Zehn Menschen starben

Staatsanwaltschaft ermittelt nach Unglück in süditalienischer Schlucht

Die Schlucht ist bis zu 400 Meter tief.

Die Schlucht ist bis zu 400 Meter tief.

Rom. Für zehn Menschen kam in der süditalienischen Schlucht jede Hilfe zu spät, sie starben in der Schlammlawine. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen unbekannt.

Pasquale Gagliardi war einer der ersten Retter am Unglücksort. Ein Foto zeigt den Arzt, wie er ein achtjähriges Mädchen in den Rettungshubschrauber trägt. Dessen Arm ist schlammverschmiert und ruht auf der Schulter des Arztes. „Chiara sprach nicht, sie stammelte irgendetwas. Ich werde ihr Zittern und ihre Hand, die meine berührte, als wir sie an Bord zogen, nie vergessen“, berichtete der Retter. Die Achtjährige, die am Montag von Schlamm- und Wassermassen in der Raganello-Schlucht in Süditalien davongespült wurde, liegt wegen ihrer schweren Lungenverletzungen inzwischen in einer Klinik in Rom.

Für zehn Menschen kam jede Hilfe zu spät, sie starben in der Schlammlawine. Elf Menschen wurden verletzt, fünf von ihnen schwer. Insgesamt konnten die Rettungskräfte 26 Personen retten. Auch drei Campingurlauber, die am Dienstagmorgen noch als vermisst galten, wurden gefunden.

Am Montagvormittag war in der Nähe der Berggemeinde Civita in der süditalienischen Region Kalabrien ein schweres Gewitter niedergegangen. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich Dutzende Wanderer in der Raganello-Schlucht, die in der Gegend wegen ihrer malerischen Atmosphäre ein Ziel vieler Ausflügler ist.

Ermittlungen gegen unbekannt aufgenommen

Die teilweise mehrere 100 Meter hohen Steilwände des Canyons, dessen Fluss im Sommer als ungefährlich gilt, wurden den Menschen zum Verhängnis. Offenbar hatten sich die Wassermassen im oberen Teil der Schlucht angestaut. Als die natürlichen Dämme aus Steinen und Geröll brachen, stürzten die Wassermassen mit Gewalt ins Tal und rissen Erdreich, Pflanzen und Menschen mit. Einige Opfer wurden bis zu fünf Kilometer weiter unten im Tal aufgefunden. Augenzeugen berichteten von einer „Wasserlawine“. „Es war ein regelrechter Tsunami“, sagte Giacomo Zanfei von der italienischen Bergrettung. Einige Betroffene hätten sich mit letzter Kraft an Bäumen festgehalten, um nicht zu Tal gespült zu werden.

Der „Corriere della Sera“ zitiert einen anderen Beobachter, der die Leichtsinnigkeit einiger Besucher der Schlucht bemängelt. „Dieser Ort ist zu einem Freizeitpark verkommen“, sagte der Mann. Manche Ausflügler würden den Canyon in Sandalen und Badeanzug begehen. Einige Veranstalter in der Gegend bieten geführte Touren durch die Raganello-Schlucht mit Helm, Neoprenanzug und Bergausrüstung an. Obwohl der Weg nur für geübte Wanderer empfohlen wird, können sich Neugierige offenbar aber auch auf eigene Faust in die Kluft begeben. Unter den Todesopfern ist auch ein 32-jähriger Bergführer, der offenbar eine von zwei Ausflugsgruppen leitete. Gefunden wurde auch der leblose Körper einer Frau im Badeanzug.

Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft von Castrovillari Ermittlungen gegen unbekannt aufgenommen, unter anderem wegen fahrlässiger Tötung. „Wir müssen prüfen, ob die Menschen, die sich in der Zone befanden, über die Situation Bescheid wussten oder ob sie nicht im Bilde waren, was ihnen hätte passieren können“, sagte Staatsanwalt Eugenio Facciolla.

Im Wetterbericht für den nördlich der Schlucht gelegenen Pollino-Nationalpark in Kalabrien waren Gewitter vorhergesagt worden. Dass die dort niedergegangenen, starken Regenfälle auch im Sommer in der Schlucht eine so desaströse Wirkung entfalteten, erwarteten offenbar nicht einmal Kenner des Canyons. Wassermassen wie am Montag waren in der Raganello-Schlucht bislang nur im Winter bekannt.