Braunkohletagebau

Wenn der Bagger sich dem Schlafzimmer nähert

06.02.2016 Im rheinischen Revier sind viele Menschen sauer. Es herrschen Enttäuschung und Zukunftsangst. Einerseits werden Dörfer weiter umgesiedelt, obwohl die Braunkohle aus Klimaschutzgründen keine Zukunft hat. Gleichzeitig sind erste Kraftwerks-Stilllegungen beschlossen und damit Arbeitsplätze gestrichen. Unterwegs zwischen Kuckum, Borschemich und Niederaußem.

Bis der große Bagger kommt, dauert es hier in Kuckum bestimmt noch 15, vielleicht sogar 20 Jahre. Doch für Hans Josef Dederichs ist er schon ganz nah: „Jeden Morgen, wenn ich wach werde, schaue ich auf den Bagger“, sagt der 51-Jährige. Und er weiß: Auch wenn dieser noch drei, vier Kilometer entfernt ist, eines Tages wird er auch Haus, Garten und das ganze Grundstück wegschaufeln. Die Expansion des Braunkohle-Abbaus geht also erst einmal weiter, obwohl Deutschland aus Klimaschutzgründen bei der Kohleverstromung den Rückwärtsgang eingelegt hat.

Kuckum ist ein Stadtteil von Erkelenz und liegt in jenem Areal, das vor Jahrzehnten als Braunkohle-Abbaugebiet Garzweiler II bekannt wurde – also dem Untergang geweiht ist. Dederichs will einer der ersten sein, die umziehen. „Ich will mir den täglichen Blick auf den Bagger ersparen“, sagt er, „ich bin es einfach leid.“ In seinem künftigen Schlafzimmer höre er vielleicht die Autobahn oder den Schienenverkehr, „der Bagger ist dann aber aus dem Sichtfeld raus“.

Auszug aus Kuckum, Einzug in Neu-Kuckum

In diesem Monat kann sich Dederichs für drei Grundstücke in Neu-Kuckum vormerken lassen. Im April startet die Frist für Verhandlungen mit RWE über den Verkauf des alten Grundstücks, und wenn alles gut geht, könnte der Hausbau schon in gut einem Jahr beginnen. Dann ist sein Kampf – zuerst gegen Rheinbraun, dann gegen RWE – zu Ende.

Dederichs, der 17 Jahre die Bürgerinitiative „Stoppt Rheinbraun“ geführt hat, ist tief enttäuscht. „Wir hatten nie eine echte Chance gegen die Braunkohlelobby“, sagt er. Düsseldorfer Regierungschefs und Minister seien oft bei den Bergarbeitern gewesen, um sie zu beruhigen und ihnen zu sagen, dass am weiteren Tagebau nicht gerüttelt werde. „Hier hat sich keiner der Ministerpräsidenten von Rau über Clement, Steinbrück und Rüttgers bis Kraft blicken lassen.“

Selbst von seiner Partei, den Grünen, fühlten sich die Menschen hier schlecht behandelt, so Dederichs. „Bärbel Höhn hat immer wieder gesagt: Mit uns wird es kein Garzweiler geben.“ Doch die Hoffnungen zerschlugen sich schnell. Als einzigen Erfolg verbucht er, dass das Plangebiet um einige Dörfer verkleinert wurde. Sollten ursprünglich 12 000 Menschen umgesiedelt werden, so hieß es Ende der 90er Jahre, 8000 müssten ihre Häuser verlassen. Im vorigen Jahr nun nahm das Land das Dorf Holzweiler und einen Hof mit rund 1800 Bürgern aus dem Gebiet heraus. Macht 6200.

Während die Menschen dort also bleiben dürfen, steht für die Kuckumer bald der Auszug an: „Viele wissen noch nicht, was sie tun sollen“, sagt Dederichs, „hier gibt es viele große Grundstücke, in Neu-Kuckum werden sie kleiner, da ist dann kein Platz mehr für den Hühnerstall, den Garten oder die Obstbaumwiese.“ Andere sorgten sich darum, dass sie jahrelang auf einer Baustelle wohnen müssten. Gerade ältere Bürger seien sehr verunsichert. „Die fühlen sich zu jung für betreutes Wohnen, aber zu alt für einen echten Neuanfang.“

Dorf-WG mit Untiefen

Und dann wäre da noch die Sache mit der Nachbarschaft: Weil ein eigenes Neubau-Dorf womöglich zu klein wäre, haben sich die Kuckumer entschieden, mit den Keyenbergern, den Berverathern sowie den Unter- und Oberwestrichern zusammenzuziehen. Eine Dorf-WG mit Untiefen. „Es erinnern sich heute immer noch Leute daran, dass sie vor 60 Jahren mal von einem aus dem Nachbardorf einen Tritt vors Schienbein bekommen haben“, sagt Dederichs. Den Gegner von damals als Nachbar? Niemals. Oder die Geschichte mit den Schützen. Die Kuckumer Schützenbruderschaft ist die größte im ganzen Stadtgebiet. Jetzt befürchten die Vereine der anderen Dörfer, dass die Kuckumer das ganze Dorfleben an der neuen Stelle dominieren würden.

