Doku-Drama "Blackfish"

Orca-Drama schlägt hohe Wellen

WASHINGTON. Das erschütternde Doku-Drama "Blackfish" in den Kinos hat in Amerika eine Unterströmung erzeugt, von der sich auch immer mehr prominente Künstler mitreißen lassen. Wegen des Films über in Gefangenschaft gehalte Killer-Wale wenden sich Promis von US-Tierparks ab.

Seit Keiko vor 20 Jahren über die Kaimauer und dann in die Herzen von Millionen Kinobesuchern sprang, hat das Schicksal von Schwertwalen des börsennotierten Show-Tierparks Seaworld nicht mehr solche Wellen geschlagen wie heute. Das erschütternde Doku-Drama "Blackfish" in den Kinos hat in Amerika eine Unterströmung erzeugt, von der sich auch immer mehr prominente Künstler mitreißen lassen.

Sie zeigen dem maritimen Kommerz-Betrieb, der an seinen Standorten Orlando, San Diego und San Antonio im letzten Quartal knapp 120 Millionen Dollar Profit gemacht hat, medienwirksam die kalte Schulter.

Erst zogen die "Barenaked Ladies" ihre Teilnahme an dem begehrten Musik-Programm "Band, Bier und Barbeque" zurück. Danach folgten Gruppen wie "Heart", "Cheap Trick", Trisha Yearwood und Joan Jett, die ihre Auftritte am Wasser-Bassin absagten.

Die alternde Rock-Lady schrieb unter dem Eindruck des Filmes Seaworld-Chef Jim Atchison einen Brandbrief. Und verbat sich, dass ihre Jahrhundert-Hymne "I Love Rock'n'Roll" weiter bei den traditionellen "Shamu Shows" intoniert wird. Seit auch die Folk-Legende Willie Nelson erklärt hat, dass die Unterwasserkäfighaltung der Meeressäuger "überhaupt nicht in Ordnung geht", liegt ein Hauch von "Free Willy"-Stimmung in der Luft.

Vielleicht genau das, was Gabriela Cowperthwaite im Sinne hatte, als sie recherchierte, wie und warum Dawn Brancheau (40) starb. Tilikum, ein vor Island gefangener Orca, war seinem inoffiziellen Drittnamen Killer-Wal auf fatale Weise gerecht geworden und hatte seine Trainerin vor den Augen des geschockten Publikums am Haarschopf gepackt, unter Wasser gezogen und ertränkt.

Das sieben Meter lange und 6000 Kilogramm schwere Tier war zur Tatzeit 2010 Wiederholungstäter. Bereits 1991 und 1999 bereitete Tilikum zwei Menschen ein nasses Grab, die sich in seinen Nahbereich gewagt oder verirrt hatten. Seaworlds Lobbyisten und PR-Strategen reagierten nach dem dritten Zwischenfall empfindlich und mit einer Einzelmeinung: Nicht die Kreatur, auch nicht die artungerechten Verhältnisse im 15 Meter langen, 22 Meter breiten und 4,5 Meter tiefen Becken-Gefängnis seien Ursache für das Unglück gewesen - sondern allein die Unachtsamkeit der Trainerin.

Dass bei Orcas, die in Freiheit am Tag bis zu 160 Kilometer im Familienverbund zurücklegen und 200 Meter tief abtauchen, in Gefangenschaft Langeweile in Aggression gegen Menschen wie Artgenossen umschlagen kann, will der Konzern nicht hören. Passend: An "Blackfish" beteiligen mit einem eigenen Standpunkt wollte sich Seaworld nicht. Lieber verdammte man Cowperthwaites Arbeit vorab als "irreführend und wissenschaftlich inakkurat".

Für John Hargrove, John Jett und Samantha Berg, alle drei lange bei Seaworld beschäftigt gewesen, ist die Haltung des früheren Arbeitgebers Realitätsverweigerung mit pekuniärem Hintergrund. Weil der Fang von Schwertwalen in den Weltmeeren verboten ist, Tierparks und Aquarien jedoch Nachschub an schwarz-weißen Riesen benötigen, diene der seit über 30 Jahre inhaftierte "Tili" als teure Samenbank. Trotz seiner unberechenbaren Aggressivität. 21-facher Vater soll er inzwischen sein, mindestens.