Kommentar zu Sommerhitze und Klimawandel

Seltsamer Fatalismus

Feuerwehrleute löschen in Niedersachsen auf einem abgeernteten Getreidefeld.

Feuerwehrleute löschen in Niedersachsen auf einem abgeernteten Getreidefeld.

Bonn. Klimaanpassung bedeutet weit mehr als Bauern für Ernteausfälle zu entschädigen. Das setzt jedoch eine realistische Bedrohungsanalyse voraus und das Bewusstsein, dass der menschengemachte Klimawandel längst begonnen hat, kommentiert Wolfgang Wiedlich.

Alles aus Sicht der Wetterstatistiker schon einmal dagewesen? Nicht ganz: 34,5 Grad Celsius nördlich des Polarkreises sind seit Beginn der Aufzeichnungen eine neue Dimension, und auch Waldbrände in der Heimat des vermeintlich ewigen Eises verblüffen. Schritt für Schritt werden die Erwärmungsszenarien der ach so unsicheren Klimamodelle immer mehr zur Realität. Und früher als gedacht. Trotzdem herrscht weitgehend Normalität in der Öffentlichkeit – eben ein heißer Sommer. Da erregt die tägliche Sau, die durchs Mediendorf getrieben wird, schon mehr: Gestern der Seehofer-CSU-Klamauk, heute das Foto eines Fußballers des deutschen Nationalteams mit dem türkischen Staatschef. „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“, hat der Soziologe Niklas Luhmann einmal festgestellt, und insofern ist beim Klimawandel auch ein gewisses Versagen der Medien zu beklagen.

So wie Städter den Schwund der Insekten erst nicht wahrnehmen oder dann nur zur Kenntnis nehmen, verhält es sich auch zwischen Weltöffentlichkeit und Erderwärmung. Das kann nicht verwundern, reagiert der Mensch doch eher auf Vorfälle, etwa Starkregen und Fluten mit hohen Opferzahlen, als auf schleichende Vorgänge, wenngleich der Klimawandel immer mehr und unterschiedliche Vorfälle (Extremwetter) gleichzeitig produziert. Ein seltsamer Fatalismus scheint auch die Politik befallen zu haben, die zwar ehrgeizige Ziele zum Klimaschutz oder zur Landwirtschaft mit weniger Chemie formuliert, aber bei der Umsetzung regelmäßig nicht liefert, weil die Ampeln für Lobbygruppen weiter auf grüne Welle geschaltet bleiben. Wie beim Dieselskandal.

Dabei hätte es durchaus Vorteile, sich endlich auf das Unvermeidliche vorzubereiten, um absehbare Schäden abzuwenden. Ob Landwirte oder Ämter für öffentliches Grün: Es braucht etwas mehr Resistenz gegen Trockenheit im Pflanzen-Portfolio. Auch die Stadtplaner sollten schon heute mehr die neue, warme Welt von morgen im Visier haben. Das Leben zwischen Asphalt und Beton benötigt absehbar mehr Wärmeventile und Frischluftschneisen. Und so ließe sich die Liste über das, was prophylaktisch zu tun wäre, beliebig fortsetzen.

Klimaanpassung bedeutet auch weit mehr als Bauern für Ernteausfälle zu entschädigen. Das setzt jedoch eine realistische Bedrohungsanalyse voraus und das Bewusstsein, dass der menschengemachte Klimawandel längst begonnen hat. Darauf zu vertrauen, dass einige „wissenschaftliche“ Studien das Gegenteil für möglich halten, könnte lebensgefährlich werden. Denn, wie der jüngste Skandal bei Forschungspublikationen zeigt, sind Klimawandel-Skeptiker-Studien auch betroffen – und damit wie Seifenblasen zerplatzt. Es gibt keine guten Gründe mehr, Klimaschutz und -anpassung zu vertagen.