Was Hans Josef Dederichs und viele seiner rund 470 Mitbürger noch vor sich haben, hat Familie Rosen schon bewältigt – den Umzug von Borschemich ins neun Kilometer entfernte Neu-Borschemich. Und wie ist es im neuen Dorf? „Man kann den Verlust der Heimat mit nichts gutmachen“, sagt Sabine Rosen. Dennoch wolle ihre Familie – sie, ihr Mann und der 16-jährige Sohn – „das Beste draus machen“. Gut die Hälfte der knapp 700 Einwohner seien mitgezogen. Die anderen, oft ältere, seien in die Nähe ihrer Kinder oder in Heime gezogen. Dass die Dorfgemeinschaft gehalten hat, das habe sie sehr gefreut. Nicht so gut sei, dass das neue Dorf seit seit zehn Jahren noch immer eine Baustelle sei.

Drei Familien wohnen noch in Alt-Borschemich – einem Geisterdorf. Am Ortsanfang steht kein Schild, sondern hängt das Werbebanner einer Sicherheitsfirma. An fast allen Fenstern sind die Rolläden heruntergelassen oder Platten vor die Scheiben montiert. Auf der Dorfstraße, die laut Schild nur noch eine „Werkstraße“ ist, dürfen die Autos nur 10 Stundenkilometer „schnell“ fahren. Markantester Punkt im Dorf ist immer noch die katholische Kirche. Bis vor gut einem Jahr sind die Neu-Borschemicher zu jedem Gottesdienst mit dem Pendelbus ins alte Dorf zurückgefahren. Auch das hat ein Ende, seit im Mai 2015 die Kapelle im neuen Ort geweiht und die Glocken umgehängt wurden. Für Sabine Rosen ein ganz wichtiger Augenblick: „Wenn man die Glocken hört, fühlt man sich wieder zu Hause.“ Mittlerweile stehen die Bagger schon am östlichen Rand von Alt-Borschemich.

Die alten und die neuen Ortschaften, die Tagebaue und Kraftwerke und auch die im Laufe der Jahrzehnte gewachsenen Renaturierungsflächen – Dieter Rüsenberg kennt all das ganz genau. Schließlich war der Bergheimer viele Jahre lang Abteilungsleiter im Kraftwerk Niederaußem. Heute arbeitet er als Lehrkraft und erklärt Besuchergruppen seinen ehemaligen Arbeitsplatz.

Bis zu 1000 Arbeitsplätze fallen weg

Das RWE-Braunkohlekraftwerk wurde 1963 in Betrieb genommen und immer wieder erweitert und modernisiert. Mit seinen neun Blöcken, von denen heute noch sieben in Betrieb sind, gilt es nach Neurath als zweitgrößtes in Deutschland. Zwei Blöcke, so will es die Politik, werden zunächst in eine sogenannte Sicherheitsbereitschaft versetzt und später stillgelegt. Insgesamt fünf Blöcke legt RWE im rheinischen Revier zwischen Ende 2017 und 2019 still. Als Entschädigung erhalten die Kraftwerksbetreiber RWE, Vattenfall und Mibrag rund 1,61 Milliarden Euro, die über Jahre auf die Stromkunden umgelegt werden sollen. Das alles ist beschlossene Sache und hat Konsequenzen: Positive für das Klima, weil weniger schädliche Braunkohle für die Stromerzeugung verbrannt wird; negative für die Region, die Arbeitsplätze und damit Kaufkraft verliert.

„Geplant ist, dass zwischen 800 und 1000 Arbeitsplätze abgebaut werden“, sagt Rüsenberg. „Darin nicht enthalten sind die Stellen, die im Zuge des Kostensenkungsprogramms entfallen“, ergänzt Rüdiger Neil, Betriebsratsvorsitzender des Kraftwerks Niederaußem: „Uns Arbeitnehmervertretern ist es vor allem wichtig, dass der Personalabbau wenigstens sozialverträglich läuft. Aber die Arbeitsplätze sind natürlich für alle Zeiten weg und damit auch ihre Kaufkraft und die Steuern.“ Zurzeit sind im gesamten rheinischen Revier noch gut 2700 Menschen allein in den Kraftwerken beschäftigt. In Tagebauen, Kraftwerken und Veredlungsbetrieben sind es insgesamt fast 12 000.

