"Verantwortliche blockieren wichtige Ermittlungen"

Fall Tanja Gräff: Mutter äußert Vorwürfe gegen Ermittler

TRIER. Am Fronleichnamstag 2007 kommt Tanja nicht nach Hause. Die Polizei geht von einem Verbrechen aus. Vor einer Woche wurde Tanja Gräffs Skelett gefunden.

Ein schöner Ort, um Kinder heranwachsen zu sehen. Korlingen, Verbandsgemeinde Ruwer, Landkreis Trier-Saarburg. In dem 900-Seelen-Dorf wohnt man mitten in der Natur und stadtnah zugleich, bis ins Zentrum Triers sind es nur acht Kilometer. Waltraud Gräff wohnt in Korlingen. Allein.

Das war nicht immer so. Viele Jahre lebte die heute 58-Jährige hier glücklich mit Mann und Kind. Ihr Mann Karl-Hans starb vor zwei Jahren. "Aus Gram", sagen ehemalige Arbeitskollegen. "Weil er seine geliebte Tochter verloren hat. Das einzige Kind."

Ein Abschied für immer

Vor acht Jahren, am Tag vor Fronleichnam, am Mittwochabend des 6. Juni 2007, fuhr Waltraud Gräff ihre Tochter Tanja die vier Kilometer von Korlingen nach Trier-Tarforst, das Universitätsviertel im Osten der Stadt. Dort ist die 21-jährige Lehramtsstudentin verabredet, zum "Vorglühen" in einer WG. Später will man noch weiterziehen, ans westliche Ende der Stadt, jenseits der Mosel, zum Sommerfest der Fachhochschule. Die FH liegt auf Schneidershof, einem waldreichen Hochplateau oberhalb des Flusses, der die älteste Stadt Deutschlands in zwei Hälften teilt.

Tanja Gräff trägt an diesem Abend T-Shirt, Jeans, Turnschuhe und eine Umhängetasche, die sie sich aus einem Hawaii-Hemd ihres Vaters genäht hat. Ihr Outfit führt sie noch rasch dem Vater vor, bevor sie mit der Mutter das Haus verlässt. "Wie sehe ich aus?" Die Meinung des Vaters ist ihr wichtig. "Fein siehst du aus; so kannst du laufen", sagt Karl-Hans Gräff.

Tanja ist während der kurzen Autofahrt bester Laune. Dafür gibt es drei Gründe. Erstens ist sie meistens guter Laune. Zweitens genießt das alljährliche Sommerfest der FH bei jungen Leuten weit über die Grenzen Triers hinaus Kultstatus: sechs Live-Bands, mehrere Bühnen, diesmal werden (dank der hochsommerlichen Temperaturen) mehr als 10.000 Besucher erwartet. Drittens wartet in der WG Andreas (Name geändert) - ihr neuer Freund, Uni-Student sowie Gitarrist einer Death-Metal-Band.

Den und dessen Clique hat sie erst vor wenigen Wochen kennengelernt. Neuer Freund ist deshalb vielleicht zu viel gesagt, so genau weiß man das nicht, sie ist offenbar verknallt, aber vielleicht hegt nur Tanja diese Gefühle. Sie ist behütet aufgewachsen, hat früher gern mit den Jungs aus dem Dorf Fußball gespielt, betreibt Bogenschießen im Verein und engagiert sich ehrenamtlich als Betreuerin von Jugendfreizeiten. Die 1,73 Meter große, zierliche Frau mit dem rotblonden Haar ist beliebt, hat viele Freunde. Aber bislang gab es noch keine feste Liebesbeziehung.

In Trier-Tarforst springt Tanja Gräff um 20.30 Uhr aus dem Auto, winkt ihrer Mutter und verschwindet. Für immer. Waltraud Gräff sieht ihre Tochter nie wieder.

Acht Jahre später ist Waltraud Gräff die Verbitterung deutlich anzumerken, als sie diesen Satz sagt: "Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Aber in meinem Fall ist die Zeit die Wunde." Je mehr Zeit vergeht, desto größer wird die Wunde. Sie hat Härte entwickelt, weil die Medien sie all die Zeit nur leiden sehen wollen. Waltraud Gräff will aber nicht nur still leiden. Sie kämpft seit acht Jahren darum, dass der Tod ihrer Tochter aufgeklärt wird.

