Außenstelle der Friedrich-Ebert-Stiftung, für ihn organisierte, und ein vertrauliches Gespräch mit dem ägyptischen Staatsminister Boutros Boutros-Ghali: "Wolfgang Deuling war als einzige weitere Person bei diesem Gespräch anwesend. Später habe ich dann erfahren, dass es einen Bericht eines IM Bob über den Inhalt dieses Gespräches in den Stasi-Akten gibt."

"Hauptverwaltung A; Aufgaben-Strukturen-Quellen". 356 Seiten, 5 Euro. Zu beziehen bei: BStU, Postfach 218, 10106 Berlin, Tel. 030 - 232 488 03