Bernsteinzimmer in Wuppertal?

Suche unter dem Schutt von 68 Jahren

Der Schatzsucher Nicolas Brendau gräbt in einem Schacht in Wuppertal (Nordrhein-Westfalen). Ein Team von Schatzsuchern hat Wuppertal als mögliches Versteck des legendären Bernsteinzimmers ausgemacht

Wuppertal. Bunker, Beton, Bahngleise. Bernsteinzimmer-Suche in Wuppertal. Eine gewagte Theorie treibt Blüten. Aber ist sie schlechter als andere?

Der Betonschacht liegt nur einen Meter vom Bürgersteig entfernt. Ein Seil ragt hinein. Eimer für Eimer Schutt wird an dem Seil hinaufgezogen und ausgekippt. Unten schwitzt Nikolaus Brandau, ausgerüstet mit Helm und Lampe. Er schuftet in seiner Freizeit am Rand einer großen Industriebrache in Wuppertal. Brandau gehört zu einer Gruppe privater Schatzsucher, die ein Auge auf das Gelände geworfen haben. In Wuppertal ist unter ihnen eine Art Goldrausch ausgebrochen. Gesucht wird immerhin das "achte Weltwunder", das Bernsteinzimmer.

Doch warum Wuppertal? So weit im Westen ist wohl noch nie nach dem legendären Schatz gesucht worden. Dessen Spur verliert sich in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, 1200 Kilometer weiter östlich. Bislang war regelmäßig in Thüringen, Sachsen und in Bayern die Erde umgepflügt worden. Dort will man in den letzten Kriegswirren 1945 verdächtige Lastwagen-Kolonnen gesehen haben.

Der Mythos treibt Karl-Heinz Kleine (67) schon seit Jahren um. Den gebürtigen Sachsen hat es vor fast 30 Jahren nach Wuppertal verschlagen. Seine Theorie: Das heutige Wuppertal ist die Heimat des damaligen NS-Gauleiters für Ostpreußen, Erich Koch. Der Kriegsverbrecher soll die Verantwortung für die 27 oder 28 Kisten getragen haben, in denen das Bernsteinzimmer verpackt war. Er soll aber auch noch viele weitere Schätze in den besetzten Gebieten zusammengerafft haben.

Koch starb 1986 in einem polnischen Gefängnis. "Auf dem Bernsteinzimmer hatte der Koch die Finger drauf", sagt Kleine. Und der Nazi habe den Schatz bestimmt nicht per Lkw, sondern per Eisenbahn fortschaffen lassen, glaubt er. Ist es dem einstigen Reichsbahner gelungen, den Schatz vor der anrückenden Roten Armee in seiner Heimat zu verstecken? Kannte er nicht sogar den Rüstungsunternehmer, dem das Gelände damals gehörte? Hatte der sich wiederum nicht in den letzten Kriegstagen mit Görings Stellvertreter Erhard Milch getroffen?

Kleine vermutet unter dem Gelände eine Bunkeranlage für die Rüstungsproduktion. Seit Wochen versucht er mit seinem privaten Team, einen Eingang zu finden. Auf dem Gelände wachsen dichte, haushohe Brombeersträucher. Seit Jahrzehnten wird es als illegaler Schuttablageplatz genutzt. Ein paar Straßen weiter fährt die Schwebebahn. Der genaue Ort der Grabungen ist ein Geheimnis. "Vor ein paar Jahren hatte mal eine Zeitung den damaligen Grabungsort verraten. Da ging die Party los."

Zwei Schächte wurden bereits ausgehoben - sie führten lediglich zu Rohrleitungen, aber der dritte Schacht sieht anders aus. Verbirgt sich dahinter der Zugang zum Bunker?

Während Brandau den letzten Meter Schutt wegbuddelt, setzt sich eine kleine Fahrzeugkolonne in Bewegung. Es gilt einen Tipp ein paar hundert Meter entfernt zu überprüfen. Wieder verfallene Fabrikhallen, Industrie aus einer anderen Epoche.

Brech- und Stemmeisen werden ausgepackt. Doch der vermeintliche Stolleneingang entpuppt sich rasch als Zugang zu einem Abwasserkanal. Das beweist die Nase: "Pestilenzartig." Rückmarsch.

Man habe die Unterstützung der Stadt. Technisches Hilfswerk und Feuerwehr helfen schon einmal, berichtet Kleine. Der Stadt Wuppertal würde er auch das Bernsteinzimmer übergeben, im Ernstfall, sagt er. Es gehöre zwar Russland, aber vor der Rückgabe sollte es wenigstens einmal in Deutschland ausgestellt werden, meint der Rentner.

Seit seinem Verschwinden am Ende des Zweiten Weltkriegs ist das Bernsteinzimmer Objekt der Begierde für zahllose Abenteurer. Trotz vieler aufwendiger Suchaktionen ist die auf 100 Millionen Euro Wert geschätzte Kostbarkeit bis heute verschollen.

Die Wandvertäfelungen, ein Geschenk Preußens an Russland, gelten als Meisterwerk der Schnitzkunst. Preußens König Friedrich Wilhelm I. hatte es dem Zaren Peter dem Großen geschenkt. Rund 200 Jahre lang befand sich der prunkvolle Raum im Katharinenpalast.

Ein Handy läutet Sturm. Das Team um Brandau ist am Ziel, hat das Ende des Schachtes erreicht. Die Kolonne eilt zurück. Zum Vorschein ist ein rostiger Absperrhahn gekommen - und ein Rohr. Kleines Blick spricht Bände: Wieder nur ein alter Zufluss zur Kanalisation. Misserfolg heißt der ständige Begleiter aller Bernsteinzimmer-Sucher. "Das war nix", sagt Kleine. Nach kurzer Pause fügt er hinzu: "Wir machen weiter. Ich will hier in den Bunker rein."

Wenn denn einer da ist. Das Gelände war von einer US-Firma aufgekauft worden, die bisher auf seine Anfrage keine Pläne herausgerückt habe, sagt Kleine. Können Arbeiter von damals nicht einen Hinweis auf den Eingang geben? Fehlanzeige. Immerhin: Zeitzeugen bestätigen, dass es damals einen Bunker gab. Auch in einer Bunkerliste der Stadt sei er vermerkt.

Das bergige Wuppertal mit seinen Felsenkellern, Tunneln, Stollen, Bunkern und seiner Industrievergangenheit dürfte die Schatzsucher noch eine ganze Weile auf Trab halten. Gewaltige Stollen waren von Zwangsarbeitern in das Bergische Land getrieben worden, um die Rüstungsproduktion vor den alliierten Bombern zu schützen. Dafür war die "Organisation Todt" verantwortlich.

Initiativen wie "Wuppertal Untertage" haben bereits eine ganze Reihe unterirdischer Katakomben, Stollen und Bunker erforscht. Die Bugspitze für den Düsenjäger ME-262 wurde in einer der unterirdischen Anlagen produziert. Kleine will jedenfalls wiederkommen, so lange seinem Verein nicht das Geld ausgeht. Es gebe da noch eine Stelle: "Aber dafür brauchen wir schweres Gerät."