Porträt

Am Sonntag wird Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt 94 Jahre alt

BERLIN.  Natürlich Reihe eins. Vor ihm der obligatorische Aschenbecher. Eine Mentholzigarette glimmt. Vier weitere werden es in den nächsten 90 Minuten noch. Ein Kopfhörer stellt bestmögliche Akustik sicher. Links von sich seine Lebensgefährtin Ruth Loah. Und oben am Rednerpult steht sein Schachpartner: Peer Steinbrück, Kanzlerkandidat der SPD.
Helmut Schmidt scherzt im August 2012 mit Kindern in der Turnhalle der Loki-Schmidt-Schule in Hamburg.
							Foto: dpa
Helmut Schmidt scherzt im August 2012 mit Kindern in der Turnhalle der Loki-Schmidt-Schule in Hamburg. Foto: dpa

Natürlich hat sich Alt-Bundeskanzler Schmidt an einem Tag wie diesem nach Hannover aufgemacht, obwohl es mit seiner Gesundheit nicht mehr zum Besten steht. Aber für die SPD, für deren Rückkehr an die Macht im Bund unter Steinbrücks Führung tut Schmidt im Alter von da noch 93 Jahren, was er kann. Dabei sein, Flagge zeigen, Rauchzeichen senden. Eine Rede Schmidts bei Steinbrücks Kandidatenkür hatte sich die Parteitagsregie offen gehalten. Doch Schmidt verzichtet.

Wenn Schmidt am Sonntag seinen 94. Geburtstag feiert, sind ihm selbstredend auch Glückwünsche des aktuellen Kanzlerkandidaten sicher. Noch vor einem Jahr hatte Schmidt beim Parteitag in Berlin der SPD eine Art Vermächtnis hinterlassen, eine große Geschichtsstunde mit Verweis auf Winston Churchill, Robert Schuman und Jean Monnet, eine Warnung vor Tendenzen der Renationalisierung in Europa und ein glasklares Plädoyer für den Euro und Europa. "Schmidt Schnauze" hat gesprochen und die Delegierten im Saal erheben sich zur Ovation.

So kennt das Schmidt seit Jahren. Auftritte von ihm sind in aller Regel ausverkauft. Sein Name ist gewissermaßen Synonym für natürliche und gewachsene Autorität. Seine Partei hatte, wie so oft bei Kanzlern während deren Regierungszeit, mit Schmidt ihre Probleme. Und er mit ihr.

Sein Eintreten für den NATO-Doppelbeschluss zur Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa Anfang der 80er Jahre schuf eine große Distanz zwischen ihm und Teilen der aufrüstungskritischen SPD. Gut zwei Jahrzehnte später erinnerte ein gewisser Joschka Fischer bei einem Bundesparteitag einer anderen Partei, dass die Grünen, "liebe Freundinnen und Freunde, nicht gegen Helmut Kohl, sondern gegen Helmut Schmidt gegründet" worden seien.

Als Bundeskanzler steuerte Schmidt die von ihm geführten sozial-liberalen Regierungen zwischen 1974 und 1982 durch schwierige Zeiten mit schwersten Krisen. Unvergessen der "Deutsche Herbst" 1977, als er Entscheidungen über Leben und Tod treffen musste. Mit die schwersten Stunden durchlitt und erlebte Schmidt in den Tagen der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" durch ein palästinensisches Terrorkommando, das inhaftierte Gesinnungsgenossen der Rote Armee Fraktion (RAF) freipressen wollte.

Die deutsche Polizei-Eliteeinheit GSG 9 in Mogadischu/Somalia stürmte die Maschine und befreite die Geiseln. Im Falle eines Blutbads wäre Schmidt zurückgetreten. Erst 1982 zwangen Union und FDP Schmidt nach dem Bruch der sozial-liberalen Koalition durch ein konstruktives Misstrauensvotum zum Rücktritt.

Abo-Bestellung

Leserfavoriten

Folgen Sie uns auf Google+