Ehe liegt im Trend

Deutschland wird familienfreundlicher - Babyboom hält an

Babys liegen nebeneinander auf einer Neugeborenenstation.

Babys liegen nebeneinander auf einer Neugeborenenstation.

15.11.2017 Wiesbaden. Es gibt wieder mehr Babys in Deutschland. Die Alterung der Gesellschaft ist aber noch nicht gestoppt. Familien mit mehr als zwei Kindern könnten dabei helfen.

Ob Fußballstadion, rauchfreies Café, Park oder Museum: Familien sind auch mit kleinen Kindern im gesellschaftlichen Leben präsenter als noch vor einigen Jahren.

"Kinder werden immer mehr sichtbar und nehmen am Alltagsleben teil", sagt Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). "Deutschland ist ein kinderfreundliches Land." Und es gibt auch mehr Kinder. Der Geburtenanstieg reicht allerdings nicht, um die Todesfälle auszugleichen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland:

Wie stark ist der Babyboom?

Rund 792.000 Säuglinge sind 2016 in der Bundesrepublik auf die Welt gekommen. Mehr Neugeborene waren es zuletzt 1997 (812.000). Die Zahl steigt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes seit 2012 kontinuierlich. "Es gibt eine Trendwende bei den Geburten", sagt BiB-Forschungsdirektor Bujard. Die heute 40 Jahre alten Frauen bekämen inzwischen im Durchschnitt 1,6 Kinder. Allerdings reicht das noch nicht, um die Größe der Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Dafür wären mindestens zwei Kinder pro Frau notwendig - zumal die Generation künftiger Mütter schrumpft.

Warum entscheiden sich Paare häufiger für ein Kind?

Die Familienpolitik ist nach Einschätzung von Fachleuten ein Hauptgrund. Bujard nennt etwa den Ausbau der Kinderbetreuung und das Elterngeld. Dies habe dazu beigetragen, dass der Anteil kinderloser Akademikerinnen von knapp 30 Prozent auf 25 Prozent gesunken sei. Der ebenfalls gewachsene Anteil von Migrantinnen sei ein anderer Grund. Im Ausland geborene Frauen hätten im Durchschnitt mehr Kinder. Dies gelte insbesondere für Frauen aus mehrheitlich muslimischen Ländern wie etwa der Türkei oder den arabischen Staaten. Sebastian Klüsener vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung nennt noch die gute wirtschaftliche Entwicklung. Das Klima für Familien und Kinder habe sich zudem verbessert. "Und diese Entwicklung wird auch von der Wirtschaft unterstützt."

Liegt auch die Ehe im Trend?

Die Zahl der Eheschließungen steigt zumindest seit 2013 jedes Jahr. Etwa 410.000 Paare gaben sich 2016 das Ja-Wort. Das waren 10.000 oder 2,6 Prozent mehr als vor Jahresfrist. "Heiraten steht nicht mehr so stark in Verbindung mit dem Kinderkriegen wie früher", sagt Klüsener. "Anders als in Frankreich halten viele in Deutschland die Ehe aber noch für ein zeitgemäßes Konzept." Eine wichtige ökonomische Motivation sei dabei das Ehegattensplitting im Steuerrecht.

Gibt es auch mehr Todesfälle?

Rund 911.000 Menschen sind 2016 gestorben, das waren ungefähr 14.000 weniger als 2015. Die Zahl der Todesfälle steigt nach Einschätzung der Fachleute aber tendenziell. Die Zahl werde leicht sinken, "wenn die gering besetzten Kriegsjahrgänge das Alter mit besonders hoher Sterblichkeit erreichen", sagt Klüsener. Wenn allerdings bald darauf die Baby-Boomer in dieses Alter kämen, sei wieder mit einem Anstieg zu rechnen.

Ist die Alterung der Gesellschaft gestoppt?

Seit 1972 sterben jedes Jahr mehr Menschen als Kinder geboren werden. 2016 betrug die Differenz etwa 118.000 und war damit um rund 70.000 kleiner als vor Jahresfrist. Der demografische Wandel sei trotz des Anstiegs der Geburten und des Rückgangs der Todesfälle nicht gestoppt, betonen die Statistiker. "Die durch Jahrzehnte entstandenen Ungleichgewichte in der Altersstruktur der Bevölkerung bleiben bestehen." Klüsener sagt: "Deutschland steht heute demografisch gar nicht so schlecht da." Der Anstieg der Geburtenrate habe bewirkt, dass die Bevölkerungspyramide eine stärkere Basis bilde als noch vor fünf Jahren. Zugleich sei Deutschland für Zuwanderer attraktiv.

Was kann die demografische Entwicklung künftig beeinflussen?

Deutschland müsse auch in Zukunft für Zuwanderer attraktiv bleiben, meint Klüsener - "es bleibt noch viel zu tun", sagt Bujard. Ein großes Problem seien starre Arbeitszeitmuster, die dazu führten, dass gut ausgebildete Frauen in einer Teilzeitfalle feststeckten. Die Qualität der Kinderbetreuung müsse zudem noch besser werden. In der "Zwei-Kind-Norm" sieht Bujard einen Bremsklotz für einen stärkeren Anstieg der Geburtenrate. "Viele Deutsche wollen kein drittes Kind." Dies sei kulturell geprägt und hänge auch an dem Wohnraumangebot. "Da ist aber auch eine Bewegung in der Zukunft durchaus möglich." (dpa)