Am Fronleichnamstag 2007 kommt Tanja nicht nach Hause. Dabei wollte sie doch zum Mittagessen zurück sein. "Aber sie war ja ein erwachsener Mensch", sagt Waltraud Gräff. "Man will ja nicht die hysterische Mutter sein." Aber auch in der folgenden Nacht bleibt das Bett im Kinderzimmer unberührt. Über Handy ist Tanja nicht erreichbar, und nach einem Telefonat mit Andreas, der Tanja in Korlingen wähnt, erstatten die Eltern Vermisstenanzeige.

Die Polizei geht von einem Verbrechen aus. Aus den verschiedensten Kommissariaten der Trierer Kriminaldirektion werden 60 Ermittlungsbeamte der "SoKo FH" zugeordnet. Hundertschaften der Bereitschaftspolizei durchkämmen die Wälder rund um das FH-Gelände. Taucher und Boote mit Sonar-Technik überprüfen die Mosel sowie die Seen in der Umgebung, auch jenseits der nahen Staatsgrenze im Herzogtum Luxemburg. Die von den Kriminalbeamten abgearbeiteten 3000 Hinweise aus der Bevölkerung, die protokollierten Zeugenvernehmungen, die gelisteten Spuren und Asservate füllen bald 200 Aktenordner.

Bundesweite Aufmerksamkeit

Der Fall erregt bundesweit Aufmerksamkeit. Die 107.000-Einwohner-Stadt, nicht eben eine Hochburg des Verbrechens, steht unter Schock; und die Polizei unter gewaltigem öffentlichem Druck - trotz oder wegen des bis dahin nicht gekannten personellen und logistischen Aufwands. Eine Belohnung in Höhe von 30.000 Euro wird ausgesetzt. Studenten unternehmen auf eigene Faust Suchaktionen, plakatieren Trier mit selbst entworfenen Fahndungsplakaten, initiieren Aufrufe und Diskussionsforen im Internet, die bald Heerscharen anonymer "Experten" eine willkommene Plattform für absurde Verschwörungstheorien bieten. Handy-Schnappschüsse vom Sommerfest werden der Polizei zur Verfügung gestellt, mehr als 6000 Fotos. Auf keinem einzigen kann Tanja Gräff entdeckt werden.

Stationen auf Tanjas Weg durch die Nacht lassen sich bruchstückhaft rekonstruieren. Mit Hilfe von Zeugen und der Auswertung der Funkzellen-Aufzeichnungen des Mobilfunkanbieters.

Seltsamer Zwischenfall mit Unbekanntem

Nach dem Vorglühen in der WG macht sich die Studentin mit Andreas und der neuen Clique im Shuttle-Bus auf den Weg zum Sommerfest. Dort treffen die acht jungen Leute gegen 23.30 Uhr ein. Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes kontrollieren den Haupteingang an der Zufahrt von der Bitburger Straße, wo auch die Busse halten, sowie einen Nebeneingang am Rande des roten Felsens, wie er in Trier genannt wird, ein 50 Meter hoher Steilhang aus Buntsandstein.

Von dort führt ein schmaler Fußweg hinunter zur Kaiser-Wilhelm-Brücke, ein anderer in den Ortsteil Pallien, dessen Häuser sich unterhalb von Schneidershof auf dem schmalen Absatz zwischen der senkrechten Felswand und dem Westufer der Mosel ducken.

In den Menschenmassen verliert Tanja die neue Clique samt Andreas aus den Augen. Aber die 21-Jährige kennt genügend andere Besucher, ehemalige Schulfreunde etwa, Freunde aus ihrer alten Clique, Kommilitonen ihres Uni-Studiengangs. Sie kriegt gar nicht mit, dass ihr Schwarm Andreas und dessen Clique das Sommerfest gegen 3.30 Uhr verlassen, um mit dem Bus hinunter zum Nikolaus-Koch-Platz im Stadtzentrum zu fahren. Sie ist zu dieser Zeit mit Heiko auf dem weitläufigen, unübersichtlichen Festgelände unterwegs, um Andreas zu suchen, als Heiko sie für eine Weile aus den Augen verliert.

Gegen 3.55 Uhr findet er Tanja wieder, an einem Bierstand. Als Heiko sie anspricht und ihr vorschlägt, gemeinsam mit dem Bus hinunter in die Stadt zu fahren, tritt ein ihm unbekannter Mann hinzu und schnauzt Heiko an: "Hey, lass die Tanja in Ruhe!" Der Unbekannte stößt ihn barsch weg, Heiko verzieht sich lieber und besteigt alleine den Bus.

