Interview mit Andreas Bourani

Der Sommer seines Lebens

BERLIN. Für Andreas Bourani ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Statt Arien von Puccini oder Mozart singt der Augsburger heute seine eigenen Songs. "Auf uns" war die Hymne der Fußballweltmeisterschaft.

Für ihn sei ein Traum in Erfüllung gegangen, schreibt Andreas Bourani auf seiner Facebook-Seite. "Es war eine wunderbare WM und der Sommer meines Lebens." Kein Wunder, dass der 30-jährige Augsburger, der seit 2008 in Berlin lebt, gerade gut drauf ist: Seine Single "Auf uns" war schon ein Nummer-Eins-Hit, bevor die ARD sich die Hymne kurzfristig als offiziellen WM-Song aussuchte.

Und jetzt, nach dem WM-Titel, den Bourani zusammen mit der Mannschaft und Helene Fischer am Brandenburger Tor feierte, ist das Lied von Andreas Bouranis zweitem Album "Hey" natürlich erst recht ein Ohrwurm und hat sich soeben zum zweiten Mal auf Platz Eins der deutschen Single-Charts platziert.

Andreas, wie ist dein Verhältnis zum Fußball?
Andreas Bourani: Ich muss mich als Nichtfachmann outen. Wir haben einen Werder-Bremen- und einen VfB-Stuttgart-Fan in der Band, und wenn ich für eine Mannschaft wäre, dann wohl für den FC Bayern. Aber die Bundesliga bekomme ich höchstens am Rande mit. Ich weiß zum Beispiel, dass der FC Augsburg die Bayern in der letzten Saison besiegt hat.

Die WM-Spiele hast du dir aber schon angeguckt, oder?
Bourani: Natürlich! Die WM ist etwas ganz anderes. Ich habe mit der deutschen Mannschaft mitgefiebert, es ist natürlich Wahnsinn, was die erreicht haben und auf welchem Niveau die Jungs spielen.

Bist du eher der Wohnzimmer- oder eher der Public-Viewing-Typ?
Bourani: Kneipe. Am allerbesten finde ich ein kleines Public Viewing draußen. Man trifft Leute, man feuert an, man grillt vielleicht, die WM war ein wunderbares gesellschaftliches Ereignis für mich. Ich hatte einfach eine verdammt gute Zeit.

Als du "Auf uns" geschrieben hast, geisterte da die Fußball-WM schon in deinem Hinterkopf herum?
Bourani: Nein, überhaupt nicht. "Auf uns" ist keine Hymne an den Fußball, sondern eine Hymne an die Freundschaft und an das Leben an sich. Natürlich passt ein Wert wie Freundschaft wunderbar zum Teamgedanken.

Angefangen hast du ja eigentlich als Opernsänger, oder?
Bourani: Stimmt. Ich habe am Augsburger Stadttheater zum Beispiel in der "Zauberflöte" oder in "Tosca" mitgesungen. Ich habe sowieso ständig gesungen. Ich war auf einem Musischen Gymnasium, war leidenschaftlicher Sänger im Knabenchor und liebte schöne Stimmen. Meine Vorbilder waren die großen Diven. Whitney Houston und Celine Dion fand ich fantastisch, R. Kellys "I believe I can fly" habe ich zu Hause ständig nachgesungen. Spätestens mit 17 stand für mich fest, dass ich mich in die Popmusik verliebt hatte und nicht mehr davon loskommen wollte.

Zurück zu "Auf uns". In welcher Stimmung hast du das Stück geschrieben?
Bourani: Das Lied entstand zusammen mit meinem Gitarristen Julius Hartog. Als wir die Nummer schrieben, haderte ich mit Selbstzweifeln. Im Grunde geht es um die Energie des Neuanfangs, um den Sommer, wenn alle Leute rauskommen und bereit sind für einen neuen Start, vielleicht auch bereit sind, sich neu zu verlieben. "Auf uns" ist ein extrem lebendiges und lebensbejahendes Lied, eine Ode an Gemeinschaft, Zusammenhalt und Optimismus.

Du hast kurz vorm Abitur die Schule geschmissen, um Sänger zu werden, hast jedoch jahrelang von der Musik nicht leben können. Vor drei Jahren der erste große Hit mit "Nur in meinem Kopf". Musstest du dir selbst Mut machen mit den neuen Songs?
Bourani: Sagen wir, ich stand mir selbst im Weg. Von der ersten Platte hat "Nur in meinem Kopf" im Gegensatz zu den anderen Stücken viel Anklang gefunden. Ich steckte in der Falle, herausfinden zu wollen, was so besonders an dem Lied war. Warum es begeistert hat und die anderen nicht.

