Umwelt

Auf der Suche nach dem Endlager

Fässer mit Atommüll stehen in rund 500 Metern Tiefe im Endlager für schwach und mittelradioaktiven Atommüll in Morsleben. Nach einer Endstation für hochradioaktiven Müll wird noch gesucht. FOTO: DPA

Fässer mit Atommüll stehen in rund 500 Metern Tiefe im Endlager für schwach und mittelradioaktiven Atommüll in Morsleben. Nach einer Endstation für hochradioaktiven Müll wird noch gesucht. FOTO: DPA

Berlin. Seit dieser Woche liegt ein Vorschlag für die Finanzierung des Atomausstiegs auf dem Tisch. Doch wo der hochradioaktive Abfall dauerhaft landen soll, ist offen. Die Kommission, die dies planen soll, sucht den Dialog mit den Bürgern.

Berührungsängste haben die Gäste nicht, das zeigt sich recht schnell nach der Begrüßung in dem früheren Produktionssaal einer Maschinenfabrik im Berliner Arbeiterviertel Moabit. Heute wird dort nichts mehr produziert. Man trifft sich dort zu Veranstaltungen, von der nüchternen Informationsmesse bis zum festlichen Bankett. Schon bald nach der Begrüßung haben sich Kleingrüppchen vor den vielen Stellwänden mit Informationstafeln gebildet, die in lebhafte Diskussionen verstrickt sind. Die Endlagerkommission, die nach fast zweijähriger Arbeit Mitte Juni ihre Empfehlung für die Suche nach einem Atommülllager vorlegen will, hat zum Bürgerdialog eingeladen.

An die 200 Menschen sind gekommen: Vertreter von Ökoverbänden wie dem BUND, Mitarbeiter der Asse AG aus Niedersachsen, Beamte des Wirtschaftsministeriums in Düsseldorf, ein Mitarbeiter des Hessischen Landesamtes für Natur- und Umweltschutz, Forscher vom Institut für Festkörperphysik. Man könnte anhand der Namenskärtchen ein „Who is who“ der Institutionen zusammenstellen, die nur irgendetwas mit Atomenergie oder Endlagerung zu tun haben. Nur einfache Bürger, die vom Angebot der Bürgerbeteiligung Gebrauch machen wollen, sind eine echte Rarität.

Jörg Sommer, der Sprecher der Endlagerkommission, hat eine einfache Erklärung dafür: Noch fühlen die meisten Menschen sich nicht betroffen, weil sie ein Endlager in ihrer Region für ausgeschlossen halten. Deshalb halte sich das Interesse der Normalbürger an den Dialogangeboten der Kommission meistens in Grenzen.

„Welche Regionen haben Sie dann überhaupt eingeladen – und wie?“, will Heidi Armbruster daraufhin wissen. „Ganz einfach: alle“, antwortet Sommer. „Wir haben sämtliche Landräte angeschrieben und von vielen einen Korb bekommen.“ Der eine habe gemeint, ein Endlager in seiner Weinbauregion sei ausgeschlossen, der andere glaubte, als Kurort auf der sicheren Seite zu sein. Das werde sich erst ändern, wenn konkrete Regionen als potenzielle Endlagerstandorte ins Auge gefasst würden, meint Sommer.

Streng genommen ist auch Armbruster keine Normalbürgerin. Die Frau aus dem Nordschwarzwald ist Ethnologin, lebt in Großbritannien und interessiert sich als Wissenschaftlerin für die Aufgabe, Akzeptanz für ein Atommülllager zu gewinnen. „Das ist ein globales Problem“, sagt sie. „Deshalb braucht es den grenzüberschreitenden, vergleichenden Blick.“ In Großbritannien habe es sogar einen auf Freiwilligkeit setzenden Vorstoß der Regierung gegeben, an dem einige Regionen sich beteiligten. „Aber das ist am Ende am Votum eines einzelnen County-Gouverneurs gescheitert“, erklärt die Wissenschaftlerin

Auf den letzten Metern bis zur Präsentation ihrer Empfehlung kann es für die Endlagerkommission noch einmal spannend werden. Zuletzt hatte ein Textentwurf heftige Reaktionen ausgelöst. In einer Passage über die Geschichte Gorlebens fand sich die Formulierung, ein Endlager dort sei nach Auffassung der Kommission „politisch nicht durchsetzbar“. Der CDU-Politiker Steffen Kanitz bezeichnete das rundweg als „nicht konsensfähig“ und attestierte der Formulierung „enorme Sprengkraft“. Die Kommissions-Vorsitzende Ursula Heinen-Esser zeigte sich „maßlos verärgert“. Eigentlich soll die Arbeit der Kommission „ergebnisoffen“ sein. In der nächsten Sitzung soll versucht werden, den Sprengsatz zu entschärfen.

Bis das Endlager steht, wird ohnehin noch einige Zeit ins Land gehen. Erst 2031 soll ein nach derzeitiger Planung ein Ort für das Endlager gefunden sein. Experten zweifeln daran: „Vor 2050 definitiv nicht“, sagt etwa Jörg Sommer von der Deutschen Umweltstiftung. Geplant ist, die radioaktiven Atomabfälle mehrere hundert Meter tief in einem Bergwerk zu entsorgen. Als geologische Formationen kommen vor allem Salz, Ton und Granit in Frage. Was die Kommission bisher erarbeitet hat, kann übrigens jeder einsehen: im Internet.

www.bundestag.de/endlager/