In seiner späteren Zeugenaussage beschreibt er den Unbekannten als 20 bis 25 Jahre alt, etwa 1,75 Meter groß, schlank - und unsympathisch. Heiko glaubt aber, dass Tanja den Mann gekannt haben muss, weil er sie mit Vornamen ansprach und sie während des eigenartigen Zwischenfalls völlig entspannt blieb. Der Unbekannte wird nie identifiziert.

Um 4.13 Uhr morgens bricht die Handyverbindung ab

Nur wenige Minuten später trifft ein Trio alter Freunde (Svenja, Katharina und Tim) an jenem Bierstand auf Tanja, die gerade telefoniert (um 4.01 Uhr, mit Andreas, ergibt die Funkzellen-Auswertung; Andreas versichert in der Zeugenvernehmung, Tanja habe ihn angerufen und er habe ihr vorgeschlagen, in die Stadt nachzukommen). Die drei alten Freunde warten, bis Tanja ihr Handy-Telefonat beendet und fragt: "Wie komme ich denn jetzt am schnellsten zum Nikolaus-Koch-Platz?" Sie habe fröhlich gewirkt. Euphorisch gar. Svenja, Katharina und Tim erinnern sich, dass hinter Tanja zwei junge Männer standen, die offenbar zu ihr gehörten.

Den einen konnten sie nicht richtig sehen, weil sein Gesicht von Tanjas Schatten verdeckt wurde, aber den anderen Mann, den kann Svenja detailliert beschreiben: Mitte zwanzig, 1,80 Meter groß, mollig, schwarze Kleidung und ein auffälliger, spitz zulaufender Kinnbart. Die ganze Zeit habe der Mann mit dem Spitzbart das Trio feindselig angestarrt.

Ob es sich bei dem anderen Mann möglicherweise um den Unbekannten handelte, der dort kurz zuvor Heiko angeblafft hatte, wird nicht ermittelt. Der identische Ort und der extrem kurze zeitliche Abstand zwischen den beiden Ereignissen legen den Verdacht nahe. Von dem Mann mit dem Spitzbart wird später ein Phantombild erstellt, aber nie veröffentlicht.

Tanja muss anschließend zum Nebenausgang geeilt sein, ergibt die Funkzellen-Auswertung. Um 4.13 Uhr telefoniert sie von dort erneut mit Andreas. Der wartet zu diesem Zeitpunkt aber schon nicht mehr am vereinbarten Treffpunkt am Nikolaus-Koch-Platz auf sie, sondern ist mit der Clique bereits auf dem Rückweg zur WG nach Tarforst im Osten der Stadt, um dort weiter zu feiern - unter anderem mit Andreas' Ex-Freundin Rena (Name geändert).

Ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes am Nebenausgang erinnert sich später an eine zierliche Frau mit rotblonden Haaren, die mit ihrem Handy telefonierte und sehr verärgert wirkte. Bei ihr standen zwei junge Männer. Das Telefonat um 4.13 Uhr ist Tanjas letztes Lebenszeichen. Danach ist das Handy tot. Nicht mehr erreichbar. Und niemand will die 21-Jährige nach 4.13 Uhr gesehen haben.

Schreie in der Nacht

Jenseits der Mosel verläuft die Zurmaiener Straße parallel zum Ostufer. Gegen 4.30 Uhr schreckt dort ein Theologiestudent von seinem Bett hoch. Schreie dringen durch das geöffnete Schrägfenster seines Mansardenzimmers. Angstvolle Schreie einer Frau in Bedrängnis. Er eilt ans Dachfenster, kann aber nichts sehen. Erst um 4.45 Uhr wird es allmählich hell, aber da sind die Schreie längst verstummt. Er ist sicher, dass die Schreie aus Richtung Moselufer kommen. Nur: von welcher Uferseite? Nachts tragen Wasserflächen den Schall besonders gut.

Eine Woche nach Tanjas Verschwinden durchkämmt ein Großaufgebot der Polizei den Ortsteil Pallien, nachdem am Nachmittag des 13. Juni 2007 mehrere Bewohner unabhängig voneinander Hilfeschreie einer Frau gehört haben. Aus Richtung Felswand. Die Polizei durchsucht 17 der rund 60 Häuser Palliens. Allerdings nicht das Apartmenthaus, hinter dem Tanjas Leiche acht Jahre später gefunden wurde. Am späten Abend zieht die Polizei erfolglos ab.

