Unruhe in „Klein-Jerusalem“

Judenhass in Frankreich

Zwei Jungen mit Kippa. In Frankreich leidet die jüdische Bevölkerung unter Antisemitismus.

Zwei Jungen mit Kippa. In Frankreich leidet die jüdische Bevölkerung unter Antisemitismus.

Paris/Sarcelles. In Sarcelles, einer Vorstadt von Paris, werden zwei jüdische Jungen angegriffen. Das wirft ein Schlaglicht auf den tief verwurzelten Antisemitismus in Frankreich.

Dass er wie viele Juden in seinem Viertel eine Kippa trug, wurde einem achtjährigen Jungen in der französischen Stadt Sarcelles zum Verhängnis. Auf dem Weg zum Nachhilfeunterricht passten ihn am Montagabend zwei Jugendliche ab, warfen ihn zu Boden, verpassten ihm Fußtritte. Später sagte das Kind gegenüber der Polizei, Erwachsene seien in der Nähe gewesen, ohne einzugreifen. Die Staatsanwaltschaft geht von einem „antisemitischen Motiv“ der Täter aus.

Es ist ein weiterer Vorfall, der die jüdische Gemeinschaft in Frankreich aufschreckt. Mit rund einer halben Million Menschen lebt hier die größte Anzahl von Juden in Europa. Doch viele zieht es weg: In den vergangenen zehn Jahren wanderten rund 40 000 Franzosen nach Israel aus. 2016 waren es fast 5000, im Vorjahr sogar 7000.

Gezielte Angriffe schon viel früher

Auch wenn die Bewegung zuletzt nachließ, hat sich eine starke Gemeinde französischer Juden in Israel gebildet, die angeben, sich dort wohler zu fühlen als in ihrer Heimat. Die Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt mit vier Toten, die im Januar 2015 zwei Tage nach dem Terroranschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ stattfand, dürfte dieses Gefühl beeinflusst haben.

Auch in den Jahren zuvor gab es wiederholt brutale und gezielte Angriffe wie den Mord an einem Rabbiner und drei Kindern in einer jüdischen Schule in Toulouse im März 2012. In Sarcelles artete im Sommer 2014 eine eigentlich verbotene pro-palästinensische Demonstration in Unruhen aus. Jüdische Geschäfte wurden geplündert. Landesweit ging die Zahl antisemitischer Straftaten im letzten Jahr zwar um sieben Prozent zurück. Doch in Sarcelles passierten jetzt gleich zwei Angriffe innerhalb weniger Wochen. Erst am 10. Januar wurde eine nach jüdischer Tradition gekleidete 15-Jährige auf dem Schulweg von einem Unbekannten attackiert. In diesem Fall zögert die Staatsanwaltschaft allerdings, Antisemitismus als Tatmotiv festzulegen. Doch es herrsche Beunruhigung, sagt der ehemalige Bürgermeister von Sarcelles, François Pupponi: „Wir fragen uns, ob es nicht einen Aufruf in den sozialen Netzwerken gab.“

Soldaten sollen schützen

Die Vorstadt, die 20 Kilometer nördlich von Paris liegt, wird auch als „französisches Klein-Jerusalem“ bezeichnet, weil sie mit bis zu 15 000 praktizierenden Juden eine der größten jüdischen Gemeinden Frankreichs zählt. Frankreichs Großrabbiner Haïm Korsia spricht von Sarcelles als Ort des gegenseitigen Respekts – was den jüngsten Vorfall noch schlimmer mache: „Diese Stadt ist doch ein Labor für funktionierendes Zusammenleben.“

Dennoch patrouillieren wie in vielen französischen Straßen schwer bewaffnete Soldaten. Die Regierung hat ein Programm für verstärkten Schutz von Juden versprochen. Antisemitismus in Frankreich sei kein neues Phänomen, so Regierungschef Édouard Philippe bereits im Dezember: „Er ist nicht oberflächlich – er ist tief verwurzelt.“