Hast du das Geheimnis entdeckt und dann für "Auf uns" wieder angewendet?
Bourani: Nein. Wäre ja schön, wenn es so einfach ginge. Ich habe gelernt, dass ein Hit von vielen Faktoren abhängt. Man kann im Nachhinein nicht sagen, warum manche Dinge erfolgreich sind. Natürlich spielen das Radio oder eine gute TV-Präsenz wichtige Rollen, Garantien gibt es aber nie. Also musste ich selbst gucken, was mich bewegt und aufwühlt. Das habe ich dann in Songs gepackt. Was ganz klar ist: Man kann keinen Hit auf Knopfdruck schreiben.

Wie kritisch stehst du deiner eigenen Musik gegenüber?
Bourani: Schon ziemlich. Ich bin nicht so schnell zufrieden. Ich habe hohe Ansprüche an mich selbst. Mein Ehrgeiz ist es, jedes Mal einen zeitlosen Klassiker zu komponieren. Ich denke, ich bin jetzt aber weniger verbissen als zuvor. Ich konnte lange Zeit nicht loslassen, bin zu hart mit mir ins Gericht gegangen. Man muss sich einfach auch mal fallenlassen und zufrieden sein, sonst dreht man irgendwann durch.

Wie lernt man denn Gelassenheit?
Bourani: Zum Beispiel, indem man bei allem Stress einfach den Sommer genießt. Sich freut, wenn man mit geliebten Menschen zusammen ist. Man muss auch mal anerkennen, dass man was erreicht hat im Leben.

In "Alles beim Alten" bezeichnest du dich als "Suchenden". Was suchst du?
Bourani: Immer wieder neue Reize und Gefühle. Ich bin ein Getriebener, was das angeht. Ich mag es nicht, zum Stillstand zu kommen. Ich brauche Reibung und Veränderung. Ich glaube, dass Zufriedenheit und Glück immer nur kurze Momente sind. Unzufriedenheit ist für mich der Schlüssel zur Kreativität.

Klingt, als sei es anstrengend, mit dir zusammen zu sein. In "Auf anderen Wegen" singst du: "Wir leuchten heller allein/vielleicht muss es so sein."
Bourani: Das Lied handelt von einer langen Beziehung. Meine Partnerin und ich hatten diese gemeinsam beendet, und ich habe alles versucht, um mich nicht auf diesen Schmerz und Liebeskummer zu konzentrieren. Also schrieb ich dieses Lied darüber, wie es ist, wenn man lange zusammen war und sich auseinandergelebt hat.

Und jetzt lebst du im "Delirium"?
Bourani: Nee. Der Song beschreibt eine alte Geschichte.

In der es darum geht, einer Frau hemmungslos zu verfallen. Das kennst du also auch?
Bourani: Selbstverständlich. Man lässt sich auf die Beziehung ein, obwohl man merkt, dass die Person einem gar nicht gut tut. Das ist dieses reizvolle Spiel mit dem Feuer, mit dem Gift. Das ist so ein Niemandsland zwischen Kopf und Bauch. Meistens klingt das "Delirium" mit der Zeit aber ab.

Und "Füreinander gemacht" ist das glückliche Liebeslied für deine aktuelle Freundin?
Bourani: Nicht ganz. Die Liebe ist ja vielfältiger als nur das klassische Beziehungsding. "Für einander gemacht" ist das Lied für meine Seelenverwandte. Ich habe sie endlich gefunden, die Person, die meine Sätze vervollständigt. Sie ist auch in Augsburg aufgewachsen, lustigerweise sind wir uns erst in Berlin begegnet.

Was ist typisch Augsburg an dir?
Bourani: Natürlich der Dialekt, ein ziemlich raues und direktes Bayrisch. Die Augsburger als solche sind sehr vernünftig, aufgeräumt und bürgerlich. Das finde ich sehr gut. Ich denke, freigeistiger Künstler hin oder her, in mir steckt mehr von einem konservativen Bayern, als mir manchmal lieb ist.

Andreas Bourani

  • Am 2. November 1983 als Sohn nordafrikanischer Eltern (Nachname Bourani) in Augsburg geboren. Er kennt seine leiblichen Eltern nicht und sagt, er wisse auch nicht, aus welchem Land sie stammen.
  • Wird kurz nach der Geburt adoptiert, wächst als Andreas Stiegelmair auf.
  • Wird am musischen Zweig seines Gymnasiums unterrichtet, singt im Chor, besucht eine private Musikschule.
  • 2003 Kandidat der ZDF-Castingshow "Die Deutsche Stimme".
  • 2010 der erste Plattenvertrag bei Universal Music.
  • Der erster Hit "Nur in meinem Kopf" erscheint im Mai 2011, einen Monat später kommt das Debütalbum "Staub & Fantasie".
  • "Auf uns", die erste Single aus dem zweiten Album "Hey" steigt im Mai auf Platz 1 in Deutschland. Die ARD machte das Lied im Juni zum WM-Song. Im Juli landet es erneut an der Spitze.
  • Beim Empfang der Weltmeister trat Bourani neben Helene Fischer auf der Berliner Fanmeile auf.