Während fünf Ohrenzeugen unabhängig voneinander versichern, die Hilfeschreie und das schreckliche Wimmern einer Frau gehört zu haben (O-Ton: "Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich mich daran erinnere"), meint ein anderer Ohrenzeuge, es hätte sich eher wie der Streit einer Mutter mit ihrem Kleinkind angehört. Obwohl eine Mutter mit Kleinkind als Quelle nie ermittelt wurde, gilt die Mutter-Kind-Version seither als offizielle Version der Polizei - und die "Pallien-Spur" als erledigt.

Ermittlungen kommen zu keinem Ergebnis

200 Aktenordner. Kein Ergebnis. Ein halbes Jahr nach Tanjas Verschwinden wird die 60-köpfige "SoKo FH" auf eine 15-köpfige Ermittlungskommission reduziert. Im Januar 2009 wird auch die "EK FH" aufgelöst, die Akten gehen zurück an das K11, das für Kapitaldelikte zuständige Kommissariat. "Hier wird ein erfahrener Kriminalbeamter den Fall übernehmen", heißt es in der Pressemitteilung der Polizei.

Im Abschlussbericht der "EK FH" gipfelt der aktuelle Erkenntnisstand nach 19 Monaten in dem Satz: "Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist es zwischen 4.15 Uhr und 4.45 Uhr zu einem unbekannten Geschehensablauf gekommen." Bernd Michels, damals Leiter der SoKo, drückte es so aus: "Wir suchen nicht die Nadel im Heuhaufen - wir suchen den Heuhaufen."

Die Jahre gehen ins Land. Im Dezember 2014 veröffentlicht die örtliche Lokalzeitung, der "Trierische Volksfreund", einen Bericht, der nichts Neues erzählt, aber von seiner Anmutung gut in die besinnliche Adventszeit passt. Waltraud Gräff kommt darin zu Wort. "Als Mutter fühle ich, dass meine Tochter nicht mehr lebt", sagt sie. Und dass sie kein Vertrauen mehr in die Arbeit der Polizei habe.

Auch die Behörden kommen zu Wort. Derzeit gebe es "keine Anhaltspunkte für weitere erfolgversprechende Ermittlungen", versichert Triers Leitender Oberstaatsanwalt Peter Fritzen: "Es ist wirklich nichts unversucht gelassen worden, den Fall aufzuklären oder zumindest einen erfolgversprechenden Ermittlungsansatz zu finden." Den Artikel liest auch Günter Deschunty - und ist empört. Er schickt einen Leserbrief an seine Lokalzeitung, der auch abgedruckt wird. "Ich widerspreche der Staatsanwaltschaft ganz entschieden, wenn sie behauptet, man hätte nichts unversucht gelassen", schreibt er darin. "Seit nunmehr vier Jahren verzögern und blockieren eine Handvoll Verantwortliche wichtige Ermittlungen."

Bevor Günter Deschunty 2012 in Pension ging, war er 46 Jahre lang Polizeibeamter, zuletzt Erster Kriminalhauptkommissar und Leiter des K16 (Observation und Fahndung) der Kriminaldirektion Trier. In dieser Position war Deschunty einer der 60 Ermittler der "SoKo FH", bis die im Januar 2008 aufgelöst wurde. Doch der Fall Tanja Gräff ließ Deschunty nie los, auch wenn er von Amts wegen nicht mehr zuständig war. In regelmäßigen Abständen nahm er sich die alten Fallakten vor, in der stillen Hoffnung, etwas zu finden, was damals übersehen worden war.

Im Januar 2011, dem Jahr vor seiner Pensionierung, stößt er auf die alte Aussage der Zeugin Svenja, die zwei Männer in Begleitung Tanjas am Bierstand beschrieb, und das nie veröffentlichte Phantombild des Mannes mit dem Spitzbart. Auf den 6000 eingesendeten Fotos vom Sommerfest ist zwar Tanja nicht zu sehen - aber gleich mehrfach der von Svenja beschriebene schwarz gekleidete, mollige junge Mann mit dem Spitzbart.

Deschunty findet die beiden Studentinnen, die jene Fotos damals einsendeten, und kann den Mann mit dem Spitzbart identifizieren: ein ehemaliger Trierer FH-Student aus dem nahen Saarland, der sein Studium bald nach Tanjas Verschwinden abbrach und der saarländischen Polizei bestens bekannt ist: gefährliche Körperverletzung, Beleidigung, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung. Nennen wir ihn P. Der junge Mann mit dem hohen Aggressionspotenzial gehört der Death-Metal-Szene an, so wie Gitarrist Andreas, Tanjas damaliger "Freund".

