Gefährliche Einlage

Schon sieben Tote nach Balkonsprüngen auf Mallorca

Entspannung am Stand von El Arenal: Mallorca zieht Millionen von Touristen an. Manche von ihnen entgleisen dabei völlig.

Entspannung am Stand von El Arenal: Mallorca zieht Millionen von Touristen an. Manche von ihnen entgleisen dabei völlig.

Palma de Mallorca. Etliche schlagen auf Mallorca in den schönsten Wochen des Jahres gern mal über die Stränge. Und leisten sich gefährliche Einlagen: Sieben Urlauber sind in diesem Jahr bereits gestorben, weil sie von Balkonen fielen oder sprangen.

„Das typische Opfer ist ein junger Mann, der mit ein paar Freunden nach Mallorca gekommen ist“, erzählt der spanische Unfallchirurg Juan José Segura. „Sie haben Spaß, sie trinken, vielleicht ein bisschen zu viel, und sie machen riskante Sachen.“ Zum Beispiel klettern sie von einem Hotelbalkon zum anderen. Oder sie versuchen, vom Zimmerbalkon in den oberen Stockwerken in den Pool zu springen. Mit dramatischen Folgen. Seit Jahresanfang starben schon sieben junge Mallorca-Urlauber bei diesem lebensgefährlichen Spiel mit dem Tod – so viele wie noch nie.

Segura hatte in den vergangenen Monaten etliche Schwerverletzte auf seinem Operationstisch im Universitätskrankenhaus Son Espases in Palma. Durchweg Touristen, die sich bei Stürzen und Sprüngen vom Balkon kritische Wirbelsäulen- oder Kopfverletzungen zuzogen.

Die meisten Balkonopfer sind Briten, die vorzugsweise in der Partyhochburg Magaluf Urlaub machen, wo der Alkohol besonders reichlich fließt. Aber auch Deutsche, die am liebsten an der Playa de Palma feiern, sind nicht immun gegen das „Balconing“, wie diese Balkon-Klettereien genannt werden. Jedes sechste Balkon-Opfer kommt nach der Statistik aus Deutschland.

Um weitere Balconing-Unfälle möglichst zu vermeiden, macht der Arzt Segura dieses Jahr bei einer Aufklärungskampagne des britischen Außenministeriums mit. „Das Problem ist weniger, dass du auf diese Weise deinen Urlaub ruinierst“, appelliert der 32-jährige Chirurg in einem Video an die Vernunft der jungen Mallorca-Besucher. „Das Problem ist, dass du dein Leben ruinierst.“

Das britische Außenministerium warnt

Das britische Außenministerium warnt derweil die nach Mallorca reisenden Landsleute: „Gehe keine unnötigen Risiken auf Balkonen ein, besonders wenn du unter dem Einfluss von Drogen und Alkohol stehst.“ Das Ministerium weist darauf hin, dass die Reiseversicherung die Folgen derartiger Suff-Unfälle möglicherweise nicht abdeckt.

Die meisten stürzen in den Sommermonaten übers Geländer. Fast durchweg seien Alkohol oder Drogen im Spiel, weiß Segura, der die Unglücksgeschichten zusammen mit seinen Kollegen seit Jahren analysiert. „In 95 Prozent der Fälle hatten die Patienten große Mengen Alkohol getrunken, und 30 Prozent hatten zusätzlich Drogen genommen.“

In der Regel seien es Unfälle, bei denen die Betreffenden abstürzen, wenn sie über den Balkon zum Nachbarzimmer der Freunde klettern. Oder wenn sie einfach volltrunken übers Geländer kippen. In etwa 15 Prozent der Fälle handele es sich jedoch um Mutproben, weil die jungen Leute versucht hätten, vom Balkon ins Schwimmbecken des Hotels zu springen.

Gerade erst fiel ein 25-jähriger Brite in Magaluf übers Geländer im sechsten Stock, als er vom Balkon aus in den Hotelhof urinierte. Er war das Opfer Nummer 15 in diesem Jahr und überlebte schwer verletzt. Nur wenige Tage zuvor stürzte im Vergnügungsviertel an der Playa de Palma eine 25-jährige Frau aus Ungarn aus dem dritten Stock auf ein Autodach, das ihr das Leben rettete. Ein 14-jähriger Brite, der in dem Ort Muro im Norden der Insel aus dem zweiten Stockwerk fiel, hatte weniger Glück und starb.

Hohe Strafen für Leichtsinnige

Die spanischen Behörden versuchen inzwischen, mit hohen Strafen die Balkonkletterer abzuschrecken. Wer in Magaluf erwischt wird, kann mit 600 bis 1500 Euro Geldbuße belegt werden. Zudem droht der Hotelverweis. Manche Hoteliers haben inzwischen die Geländer erhöht, um Stürze zu vermeiden. Andere gingen dazu über, feierfreudige Cliquen junger Männer vorzugsweise im Erdgeschoss einzuquartieren.

„Ich hätte tot sein können“, berichtet Jake Evans. Der Brite kippte vor einigen Jahren vom Balkon. Er fiel sieben Stockwerke tief. Sein Sturz wurde von einer Sonnenliege gebremst. „Das rettete wahrscheinlich mein Leben.“ Trotzdem erlitt er einen Schädelbruch. Auf einem Video des britischen Außenministeriums warnt Jake seine Altersgenossen: „Seid vorsichtig.“