Ungeklärter Tod in Bad Honnef

Zu den Akten: Der Todesfall Jens Bleck

BONN. Im November 2013 kam der 19-jährige Student aus Bad Godesberg auf mysteriöse Weise ums Leben. Die Bonner Staatsanwaltschaft stellt ihre Ermittlung dazu erneut ein. Der FDP-Abgeordnete Gerhard Papke fordert Antworten im nordrhein-westfälischen Landtag.

Nach Ansicht der Bonner Ermittlungsbehörden ist der Fall Jens Bleck nicht aufzuklären. Wie erst jetzt bekannt wurde, stellte die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit dem mysteriösen Tod des 19-jährigen Bad Godesberger Studenten Jens Henrik Bleck zum wiederholten Mal ein.

Das Datum der jüngsten Einstellung lautet 18. Januar 2016; am 1. Februar traf die entsprechende Mitteilung der Staatsanwaltschaft Bonn per Post beim Rechtsanwalt der Eltern ein. Am 10. Februar kondolierte Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa dem Ministerialbeamten Torsten Bleck und seiner Frau Alma schriftlich.

„In Ihrem Brief schreibt Frau Brohl-Sowa auch, dass alle Spuren nicht zielführend gewesen seien“, sagte Torsten Bleck dem General-Anzeiger. „Und dass wir damit leben müssten, keine erschöpfenden Antworten auf unsere Fragen zu bekommen. Meine Frau und ich sind aber anderer Auffassung. Wir sind im Gegenteil der festen Überzeugung, dass sich die Wahrheit über den Tod unseres Sohnes in absehbarer Zeit offenbaren wird – auch wenn dies eigentlich nicht unsere Aufgabe, sondern die Aufgabe der Ermittlungsbehörden sein sollte.“

Wie berichtet, war Jens Bleck vor mehr als zwei Jahren, in der Nacht zum 9. November 2013, nach dem Besuch der am Bad Honnefer Rheinufer gelegenen Diskothek „Rheinsubstanz“ ums Leben gekommen. Zwei Wochen später wurde seine Leiche 50 Kilometer flussabwärts im Kölner Norden im Rhein gefunden. Die Diskothek, die schon zuvor mehrfach im Zusammenhang mit heimlich ins Glas geschütteten K.-o.-Tropfen, verbotswidrig eingelassenen Minderjährigen auch nach Mitternacht und Gewalt-Exzessen ins Gerede gekommen war, schloss ihren Betrieb überraschend im Mai 2015.

Geldbörse in Uniformtasche eines Polizisten

Am frühen Morgen jenes 9. November 2013 teilte die Polizei den Eltern mit, man habe die Geldbörse ihres Sohnes am Bad Honnefer Rheinufer gefunden; das lasse den Schluss auf Suizid zu. Selbst als Zeugen bald klarstellten, dass die Geldbörse keineswegs am Rheinufer lag, sondern in der Uniformtasche eines Polizeibeamten steckte, weil Jens Bleck sie ihm in der Nacht ausgehändigt hatte, wurde an der abwegigen Suizid-Theorie festgehalten. Den Personalausweis des Studenten fand man in Köln in der Kleidung der Leiche.

Viel Zeit verging, weil sich die Staatsanwaltschaften in Bonn und Köln uneinig waren, wer für die Ermittlungen zuständig sei. Bis die Kölner im Frühjahr 2014 ganz deutlich wurden: Man erwarte, dass die Staatsanwaltschaft Bonn die Möglichkeit eines Fremdverschuldens prüft und die Eltern entsprechend unterrichtet.

Erst als der General-Anzeiger den Fall im Herbst 2014, ein Jahr nach Jens Blecks Tod, noch einmal aufgriff, kam erneut Bewegung in die Ermittlungen. Eine Zeugin meldete sich bei der Polizei; der Bericht im General-Anzeiger habe sie sehr aufgewühlt, sie wolle deshalb ihre ursprüngliche, unwahre Aussage korrigieren, um ihr Gewissen zu erleichtern. Ferner wurde gegen zwei Tatverdächtige ermittelt. Die Aufklärung schien nur noch eine Frage der Zeit...

Dann wurde es wieder still. Und zur völligen Überraschung der Eltern wurden die Ermittlungen im Herbst 2015 offiziell eingestellt.

Anwalt legte Beschwerde ein

Der Anwalt der Familie legte dagegen Beschwerde ein. Wenig später wurde das Verfahren wieder aufgenommen. Offizielle Begründung: wegen der „Ermittlungsanregungen“ im Brief des Rechtsanwalts. Dabei stand in dem anwaltlichen Schreiben nichts, worauf Alma und Torsten Bleck die Ermittler nicht schon seit zwei Jahren immer wieder hingewiesen hatten.

Nun wurde wieder eingestellt.

Der Fall Jens Bleck bewegt die Menschen. Das verdeutlichten die zahlreichen Leserbriefe, die den General-Anzeiger erreichten, aber auch die Zahl der Besucher bei einem Gedenkgottesdienst am 8. Dezember 2015 in der Bonner Kreuzkirche. Rund 90 Menschen unterschrieben einen dort verlesenen Brief an NRW-Justizminister Thomas Kutschaty, zuständig für die Staatsanwaltschaften im Bundesland. Das war vor drei Monaten. Bis heute wartet die Initiatorin des Briefes, die Bad Godesberger Bürgerin Änne von Bülow, auf Antwort aus dem Ministerium. Auch ein Brief des Vaters des 19-Jährigen im Januar an NRW-Innenminister Ralf Jäger, den obersten Dienstherrn der Polizeibehörden im Lande, blieb unbeantwortet.

Fall Bleck wird Thema im Landtag

Die FDP-Fraktion im NRW-Landtag wird nicht so lange auf eine Antwort warten müssen – ungeachtet dessen, wie erschöpfend sie sein wird. Für die Sitzung des Rechtsausschusses am Mittwoch, 9. März, beantragte die FDP vergangene Woche einen weiteren Tagesordnungspunkt: Sie fordert Antworten auf Fragen, die sich ihrer Auffassung nach zu den „Ungereimtheiten“ in Bezug auf den Fall und die Ermittlungen stellen.

„Wie viele Leser des General-Anzeigers habe ich die Berichterstattung über den Fall Jens Bleck mit Betroffenheit verfolgt“, sagte auf Anfrage Gerhard Papke, FDP-Abgeordneter und Vizepräsident des NRW-Landtags. „Das Siebengebirge ist meine Heimat, Bad Honnef gehört zu meinem Wahlkreis. Die Insel Grafenwerth ist ein zauberhafter Ort, der zum Schauplatz eines schrecklichen Geschehens wurde. Es darf nicht sein, dass ein junger Mensch sterben musste, ohne dass alles getan wird, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen“, so Papke. „Aus meiner Sicht ergeben sich aus den bisherigen Ermittlungen derart viele Fragezeichen, dass der Fall Jens Bleck auch parlamentarisch aufgegriffen werden muss. Es ist nicht Aufgabe des Landtags, Straftaten aufzuklären – aber er kann diese Aufklärung einfordern.“