Erinnerungen an Loriot

Früher war mehr Lametta

Bonn. Wie "Dinner for One" an Silvester gehört "Weihnachten bei Hoppenstedts" an den Festtagen seit Jahrzehnten zu den TV-Dauerbrennern mit Kultstatus. Schauspieler Rudolf Kowalski erinnert an einen großartigen Komödianten und einzigartigen Menschen: Loriot.

In "Bella Block" spielte er über Jahre den Lebensgefährten von Hannelore Hoger, in 50 "Stolberg"-Folgen den ZDF-Kommissar, in elf ARD-"Tatort"-Produktionen stand er vor der Kamera, im Brandt-Guillaume-Drama "Im Schatten der Macht" mimte er Egon Bahr, Regisseur Sönke Wortmann holte ihn für seinen Kinofilm "Der Campus" vor die Kamera. Die beeindruckende Filmographie hätte Rudolf Kowalski, 1948 als Sohn eines Bergmanns in Gladbeck geboren, zu Beginn seiner Karriere nicht mal zu erträumen gewagt.

Der Absolvent der Schauspielschule Bochum hatte sein erstes festes Engagement in den frühen 70er Jahren als Ensemblemitglied des Bonner Schauspiels - und sein erstes TV-Engagement bei "Aktenzeichen XY". Als Einbrecher. "Ich glaube, die haben in Wahrheit nicht mich engagiert, sondern meine Lederjacke."

Vicco von Bülow, besser unter seinem Künstlernamen Loriot bekannt, war da schon wählerischer. Für seine dreiviertelstündige Sketch-Reihe bei Radio Bremen engagierte er den jungen Mann aus dem Kohlenpott vom Fleck weg. Mitten in der besinnlichen Adventszeit, am 7. Dezember 1978, wurde die Folge "Weihnachten bei Hoppenstedts" zum ersten Mal ausgestrahlt - eine bitter- böse Satire, in der Rudolf Kowalski den Staubsaugervertreter Jürgens spielt.

Um ein Haar hätte er die Rolle gar nicht bekommen. Denn wenige Tage vor Drehbeginn erlitt der junge Theaterschauspieler einen Unfall auf der Bühne - und brach sich den Arm. Zerknirscht meldete er sich bei Loriot, um das bereits eingegipste Malheur zu beichten. 2100 Mark pro Monat verdiente Rudolf Kowalski damals am Bremer Theater. Bei Radio Bremen standen für die Loriot-Dreharbeiten 600 Mark pro Tag an.

Loriot schrieb das Drehbuch um

Jeder andere Regisseur hätte die Rolle flugs umbesetzt. Und junge Talente hätten zweifellos vor der Studiotür Schlange gestanden, um Kowalskis Platz einzunehmen. Nicht so Loriot. Der besetzte die Rolle nicht neu, sondern schrieb flugs das Drehbuch um: Um den Hausfrauen eindrucksvoll vorführen zu können, dass der sensationelle Einhand-Saugblaser der Firma Heinzelmann nicht nur in einem einzigen Arbeitsgang Teppiche reinigen und Damenhaar trocknen konnte, sondern sich auch tatsächlich mit einer Hand betätigen lässt, mussten sich alle Vertreter der Firma Heinzelmann auf Weisung der Geschäftsführung einen Gipsarm verpassen lassen. Und Loriot sagte nach dem Umschreiben des Drehbuchs in seinem ihm eigenen höflich-knappen aristokratischen Tonfall zu dem jungen Schauspieler: "Danke. Jetzt ist es komisch."

"Höflich. Diszipliniert. Respektvoll gegenüber allen Mitarbeitern. Unerbittlich, was die künstlerische Arbeit betraf." So hat Rudolf Kowalski den großen Künstler in Erinnerung. "Wenn die Teppichfransen nicht so lagen, wie er sich das vorstellte, wurde die Szene neu gedreht. Das war keine basisdemokratische Veranstaltung. Aber seine Kritik war freundlich. Und sie half weiter, sie machte uns besser. Es gibt andere Regisseure, da fühlt man sich als Schauspieler wie ein dressierter Pudel."

Auch gegenüber sich selbst war Loriot unerbittlich. In "Weihnachten bei Hoppenstedts" führte er nicht nur Regie, sondern übernahm gleich zwei Rollen: Opa Hoppenstedt ("Früher war mehr Lametta") und Wein-Vertreter Blümel ("Klöbener Krötenpfuhl - Abgezapft und original verkorkt von Pahlhuber und Söhne!"). Wie kriegt man das hin, selbst zu spielen und gleichzeitig akribisch Regie zu führen? "Er hatte einen fantastischen Regieassistenten. Und wenn es in den Augen des Meisters nicht gut genug war, wurden auch Loriots Szenen neu gedreht."

