Berlinale

Die innere Freiheit nehm' ich mir

"Queen Of The Desert": Nicole Kidman und James Franco in Werner Herzogs Film. FOTO: BERLINALE

"Queen Of The Desert": Nicole Kidman und James Franco in Werner Herzogs Film.

BERLIN. Ach, wie gerne würde man doch auch von diesem Regisseur mal einen Film über die schöne, weite Welt sehen - so wie zu Beginn des Grönland-Eröffnungsfilms "Nobody Wants The Night" oder wie gestern in Werner Herzogs "Queen Of The Desert".

Aber der Regisseur Jafir Panahi ist nicht frei. Das iranische Regime hat ihn wegen "Propaganda gegen das System" zu 20 Jahren Berufsverbot und zu einer noch nicht angetretenen, sechsjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Einstweilen dreht der 54-Jährige trotzdem Filme. Vor zwei Jahren lief von ihm "Geschlossener Vorhang" in Berlin, eine notdürftig verklausulierte Selbstmordfantasie. Nun hat sich Panahi ans Steuer gesetzt und fährt in "Taxi" kreuz und quer durch Teheran. Die Kamera ist auf dem Armaturenbrett installiert.

Zwei alte Frauen mit Goldfischglas steigen ein, ein Händler mit DVD-Raubkopien, eine Rechtsanwältin, seine neunmalkluge kleine Nichte. Die meisten Fahrgäste entpuppen sich als erstaunlich filmbegeistert, die wahre Identität Panahis wird schnell enttarnt. Wir sind offenbar Zeuge eines inszenierten Spiels, das Panahi die Möglichkeit bietet, sich mit seiner eigenen Situation auszusetzen. Das hat etwas Egozentrisches, aber was soll jemand tun, der sich nach eigenen Worten nur beim Filmen lebendig fühlt?

Panahi geht aber auch zum Gegenangriff über: Erstaunlich offen erzählt die Menschenrechtsanwältin auf dem Beifahrersitz, wie Andersdenkende in die Enge getrieben werden: Erst werden sie beschuldigt, für den Mossad oder die CIA zu arbeiten, dann werden ihnen moralische Vergehen zur Last gelegt, schließlich werden Freunde und Familie bedrängt, sich abzuwenden. Am Ende wird das Bild schwarz im "Taxi", Diebe haben die Kamera gestohlen. Panahi aber hat sich seine innere Freiheit bewahrt - auch wenn er nicht nach Berlin reisen durfte.

Und dann dieser Gegensatz: die Wüste in ihrer unendlichen Weite, Dromedare, deren Silhouetten sich aus wehendem Sand herausschälen, eine stolze Frau im Sattel. Die "Queen Of The Desert" ist in ihrem ureigenen Terrain unterwegs.

[kein Linktext vorhanden]Der alte Fahrensmann Werner Herzog hat sich in Gertrude Bell (Nicole Kidman) verliebt, jene Engländerin, die im Ersten Weltkrieg durch Syrien, die Arabische Halbinsel und Mesopotamien streifte, erst als Forschungsreisende und dann als Geheimdienstoffizierin. Nach dem Untergang der Osmanen trug sie wesentlich dazu bei, Großbritanniens Machtansprüche im Nahen Osten abzusichern.

Man kann verstehen, dass diese große Unabhängige Herzog fasziniert hat. Er ist ja selbst einer, der sich keinen fremden Regeln unterwirft, egal ob er sich nach Alaska begibt ("Grizzly Man"), in Todeszellen ("On Death Row") oder nach Hollywood ("Bad Lieutenant"). Aber dass in dem 72-Jährigen so ein Romantiker steckt, verwundert doch.

Herzog lässt die Wüstenkönigin Verse rezitieren, im durchsichtigen Hemdchen unter Palmen baden, und er schickt sie in tiefes Liebesleid. Das Problem ist nur, dass er Gertrude von Arabien partout nicht näher kommt - was auch an den Schauspielern liegt. Robert Pattinson als Lawrence von Arabien etwa wirkt unterm Turban wie eine verirrte Karl-May-Figur. Vielleicht schwebte Herzog ein Sehnsuchtsfilm nach der Art von "Der englische Patient" vor, herausgekommen ist ein folkloristischer Bilderbogen mit politischen Einsprengseln.

Zumindest der Hauptdarstellerin hat es gefallen: "Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angekommen, wo ich andere Länder kennenlernen und meine Komfortzone verlassen möchte", sagte Nicole Kidman gestern in Berlin. Was diese Erkenntnis mit ihrem Kinoausflug zu tun hat, bleibt ihr Geheimnis.

Von deutscher Seite sind jetzt erst mal Jüngere am Zug: Am Wochenende steigt der 46-jährige Sebastian Schipper mit der Bankräuber-Geschichte "Victoria" in den Wettbewerb ein. Wir dürfen hoffen.