Eine Stadt in Angst

Fünf Paketbomben in einem Monat in Austin

Wieder explodiert ein Paket in Texas: Diesmal ging der Sprengsatz in einem Kurierzentrum hoch.

Wieder explodiert ein Paket in Texas: Diesmal ging der Sprengsatz in einem Kurierzentrum hoch.

Washington. In der US-Stadt Austin geht zum fünften Mal eine Paketbombe hoch. Die Polizei spricht von einem Serientäter – aber die Ermittler haben noch keine Spur.

 Das Phänomen des einsamen Fanatikers, der anderen aus sicherer Entfernung Angst macht und daraus seine Allmachtsgefühle speist, ist in Amerika untrennbar mit dem Namen Ted Kaczynski verbunden. Zwischen 1978 und 1995 sendete der hochintelligente Mathematiker 16 Briefbomben an Universitäten und Fluglinien. Drei Menschen starben, 23 wurden schwer verletzt. Kaczynski, der „Una“-Bomber, wurde erst enttarnt, als er seine Botschaft unters Volk bringen konnte. Die New York Times druckte auf acht Seiten sein krudes Manifest gegen Kapitalismus und Technologiegläubigkeit ab. Einem Leser kam die Sprache bekannt vor. Es war Kaczynskis eigener Bruder.

In der texanischen Hauptstadt Austin wartet Brian Manley seit dem 2. März sehnlichst darauf, dass sich der bisher unbekannte Täter, der hinter den heimtückischen Bombenattentaten der vergangenen Tage steht, ebenfalls offenbart. „Wir glauben, er will uns eine Botschaft senden“, sagte der Polizeichef der 930 000-Einwohner-Metropole und appellierte: „Sprich mit uns, wir wollen Dir zuhören und Dich verstehen.“ Die Zeit drängt. Vier Sprengsätze sind bereits explodiert, zwei Menschen gestorben und vier weitere schwer verletzt worden. Eine weitere Bombe, die in einem Paket installiert und für einen Adressaten in Austin bestimmt war, ging laut Polizei am Dienstagmorgen in einem Verteillager der Spedition FedEx in der Nähe von San Antonio hoch.

Austin ist eine Stadt in Angst. Vor drei Wochen verlor der 39-jährige Anthony Stephan House sein Leben, als er in seiner Wohnung am Haverford Drive ein dort abgestelltes Paket öffnete, in dem ein Sprengsatz deponiert war. Zehn Tage später erwischte es den 17 Jahre alten Draylen Mason. Seine Mutter (41) überlebte das Attentat nur knapp, als ihr Sohn auf der Veranda am Oldfort Hill Drive ein Paket öffnete. Am gleichen Tag wurde Esperanza Herrera, eine 75-jährige Rentnerin, an der Gallindo Straße schwer verletzt – ebenfalls beim Öffnen einer anonym abgestellten Postsendung. Weil die Opfer Afroamerikaner sind oder im Fall der älteren Frau Latinowurzeln haben, schließt die Polizei rassistische Motive nicht aus. Aber es gibt weder Bekennerschreiben noch belastbare Spuren.

"Der Täter schaut Fernsehen"

Um der aufkeimenden Panik in der Bevölkerung der liberalen Enklave zwischen Dallas und Houston zu begegnen, riet die Polizei zu erhöhter Wachsamkeit. Pakete, die nicht eindeutig auf eine Lieferung der Post oder einschlägiger Dienste zurückgehen, sollten nicht geöffnet, potenziell verdächtige Gegenstände gemieden werden. „Auf keinen Fall anfassen“, warnte Bürgermeister Steve Adler im Lokalfernsehen, „rufen Sie sofort die Polizei.“ Inzwischen sind dort über 1000 Anrufe eingegangen. In über 200 Fällen gab es Kontakte zwischen Behörden, die insgesamt 500 Cops auf der Straße haben, und potenziell Verdächtigen.

Am Sonntagabend dann schoben – in einem anderen Teil der Stadt – zwei Männer ihre Fahrräder nach Hause, als ein wahrscheinlich durch Stolperdraht ausgelöster Sprengsatz am Straßenrand detonierte. Die Opfer, Anfang 20, überlebten schwer verletzt.

Ob ein Zusammenhang besteht, ist noch nicht zweifelsfrei erwiesen. Polizeichef Brian Manley sprach aber offiziell von einem „Serientäter“. Fred Burton, ein Terrorismusexperte der örtlichen Sicherheitsfirma Stratfor, ergänzte: „ein ausgekochter Serientäter“. Seine Theorie: Nach den ersten drei Paketbomben habe der Unbekannte den Behörden jede Menge forensisches Material hinterlassen. Mit einem ganz anders konstruierten Sprengsatz wolle der „Austin-Bomber“ den Fahndern entgehen.

Polizeichef Brian Manley hat die Belohnung für Hinweise, die zur Festnahme führen, auf 115.000 Dollar erhöht. Seine Ankündigung wurde live im TV übertragen. Wenige Stunden später gingen die beiden Bomben hoch. „Der Täter“, sagte ein Kriminologe im Sender MSBNC, „guckt eindeutig Fernsehen.“