Ein Mann von deutscher Gründlichkeit - und von entwaffnender Großzügigkeit: Regelmäßig ging der Herr aus dem alten mecklenburgischen Adelsgeschlecht rüber zum Feinkostladen und ließ große Tüten mit schönen Sachen für die gesamte Crew packen.

"Das hat mich sehr beeindruckt"

Als Loriot 80 wurde, schenkte ihm das Fernsehen zum runden Geburtstag im Jahr 2003 eine Sendung, für die er das Drehbuch schreiben und Regie führen durfte. "Wie er das in seinem Alter gemeistert hat, die langen Drehtage von morgens bis abends, das hat mich sehr beeindruckt", sagt Rudolf Kowalski. Noch mehr hat ihn allerdings ein Erlebnis am Abend des letzten Drehtages beeindruckt: "Da klopfte jemand an meine Garderobentür. Ich öffnete. Draußen auf dem Gang stand Loriot. Ich wollte mich noch persönlich von Ihnen verabschieden, Herr Kowalski. So war er. Der alte Mann ging von Garderobe zu Garderobe und verabschiedete sich von jedem von uns persönlich."

Vier Jahre später, am 28. Oktober 2007, starb Evelyn Hamann, Kowalskis Ensemble-Kollegin am Bremer Theater, Loriots Partnerin vor der Kamera seit 1976 - und 1978 Mutter Hoppenstedt ("Ich mach' uns mal ein paar Schnittchen"). An ihrem Todestag sagte Loriot: "Liebe Evelyn, dein Timing war immer perfekt, nur heute hast du die Reihenfolge nicht eingehalten. Na warte!" Die professionelle Haltung des Komikers. In seinem Inneren sah es anders aus. Loriot hat ihren Tod nie verwunden. Als sie 1976 zum Casting für seine Sketch-Reihe erschien, suchte er eigentlich eine blonde Pummelige und keine brünette Hagere und sagte zu ihr: "Liebe Frau Hamann, wenn Sie auf unsere Kosten mehrere Wochen täglich Schweinshaxen essen - meinen Sie, Sie werden dann fülliger?" Evelyn Hamann lehnte entrüstet ab. Aber ihr Vorspielen überzeugte ihn so sehr, dass er sich trotzdem für sie entschied: "Gut, dann eben nicht pummelig."

Nach der ersten Stolberg-Folge 2006 rief Loriot zu Hause bei Kowalski an und gratulierte ihm. Später rief er immer wieder mal an, gern nach der Ausstrahlung der jeweils aktuellen Folge im ZDF. Und einmal, Jahre später, bot er an, mal mitzuspielen in der Krimi-Serie. Er könne ja einfach nur still auf einer Parkbank sitzen und nichts weiter tun, sagte er bescheiden. Dazu kam es nicht mehr. Am 22. August 2011 starb Loriot. Und Kowalski stöpselte das Telefon aus. "Ich wollte nicht bei Markus Lanz sitzen und irgendwas zu seinem Tod sagen."

Weihnachten wie bei den Hoppenstedts?

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wohnt Rudolf Kowalski zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Eva Scheurer, in Sankt Augustin. Damals hatten sie ein Haus mit Garten für die kleine Tochter gesucht - und vor den Toren Bonns gefunden. Inzwischen ist die Tochter erwachsen, längst aus dem Haus und angehende Theaterdramaturgin. Der Vater freut sich, wenn sie Weihnachten nach Hause kommt. Und was passiert dann im Hause Kowalski? Wird's so gemütlich wie bei Familie Hoppenstedt?

"Gutes Essen, guter Wein, Füße hochlegen - also eigentlich, was ich jeden Tag mache." Sagt Rudolf Kowalski und grinst. Zwischen Arbeit und Freizeit existiert für den 67-jährigen Schauspieler keine saubere Trennung. Deshalb fährt er auch nie in Urlaub. Weil er beruflich ständig auf Achse ist. Gibt's denn Geschenke zu Weihnachten? "Oh ja, natürlich. Ich mache nämlich sehr gerne Geschenke. Auch wenn ich immer wochenlang Stress damit habe, mir etwas Schönes auszudenken." Allerdings sind Gutscheine und Haushaltsgeräte tabu. Und deshalb gibt es zu Weihnachten auch keinen Einhand-Saugblaser der Firma Heinzelmann.

Die gemeinsame Website von Eva Scheurer und Rudolf Kowalski im Internet: www.triangeltheater.de