Vor 60 Jahren startete das deutsche Fernsehen

Berlin.  Die Mattscheibe war noch schwarz, der Wettlauf um das erste Fernsehbild aber längst im Gange. Im Frühjahr 1950 bezogen DDR-Techniker eine Baracke in Berlin-Adlershof, in Hamburg experimentierte der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) mit TV-Technik.
Ein Fernsehstudio des NWDR (Nordwestdeutscher Rundfunk) in Hamburg-Lokstedt im Jahre 1953. Foto: NWDR
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Ein Fernsehstudio des NWDR (Nordwestdeutscher Rundfunk) in Hamburg-Lokstedt im Jahre 1953. Foto: NWDR Foto: DPA

Zwei Jahre später konnten die Zuschauer diesseits und jenseits der innerdeutschen Grenze die ersten Bilder sehen. Zur Weihnachtszeit 1952, mit einem Abstand von nur wenigen Tagen, starteten die beiden Systeme in den Äther. Nach 60 Jahren ist der deutsch-deutsche Wettstreit Mediengeschichte.

Es war ein Rennen um das erste Testbild. Pünktlich, zum 73. Geburtstag des sowjetischen Staats- und Parteichefs Josef Stalin, ging das DDR-Fernsehen am 21. Dezember 1952 mit einem Versuchsprogramm auf Sendung. Vier Tage später strahlte der NWDR eine erste Testreihe aus und begann am ersten Weihnachtsfeiertag mit dem regulärem Angebot. Ein Tag später läutete schon der erste Gong für die "Tagesschau".

Bei den Ostdeutschen ging das Versuchsprogramm offiziell bis Ende 1955. Am 2. Januar 1956 startete der Deutsche Fernsehfunk (DFF). Mit dem Namen wollte die DDR den Anspruch auf ein gesamtdeutsches Programm untermauern. Die DDR glaubte sich in der Position, eine Wende in der westdeutschen Politik erreichen zu können, schreibt die Historikerin Claudia Dittmar in ihrer Studie "Feindliches Fernsehen" (2010).

Mehr als zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatten die Deutschen in Ost und West einen Teil der Rundfunkhoheit zurückgewonnen. In Stockholm hatte die Europäische Wellenkonferenz den jeweiligen Sektoren der Besatzungsmächte Frequenzen zugeteilt. In Hamburg gab die britische Militärverwaltung 1948 die Erlaubnis, einen Fernsehsender aufzubauen, in der DDR stand die sowjetische Militärverwaltung Pate für die TV-Zukunft.

Mit dem Aufbau des Sozialismus sollte in der DDR ein zentraler Rundfunk entstehen. "Wir müssen morgen anfangen zu senden, als ob wir richtiges Programm haben", gab der Generalintendant des Staatlichen Rundfunkkomitees, Kurt Heiß, die Parole aus.

Tatsächlich ging das Programm nur von acht bis zehn Uhr abends und bot die "Aktuelle Kamera". Lediglich 60 Berliner konnten zunächst die Bilder empfangen. Westfernsehen war tabu: Die sowjetischen Geräte waren so eingestellt, dass nur ein Programm zu empfangen war.

Und die DDR hatte mit Nachschub zu kämpfen. Schrittweise wurde das Netz ausgebaut, 1958 waren zumindest schon 300 000 Geräte angemeldet. Auch das Programm wurde dichter, zunächst mit Wiederholungen der Abendsendungen am nächsten Vormittag, dann lief die wohl bekanntesten Figur der DDR-Fernsehgeschichte zum ersten Mal: "Das Sandmännchen".

Auch im Westen war der Start alles andere als rasant. Gerade einmal 2000 angemeldete TV-Geräte, also praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, lief das erste Westprogramm an. In den USA gab es damals schon 18 Millionen reguläre TV-Zuschauer. "Wir versprechen Ihnen, uns zu bemühen, das neue, geheimnisvolle Fenster zu Ihrer Wohnung, das Fenster in die Welt, mit dem zu erfüllen, was Sie interessiert, Sie erfreut und Ihr Leben schöner macht", verkündete Intendant Werner Pleister.

Danach wurden die Fernsehspiele "Stille Nacht" und "Max und Moritz" live im Studio aufgeführt. Um 21:58 Uhr war Schluss und Irene Koss, erste Ansagerin im westdeutschen Nachkriegs-Fernsehen, gab zu Protokoll: "Wir sehen uns morgen wieder."

1963 wurden in der Bundesrepublik die Weichen für den Start eines zweiten Fernsehprogramms gestellt: Am 1. April 1963 nahm das ZDF seinen Sendebetrieb auf, im folgenden Jahr starteten die dritten Programme der ARD. Und mit der mit der Einführung des Farbfernsehens im August 1967 zeigte sich, wie tief der Graben zwischen den beiden deutschen Staaten gezogen war: Während in der Bundesrepublik das sogenannte PAL-Farbfernsehsystem umgesetzt wurde, entschied man sich in der DDR für die Secam-Methode. Wer im Westen Ost-Fernsehen gucken wollte, empfing die Sendungen weiterhin nur schwarzweiß.

Trotz des Wettstreits: Am Ende erwies sich das Fernsehen als entscheidender Faktor für das Ende der deutschen Teilung. Als am 9. November 1989 Günter Schabowski aus der Politbüro-Sitzung in Ost-Berlin vor die Kameras trat und live im Nebensatz die Reisefreiheit für DDR-Bürger verkündete, klebten Millionen an ihren Geräten. In wenigen Minuten veränderte sich die Geschichte.

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