Reality-Format mit Schmuddelcharakter

Britische Politikerin im Dschungelcamp

London.  Als vor wenigen Tagen elf britische Prominente der Kategorien B, C und D in den australischen Dschungel einzogen, schauten auf dem Privatsender ITV fast zwölf Millionen Menschen zu.
Für die konservative Parlamentsabgeordnete Nadine Dorries sind Ratten und Schlangen nichts Neues. Foto: Dods
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Für die konservative Parlamentsabgeordnete Nadine Dorries sind Ratten und Schlangen nichts Neues. Foto: Dods Foto: DPA

Das Reality-Format mit Schmuddelcharakter hat dieses Mal eine völlig neue, ernsthafte Debatte ausgelöst, denn erstmals sitzt ein aktiver Politiker mit im Camp: die konservative Parlamentsabgeordnete Nadine Dorries. Nun häufen sich plötzlich die Stimmen, die fragen: Erreicht ein Politiker sein Volk über eine Fernsehshow vielleicht besser als über eine langweilige Parlamentsdebatte mit antiquierten Riten?

Das politische Establishment in Westminster sieht das komplett anders. "Eine Abgeordnete gehört ins Parlament und in ihren Wahlkreis", ließ Premierminister David Cameron ausrichten, völlig ohne Verständnis für die vierwöchige Australien-Auszeit seiner Parteifreundin. Der 55-Jährigen schwante bereits einiges, als sie vor ihrem Abflug einen Beitrag für einen Internetblog schrieb, der erst nach Sendestart veröffentlicht wurde: "Mitten in der Rezession kümmere ich mich um Ratten und Schlangen in einem Dschungel - gar nicht so ein großer Unterschied zu Westminster."

Die Tories schlossen die Politikerin erst einmal wutschnaubend aus der Parlamentsfraktion aus. Wenn sie wieder zurück sei, könne sie erklären, was das Ganze soll, hieß es hinter vorgehaltener Hand. Premier Cameron ist sowieso nicht so gut auf die Dame zu sprechen, seit sie ihn und seinen Schatzkanzler George Osborne einmal als "Posh Boys" aus der Oberschicht bezeichnet hatte, die völlig die Bodenhaftung verloren hätten.

Nadine Dorries passt nicht so Recht ins Schema der Konservativen. Sie ist ein Kind der Arbeiterklasse, die feinen Sprösslinge aus dem Eliteinternat in Eton sind ihr eher suspekt. Gewieft im Setzen medienwirksamer Themen, hat sich die gelernte Krankenschwester - obwohl Hinterbänklerin - in ihren sieben Jahren Parlamentsarbeit immer wieder mal Gehör verschafft.

Einmal setzte sie sich dafür ein, Frauen auf der Arbeit nicht mehr zum Tragen von High Heels zu verpflichten. Ein anderes Mal machte sie sich dafür stark, dass Mädchen im Sexualkunde-Unterricht das "Nein-Sagen" beigebracht wird, statt sich mit 13 schon entjungfern zu lassen. Im Moment ist es ihr ganz wichtig, Abtreibungen künftig nur noch zu erlauben, wenn seit der Empfängnis nicht mehr als 20 Wochen vergangen sind - in Großbritannien liegt die Grenze derzeit bei 24 Wochen.

Diese Themen an den Mann zu bekommen - da kommt ihr die Dschungelshow gerade recht. "Die Show "X Factor" haben mehr Leute gesehen als bei der Parlamentswahl gewählt haben", schrieb sie. "Ich glaube, wir Politiker müssen weniger Zeit damit zu verbringen, untereinander zu reden und mehr Zeit damit, mit den Leuten zu reden."

Ganz kurzfristig gesehen, sind für Frau Dorries jedoch nicht die Politiker das Problem, sondern die Zuschauer. Diese wollen nämlich lieber das nackte Hinterteil von Boxer David Haye und die Bikini-Figur von Seifenoper-Schauspielerin Helen Flanagan sehen. Die Dschungel-Politikerin haben sie per Telefon-Votum gleich an den ersten beiden Tagen zur Ekel-Prüfung geschickt. "Ich habe nichts anderes erwartet, Politiker sind nicht so beliebt", sagte sie.

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