US-Militär-Übung "Jade Helm 15"

"Eine Horde Durchgeknallter"

"Texans gegen Jade Helm 15": Initiativen statten empörte Bürger mit T-Shirts wie diesem aus, um zu protestieren.

"Texans gegen Jade Helm 15": Initiativen statten empörte Bürger mit T-Shirts wie diesem aus, um zu protestieren.

WASHINGTON. Außerhalb von Washington DC ist Amerikas Hauptstadt vielerorts so beliebt wie eine Zahnwurzelbehandlung. Fährt man nach Texas, wird der Argwohn gegen die Machtzentrale oft zu blankem Hass. Die US-Militär-Übung "Jade Helm 15" lässt in Texas wilde Verschwörungstheorien wachsen.

Steuererhöhungen, liberale Gerichtsurteile zur Homo-Ehe, Krankenversicherung für alle, Umweltschutz-Auflagen gegen einen Klimawandel, an den keiner glaubt: Für viele Bewohner des "Lone Star State" kommt jede unerwünschte Einmischung aus Nordost. Vor allem seit dort mit Barack Obama ein Schwarzer das Sagen hat.

Dem Präsidenten und seiner Regierung traut man sogar die feindliche Übernahme von Texas zu. Ein Stützpfeiler des Staatswesens - das Militär - bekommt das gerade zu spüren.

Die Groß-Übung "Jade Helm 15", die in Texas, Arizona, Florida, Louisiana, Mississippi, New Mexico und Utah Tausende Soldaten im Kampf gegen einen imaginären Feind aus dem Inneren schulen soll, steht unter Landesverrats-Verdacht. Ernsthaft.

Angeheizt durch radikale Populisten am rechten politischen Rand und libertäre Konspirations-Theoretiker ("truther"), die sich über die Medien und Internet-Foren zu Wort melden, grassieren seit Wochen Ängste, die man nur aus schlechten Endzeit-Romanen kennt:

  • Dass Washington in Texas die Macht an sich reißen, den Bundesstaat unter Kriegsrecht stellen und Widerständler internieren wird.
     
  • Dass freiheitsliebende Bürger klammheimlich liquidiert und die Leichen in getarnten Eiswagen weggebracht werden.
     
  • Dass chinesische und/oder russische Truppen dabei eine Helfershelfer-Rolle spielen.
     
  • Dass Washington am Ende den Texanern alle ihre Schießeisen nimmt. Letzteres glauben nach einer völlig ironiefreien Umfrage der "Texas Tribune" 44 Prozent der Menschen. 31 Prozent davon zählen sich zu Obamas Partei, den Demokraten. Wortführer ist Alex Jones, ein Star einer Radio-Talkshow. Nach seiner Lesart steht HELM für "Homeland Eradication of Local Militants": die Ausrottung von örtlichen Regierungsgegnern.

"Unsinn, Unsinn, Unsinn", hat dazu das Militär-Oberkommando in Fort Bragg schon vor Wochen gesagt und vor der Übung Hunderte Anwohner und Landbesitzer ins Bild gesetzt. Vor allem darüber, dass bei dem Groß-Manöver auch Green Berets, Navy Seals und andere Spezialeinheiten Krieg spielen werden.

Kleinstädte wie Eldorado haben kostenlos ihr leer stehendes Krankenhaus als Einsatz-Quartier zur Verfügung gestellt. "Wir sind stolze Patrioten hier unten. Und die Armee verdient unsere Unterstützung", sagte John Nikolauk. Der Bürgermeister, ehemaliger Pilot der Luftwaffe, hält die Gegner der Übung für eine "Horde Durchgeknallter".

Aber die Horde ist stattlich. Und sie kann sich indirekt auf Greg Abbott berufen. Der republikanische Nachfolger des Präsidentschafts-Kandidaten Rick Perry im Amt des Gouverneurs von Texas beauftragte die Landespolizei, "Jade Helm 15" genau zu überwachen, "damit Texas sicher bleibt".

Dan Whitaker, Besitzer eines Waffenhandels, erklärt die Unruhe mit dem Texas-eigenen Hang zu "Paranoia". Die Befürchtung, dass Washington "uns unsere Pistolen wegnehmen will", sei völlig unbegründet, "es gibt gar nicht genug Lastwagen, um die alle zu verstauen."

Whitaker verwies Reporter augenzwinkernd auf eine etwas leichter konsumierbare Lesart der Militär-Übung. Nach Erkenntnissen des verwegenen Internet-Blogs "800whistleblower" wird im September ein riesiger Asteorid Texas vernichten. Die Soldaten von "Jade Helm 15" bereiteten sich darauf nur schon mal vor. Sicher ist sicher.