Reservebetrieb oder Sicherheitsbereitschaft: „Das bedeutet, dass die beiden abgeschalteten Kraftwerksblöcke innerhalb von elf Tagen für die Stromerzeugung zur Verfügung stehen müssen“, erläutert Ingenieur Rüsenberg. Kraftwerksleiter Michael Wagner: „Dafür wollen wir den personellen und technischen Aufwand so klein wie möglich und so groß wie nötig halten. Es geht um das richtige Maß an Konservierung, begleitender Instandhaltung, Funktionstests und die Bereitstellung des Personals für den Bereitschaftsblocks im Einsatzfall. Es ist wie mit einem Liebhaberauto, das man in der Garage fahrbereit hält und mit dem man zur Not ins Krankenhaus fahren kann.“

Das Kraftwerk in Niederaußem ist ein Gigant. Schon von weitem ist es sichtbar und überragt mit seinen mehr als 170 Metern sogar den Kölner Dom, der von der Aussichtsplattform bei gutem Wetter erkennbar ist. Das Kraftwerk ist groß und hungrig: Rund 60 Züge voll beladen mit Braunkohle rollen täglich heran. 80 000 bis 90 000 Tonnen am Tag verschwinden in Kohlebunkern, Mühlen und Öfen. Aus Braunkohle wird an Erft und Inde Strom produziert. Alle Braunkohle-Kraftwerke zusammen decken immerhin 13 Prozent des deutschen Strombedarfs. Niederaußem allein kann vier Millionen Menschen mit dem „Saft“ aus der Steckdose versorgen. Die Braunkohle hierzu fördert RWE etwa je zur Hälfte im 22 Kilometer entfernten Hambach und im etwas weiter entfernt gelegenen Garzweiler.

Das Prinzip ist einfach: Braunkohle wird getrocknet, gemahlen und pulverisiert verbrannt. Der erzeugte Dampf treibt eine Turbine an. Mittels Generatoren wird Strom erzeugt. Das größte Problem der Braunkohle ist ihr niedriger Heizwert, denn Braunkohle besteht gut zur Hälfte aus Wasser. Der Heizwert von Steinkohle und Erdgas ist deutlich besser. Um also dieselbe Menge Strom zu erzeugen, muss mehr Braunkohle verbrannt werden. Lange Transportwege rechnen sich bei Braunkohle daher nicht.

Tauziehen in der SPD um das Ende der Kohleverstromung

Was RWE zu schaffen macht, ist der anhaltend niedrige Börsenstrompreis. Seit Jahren schrumpfen deswegen die Gewinne des Essener Versorgers. Sinkende Gewinne, gleichbleibende Fixkosten, endliche Rohstoffreserven: In wenigen Jahrzehnten kommt ohnehin das Aus für den Tagebau. Die Kohlevorräte in Hambach und Garzweiler reichen bei gleichbleibender Förderung und Verstromung bis 2045, Inden wird wohl früher, wahrscheinlich um 2030 ausgekohlt sein.

Aus der Politik kamen jüngst immer wieder Rufe nach einem früheren Ausstieg, weil Deutschland sich auf der finalen UN-Klimakonferenz in Paris Ende 2015 zu ehrgeizigen Klimaschutzzielen bekennen musste. So halten es die Grünen etwa für möglich, schon in 15 Jahren komplett aus der Braunkohle auszusteigen – ohne dass Beschäftigte ohne Job dastehen.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte im November – kurz vor der Klimakonferenz – ein Ende der Braunkohle in 20 bis 25 Jahren ins Gespräch gebracht, musste dann aber einlenken, als ihre Parteifreundin und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft erklärte, dies sei nicht die Position der Bundes-SPD. Bis Sommer will Hendricks einen langfristigen Klimaschutzplan vorlegen. Sie stellte jüngst sogar eine Förderung des Strukturwandels in Aussicht, an dem sich der Bund beteilige.

Die Menschen werden die Nachricht mit Wohlwollen gehört haben. Längst laufen die Planungen für die Zeit nach der Kohle. Ron Brinitzer, bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein Leiter der Geschäftsbereiche Innovation, Umwelt und International fordert: „Die Innovationsregion Rheinisches Revier muss Angebote schaffen.“ Über einen Ideenwettbewerb wurden Projektvorschläge eingereicht, 75 davon werden weiter qualifiziert. Angedacht ist eine Modellregion für Energiewende und Klimaschutz. Es geht etwa um regenerative Energieerzeugung, intelligente Verteilung, Speicherung oder innovative Mobilitätskonzepte. An den Speckgürtel um Köln denkt der Hauptgeschäftsführer der dortigen IHK, Ulf Reichardt. Wenn die Rekultivierung gelungen sei und die digitale Infrastruktur stimme, „könnte ich mir gut attraktive Camps mit wissenschaftlichem Hintergrund oder Start-Ups vorstellen“.

Auch RWE will für die Zukunft vorbereitet sein und forscht schon heute an alternativen Nutzungsmöglichkeiten der Braunkohle. „Fast alles, wofür man Erdöl verwendet, kann auch mit Braunkohle erzeugt werden. Die Produkte haben zum Teil sogar bessere Nutzungs- und Umwelt-Eigenschaften als die ölbasierten Erzeugnisse. Hinzu kommt, dass unsere heimische Braunkohle reichlich verfügbar und frei von geopolitischen Risiken ist“, sagt Wagner. Das alles interessiert die Menschen, die der Braunkohle weichen müssen, allerdings kaum. (Ralf Arenz, Bernd Eyermann und Frank Rintelmann)