Im Kofferraum seines schwarzen Volvo Kombi fährt P. einen Kindersarg spazieren, der dient den Musikboxen als Resonanzkörper. Den Kindersarg mag man vielleicht als geschmacklosen Humor eines Angehörigen der dem Satanismus nahestehenden Death-Metal-Musikszene abtun - so geschmacklos wie der Umstand, dass Tanjas Schwarm Andreas im Jahr nach dem Sommerfest mit seiner Band ein Musikvideo veröffentlicht, das zeigt, wie ein gesichtsloser Mann in einem Gewölbekeller eine junge, zierliche Frau foltert und bestialisch ermordet.

Weniger erklärbar ist da schon, warum Andreas' Ex-Freundin Rena am Tag nach dem Sommerfest über das Internet-Forum "StudiVZ" folgende Botschaft an Andreas schickte: "Du Arschloch hast Beweismaterial von meinem Handy gelöscht." Ähnlich unerklärlich sind die beiden Vernehmungen des Zeugen P. durch Beamte des K11 am 29. Juli 2011 und am 11. Mai 2012, nachdem K16-Leiter Günter Deschunty Monate zuvor seine Erkenntnisse an das K11 weitergereicht hatte.

P. sagt darin aus, er habe Tanja Gräff nicht gekannt und sei ihr auch auf dem Sommerfest nicht begegnet. Er sei dort die ganze Zeit mit seiner Freundin Katharina (Name geändert) zusammen gewesen. Katharina wird zunächst nur per Telefon gefragt, ob sie das Alibi bestätige. P. lässt sich während der Vernehmungen jedes Wort aus der Nase ziehen, verwickelt sich in auffällige Widersprüche, aber die Ermittler haken nicht nach.

Wer sich die Funkzellen-Aufzeichnung anschaut, erkennt, dass P. sich um 4.09 in der Nähe des Nebenausgangs aufhielt und während des Abends exakt zehn Mal per Handy seine Freundin kontaktierte, mit der er angeblich ununterbrochen zusammen war - und Katharina zwischen 1.07 und 4.07 fünf Mal nicht P., sondern ihren Ex-Freund D. per Handy kontaktierte. Verhalten sich so Paare, die den Abend gemeinsam verbringen?

Später, am 16. November 2011, wird sie doch noch vernommen und erklärt, man habe viel getrunken; sie sei sauer gewesen, weil P. dauernd nach anderen Frauen schaute. Schließlich sei sie alleine in die Innenstadt gelaufen und habe bei ihrem Ex-Freund D. übernachtet.

Um 4.24 Uhr schaltet P. sein Handy ab und ist für den Rest der Nacht nicht mehr erreichbar. Er habe in seinem am Moselufer geparkten Volvo übernachtet, sagt er in der zweiten Vernehmung aus, während er in der ersten Vernehmung angab, noch in der Nacht zurück ins Saarland gefahren zu sein.

Staatsanwaltschaft verfolgt Spur nicht weiter

Vor einer Woche wurde Tanjas Skelett gefunden, hinter einem sechsstöckigen Haus mit vier Dutzend Wohnungen am Rande des Ortsteils Pallien. Über das Hochplateau ist das fast ein Kilometer Fußweg vom FH-Gelände bis zur möglichen Absturzstelle. Durch den Wald, in völliger Dunkelheit, ohne erkennbares Ziel? Ein 1,40 Meter hoher, stabiler Zaun schützt dort vor unfreiwilligen Abstürzen.

Die Studentinnen mit den Handy-Schnappschüssen von P. wohnten in Pallien - im selben Haus wie einer der Ohrenzeugen, der eine Woche nach dem Fest die Hilfeschreie einer Frau vernahm. Der ebenfalls im Haus wohnende Sohn dieses Ohrenzeugen gehörte ebenfalls der Death-Metal-Szene an - und beging 2012 Selbstmord. Das mögen Zufälle sein - aber eine Spur bilden solche Zufälle allemal. Sollte man meinen. Die Trierer Staatsanwaltschaft vertritt im "Abschlussbericht zur Spitzbart-Spur" vom 31. Juli 2012 eine andere Meinung: "Weitere Ermittlungen erscheinen nicht mehr angezeigt."