Überhöhte Schadstoffwerte in Neu-Delhi

Fahrverbote für bessere Luft

Verkehrsberuhigung à la Neu-Delhi: Auch Fahrverbote lösen die Probleme der Stadt kaum

Verkehrsberuhigung à la Neu-Delhi: Auch Fahrverbote lösen die Probleme der Stadt kaum.

04.01.2016 Neu-Delhi. Menakshi Gupta war auf das Schlimmste gefasst. Sie machte sich eine Stunde früher von ihrer Frauenpension im Westen der indischen Hauptstadt auf den Weg zur Arbeit.

Denn Neu-Delhis Behörden erwarteten gestern 6,4 statt der üblichen 4,3 Millionen Passagiere in U-Bahn und Bussen, weil die Hälfte der 8,5 Millionen Autos in der Megametropole in der Garage bleiben musste.

Die 24-jährige Frühaufsteherin Menakshi Gupta entging dank ihrer Weitsicht dem befürchteten Gewühl. Doch als die junge Frau rechtzeitig an ihrem Arbeitsplatz hinter dem Empfang einer kleinen Pension eintraf, kochten angesichts der üblichen Szenerie auf der Seitenstraße in Delhis Stadtteil Sunda Nagar Neid und ein wenig Wut hoch.

Ein Blick auf die zehn Luxuskarossen des Nachbarn genügte der jungen Frau. Der Mann und seine schwerreiche Familie unterlagen dank vier Fahrzeugen mit geraden Endziffern auf den Kennzeichen keinen Einschränkungen. Heute können sie einfach die Autos mit ungeraden Kennzeichen nutzen, während Millionen von Hauptstadtbewohnern sich wie Sardinen in öffentliche Verkehrsmittel zwängen müssen.

Seit Neujahr und noch bis zum 15. Januar wollen Neu-Delhis Stadtväter mit wechselnden Fahrverboten für Autos mit geraden und ungeraden Kennzeichenendziffern versuchen, den Verkehr und damit die Luftverschmutzung einzudämmen. Am ersten vollen Arbeitstag seit Einführung der Regel überraschten Neu-Delhis Autofahrer, die manchen als die schlimmsten Chauffeure der Welt gelten, mit ungewöhnlichem Gehorsam.

Die Polizei verteilte weniger als 1000 Strafzettel und erwischte kaum ein "illegales Gefährt" mit den eigens aufgestellten versteckten Kameras. "Das Schema ist erfolgreich", jubilierte die von der "Arme Leute Partei" (AAP) geführte Hauptstadtregierung. Die Luft sei am 1. Januar deutlich besser gewesen als vor einem Jahr. Ein Autofahrer teilte per Twitter einen Geschwindigkeitsrekord für eine Strecke mit, auf der er üblicherweise eine gute Stunde unterwegs ist: "Ich habe heute nur 23 Minuten von Delhi nach Noida benötigt".

Aber das Umweltinstitut "The Energy and Ressources Institut" (Teri) dämpfte den aufkeimenden Stolz: "Am 1. Januar war die Luftverschmutzung schlimmer als am 31. Dezember. Sie lag fünf Mal höher als sichere Luftstandards."

Tatsächlich haben von Mexiko-Stadt über Paris bis Lagos fast alle Megametropolen schlechte Erfahrungen mit wechselnden Fahrverboten gemacht - und sie meist aufgegeben, weil sie sich als nutzlos erwiesen. In Delhi gilt das Fahrverbot nur vom frühen Morgen bis acht Uhr abends. Dann strömen wie jede Nacht rund 50 000 Lastwagen mit stinkenden Dieselmotoren in die Stadt. Und täglich werden 1400 Neufahrzeuge in der indischen Hauptstadt zugelassen.

Statistiken zeigen, dass nur 15 Prozent der Luftverschmutzung in der Stadt mit der schlechtesten Luft der Welt von allen Fahrzeugen, ganze fünf Prozent von Personenfahrzeugen verursacht werden. Der Dreck von Baustellen, unerlaubten Kleinbergwerken oder illegal verbranntem Abfall ist hingegen so schlimm, dass der Mediziner Sanjeev Bagai die Lage in Delhi mit dürren Worten zusammenfasst: "Kinder in der Hauptstadt haben die Lungen von Kettenrauchern." (Willi Germund)