Interview

„Dies ist eine Zeit der Chancen“

Matin Lashkari ist Bloggerin.

Matin Lashkari ist Bloggerin.

Junge Frauen werden den Iran verändern, wenn die Zeit kommt, meint Bloggerin Matin Lashkari. Ihre Generation ist hungrig nach Wandel.

Selbstbewusst, klug und offen: Matin Lashkari (26) repräsentiert den jungen, neuen Iran. Sie hofft auf mehr Freiheiten – und einen anderen Blick des Westens auf die Frauen im Iran.

Wie fühlt es sich an, heute eine junge Frau im Iran zu sein?

Lashkari: Es ist eine Zeit der großen Chancen. Wenn man sich andere Städte im Ausland anschaut, dann gibt es dort viel Konkurrenz. Hier in Teheran kommt man mit einer einfachen, guten Idee schon sehr weit. Es ist derzeit leicht, erfolgreich zu sein. Das Land ist nicht übersättigt, im Gegenteil: Vieles fehlt uns. Es ist die perfekte Zeit für junge Start-ups. Manche Frauen spielen ihre Ideen über soziale Medien aus, und wenn sie etwa über Instagram bekannt geworden sind, nutzen sie ihren Ruf, um darauf ein Business aufzubauen. Das war lange undenkbar.

Sie sind Grafikdesignerin und bloggen auf www.travestyle.com nebenher übers Reisen und Leben im Iran. Warum?

Lashkari: Das Blog zeigt, dass ich als Iranerin mein Leben lebe, es genieße, dass ich tun kann, was ich tun will – trotz der Einschränkungen. Alleinreisende Frauen im Nahen Osten sind eine große Sache. Man macht das eigentlich nicht. Wenn ich aber darüber schreibe, inspiriert das auch andere Frauen.

Einer Ihrer meist geklickten Blogbeiträge ist die „Anleitung zum Aufbrezeln für Mädchen“. Was bedeutet das Kopftuch heute im Iran?

Lashkari: Immer, wenn es Kleidungsvorschriften gibt, spielen Werturteile eine große Rolle. Eine Frau, die Tschador trägt, gilt gleich als ultrakonservativ. Diese Rückschlüsse greifen zu kurz. Ja, diese Frauen sind zwar religiöser, aber vielfach weltoffener als Frauen mit lässigem Kopftuch. Sie mögen anders aussehen, aber ähnlich denken wie Sie. Das Kopftuch ist inzwischen Mode-Statement, es dekoriert mehr, als dass es verhüllt. Es gibt bei uns unzählbar viele verschiedene Arten, es zu tragen. Nur der Westen muss sich von eigenen Vorurteilen trennen: Ein Kopftuch bedeutet nicht immer Unterdrückung und null Sozialstatus. Viele Iranerinnen, alle mit Kopftuch, kämpfen hart – und gut. Der Fingerzeig auf Defizite ermuntert nicht, er bremst Selbstwertgefühl. Zeigt uns mal Anerkennung!

Die Gesellschaft öffnet sich derzeit ein wenig, auf Instagram zeigen Frauen sich inzwischen auch mal ganz ohne Kopftuch. Sind sie der Motor für Veränderung?

Lashkari: Ja, davon bin ich fest überzeugt. Frauen im Iran kleiden sich mittlerweile anders, sind aktiver, unabhängiger in ihren Beziehungen, sie arbeiten häufiger und bekleiden bessere Positionen. Sie sind der Schlüssel zum neuen Iran.

Wie überzeugen Sie Ihre Leser weltweit davon, dass es heute okay ist, in den Iran zu reisen?

Lashkari: Es war immer schon eine gute Zeit! Unsere Kultur hat ja eine lange, reiche Tradition. Aktuell mag aber die beste Zeit sein, denn so sehr der Iran im Rampenlicht steht, so ist er ein vom Tourismus fast unberührtes Land. Mein Blog beschönigt aber nichts. Uns fehlen günstige Hotels und Restaurants, der Nahverkehr ist unbequem, Visa-Probleme gibt es auch bisweilen. Eine Reise durchs Land ist also nicht nur angenehm. Wert ist sie es aber allemal.

Sind Sie Optimistin oder Pessimistin, wenn Sie auf die Zukunft des Iran blicken?

Lashkari: Ich hatte immer den Eindruck, dass der Iran sich verändert, selbst vor einem Jahrzehnt hat man ja Wandel gespürt. Nun aber habe ich mehr Hoffnung – einerseits. Andererseits stimmen mich Donald Trump und die Unterstützung, die er genießt, auch skeptisch. Nicht alle Sanktionen gegen den Iran sind aufgehoben, neue treten in Kraft. Ich hatte nach Wegfall des Embargos an rasanten Wandel geglaubt. Heute denke ich: Dies wird langsamer passieren – aber es wird passieren. ⋌