Tetrachromasie bei Menschen

Warum manche Frauen mehr Farben sehen können

Die Tetrachromatin Concetta Antico sieht möglicherweise bis zu 100 Millionen weitere Farben.

Die Tetrachromatin Concetta Antico sieht möglicherweise bis zu 100 Millionen weitere Farben.

Bremen. Ist unsere Welt viel bunter, als wir wahrnehmen können? Für manche Frauen schon, denn sie haben eine zusätzliche Sorte Sehzapfen im Auge. Diese „Tetrachromaten“ können möglicherweise bis zu 100 Millionen weitere Farben sehen.

Ist die Tapete nun Eierschalengelb oder Hellelfenbein? Und passt sie zu der butterkaramellfarbenen Borte? Farbdiskussionen – vor allem über Gelbtöne – sind nicht gerade selten im Alltag zwischen Mann und Frau. Wenn auch die Diskussionsthemen ganz unterschiedlich sein können – mal ist es die Kombination von Kleidungsstücken, die Dekokissen auf der Couch oder eben die Wandfarbe – immer scheint es, „man“ sehe nur einen Teil der Farben, die „frau“ sieht. Desinteresse des starken  Geschlechts, oder gibt es einen biologischen Grund für diese unterschiedliche Farbwahrnehmung?

Manuela Schulte (Name von der Redaktion geändert) ist Künstlerin. Viele Kunstkenner bezeichnen ihre Farbübergänge als weich und fantastisch, doch für die Frau aus der Nähe von Bremen sind sie grob. Auch empfindet sie ihre monochrom genannten Bilder als bunt. Denn Schulte kann noch die kleinsten Farbnuancen unterscheiden – das hat ihr sogar der Augenarzt nach einem Test vor etwa neun Jahren bestätigt.

Ein Alltagsbeispiel: „Beim Fernseher muss ich immer in die Farbeinstellungen gehen, denn der Bildschirm ist für meine Augen viel zu hell eingestellt“, erzählt sie. „Ich habe schon immer gewusst, dass ich Farben sehr gut, sogar besser als viele andere,unterscheiden kann.“ Doch als sie vor einigen Jahren – mal wieder – eine Diskussion über Farben hatte, entschloss sie sich, zum Arzt zu gehen. „Ich hatte Sorge, dass es doch an mir lag und ich eine Schwäche hatte – und nicht die anderen.“ Doch der Arzt gab Entwarnung: Keine Schwäche, sondern eine überdurchschnittliche Farbempfindlichkeit.

Schulte ist vermutlich „Tetrachromatin“ – hat also vier funktionstüchtige Sehzapfen im Auge. Menschen sind generell „Tri“chromaten, besitzen also drei Sehzapfen: für Blau, für Grün bis Gelb und für Gelb bis Rot. Jedes dieser Zäpfchen ist für die Lichtabsorption eines bestimmten Lichtbereiches zuständig – für kurz-, für mittel- oder für langwelliges Licht. An den Grenzen dieser Spektralbereiche überlappen sie sich jedoch. Laut einem Bericht des französischen Augenarztes Philippe Lanthony in der Fachzeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ können normal Farbsichtige somit die reinen Farben in etwa 150 Abstufungen wahrnehmen.

Nur Frauen können diesen vierten Sehzapfen haben

Tetrachromaten hingegen können mit ihren vier Sehzapfen feinste Nuancen deutlicher unterscheiden. Sie sehen also viel mehr Farben. Und noch ein weiteres Phänomen hängt damit zusammen: Nur Frauen können diese scheinbare Farbsuperkraft haben. Günther Rudolph, Oberarzt der Augenklinik München, erklärt, dass Tetrachromasie bei Frauen eng mit einer RotGrün-Schwäche bei Männern zusammenhängt: „Die genetische Information für die Ausbildung eines Sehzapfens für die Wahrnehmung der Farbe Blau ist auf Chromosom 7 lokalisiert, während die genetischen Informationen für die Formation von Zapfen für die Wahrnehmung im Grün- und Rotspektrum auf dem X-Chromosom lokalisiert sind.

Dieses Bild von Concetta Antico zeigt einen Eukalyptusbaum.

Dieses Bild von Concetta Antico zeigt einen Eukalyptusbaum.

Wenn jetzt ein X-Chromosom die Rot-Grün-Schwäche trägt, kann das bei Männern nicht kompensiert werden, da ihnen im Gegensatz zu Frauen ein zweites funktionsfähiges X-Chromosom fehlt.“ Denn wie aus dem Bio-Unterricht bekannt: Frauen erben jeweils ein X-Chromosom von Vater und Mutter. Männer hingegen bekommen nur das von der Mutter und ein Y-Chromosom vom Vater. Frauen haben also die für rot und grün zuständigen Sinneszellen indoppelterAusführung. „Soerklärt sich auch, wieso weniger als 0,01 Prozent der Frauen weltweit eine Rot-Grün-Schwäche haben. Bei Männern sind es hingegen etwa sieben Prozent.“

Wenn ein „Sehpigment“ mutiert – das sind Farbstoffe, die in der Zellmembran eingelagert sind und zur Aufnahme von Licht dienen –, kann das so bei Männern zu einer Wahrnehmungsschwäche im roten und grünen Bereich führen. Bei Frauen hingegen ist das erst mal nicht schlimm. Im Gegenteil sogar. „Mutiert“ heißt nämlich, dass sich die Absorptionskurve, also das „Zuständigkeitsspektrum“ des Sehpigments, verschoben hat und nun zwischen den Kurven der normalen roten und grünen Sehpigmente liegt.

Dieses Hybrid-Gen liefert also zusätzliche Farbinformationen. Die biologische Erklärung für dieses Phänomen? „Aminosäure“, erklärt Rudolph. „Wenn sich zum Beispiel an Position 180 des Sehpigments plötzlich Serin anstatt Alanin befindet, verschiebt sich die spektrale  Empfindlichkeit Richtung Gelb. Das nennt man den Serin-Alanin-Polymorphismus.“ Lediglich 15 der 364 Aminosäurepositionen in der Genstruktur unterscheiden zwischen einem rot- und  grünempfindlichen Sehpigment.

Schon minimale Veränderungen können Auswirkungen haben

Verlässliche Zahlen, wie viele Farbnuancen die „Tetrachromaten“ zusätzlich sehen, gibt es laut Rudolph nicht. „Die Veränderungen der Absorptionskurve sind immer nur minimal, aber selbst das wirkt sich schon auf die Farbwahrnehmung aus“, erklärt der Münchner Oberarzt. Er spricht allerdings von „inkompletten Tetrachromaten“, da die mutationsbedingten Verschiebungen niemals den gesamten Spektralbereich zwischen dem roten und grünen Sehpigment abdeckten. Außerdem sei es eine Zufallssache, wie stark sich die Absorptionskurve verschiebe. Es sei also auch möglich, dass die betroffene Frau ihre Farb-Supersehkraft gar nicht oder nur kaum bemerkt.

Doch die Forschung zur Tetrachromasie ist noch vergleichsweise jung. Gabriele Jordan,  Sehpsychologin und Psychophysikerin an der Universität Newcastle in Nordengland, forscht seit etwa 30 Jahren an diesem Thema. Laut ihrer Einschätzung sind rund zwölf Prozent der Frauen in Europa „retinale Tetrachromaten“. Sie definiert nämlich – anders als Günther Rudolph – zwei  unterschiedliche Arten. Retinal: die Frauen, die vier Sehzapfen haben und somit empfindlicher gegenüber Gelb- und Orangetönen sind. Und funktional: die Frauen, die vier Sehzapfen haben und deren Gehirn die zahlreichen zusätzlichen Signale in völlig neuartige Farbempfindungen umwandeln kann.

Concetta Antico ist Tetrachromatin. Ihre Bilder zeigen, wie bunt sie die Welt sieht.

Concetta Antico ist Tetrachromatin. Ihre Bilder zeigen, wie bunt sie die Welt sieht.

Von diesen funktionalen Tetrachromaten sind bisher weltweit nur eine Handvoll bekannt. Eine von ihnen entdeckte Jordan während ihrer jahrelangen Studie: Mütter von rot-grün-blinden Söhnen durchliefen zahlreiche Wahrnehmungstests, bei denen sie wie normal Farbsichtige abschnitten. Nur eine einzige, die Probandin mit dem Codenamen cDa29, verhielt sich so, wie Jordan es von funktionalen Tetrachromaten erwartete: Sie konnte noch die kleinsten Farbnuancen genau  unterscheiden. „Was ich für farbidentisch halte, ist für die so unterschiedlich wie Äpfel und Birnen“, berichtete Jordan 2001 im Spiegel.

Die selbsternannte "Colour Queen"

Ein anderes Beispiel: Concetta Antico, eine amerikanische Künstlerin und funktionale Tetrachromatin. Sie sagte in einem Beitrag des Deutschlandfunks, dass die Farbe Weiß für sie aus Hunderttausend einzelnen Farbnuancen wie Blau und Violett bestehe. Nach eigenen Angaben sieht sie 100 Millionen Farben mehr als die Trichromaten. In ihren Bildern versucht die selbst ernannte „Colour Queen“ zu zeigen, wie sie die Welt wahrnimmt: ziemlich bunt.

Ob sich ein evolutionärer Vorteil aus der Tetrachromasie ergibt – zum Beispiel dass Mütter feine Veränderungen der Hautfarbe ihrer Kinder besser wahrnehmen und so Krankheiten schneller erkennen – kann der Oberarzt Rudolph nicht genau sagen. Es sei aber theoretisch möglich. Fest steht jedoch: Gemütszustände – wie zum Beispiel Wut, erkennbar am tomatenroten Kopf, oder Angst, gezeigt durch ein kalkweißes Gesicht – können auch Trichromaten erkennen. Ein evolutionärer Nachteil für die restlichen 88 Prozent der europäischen Frauen besteht also wohl nicht.