Mit "VizEat" können Urlauber sich bei Franzosen zum Essen einladen

Das private Touristenmenü

Gastgeberin Carole in ihrer Wohnung. FOTO: HOLZER

Gastgeberin Carole in ihrer Wohnung.

PARIS. "Welcome! Bonsoir! Please come in!" Schon beim Öffnen der Tür stellt sich Céline darauf ein, dass heute Abend nicht in erster Linie Französisch gesprochen wird, sondern Englisch.

Die 43-jährige Pariserin tut es mit einem charmanten Akzent, so dass die Gäste genau das finden, was sie bei ihr suchen: eine urfranzösische Note. "The French touch", wie sie sagen.

Katy und Johnny aus Hawaii sind erst am Morgen in Paris gelandet, eine Woche Urlaub in ihrer Lieblingsstadt liegt vor ihnen. "Was wir vorhaben? Uns einfach zu verlaufen", sagen die US-Amerikaner. Die klassischen Sehenswürdigkeiten haben sie schon bei früheren Besuchen "abgehakt". Auch ihren ersten Abend wollen sie nicht in irgendeinem Restaurant verbringen, einer Touristenfalle gar. Sondern bei und mit "echten" Franzosen.

"Bei der Recherche im Internet bin ich auf diese Seite, "VizEat", gestoßen, bei der man ein Essen bei Einheimischen buchen kann", erzählt Katy. Célines Anzeige eines "typisch französischen Dinners" sagte ihr und ihrem Mann zu. Die Gastgeberin hat alles besorgt, was dazu gehört: Champagner und Knabbereien zum Aperitif, Gänsestopfleber und Mozzarella als Vorspeise, zum Hauptgang serviert sie gebratene Entenbrust mit Kartoffeln und Gemüse und auf eine üppige Käseplatte folgt ein Schokoladenkuchen, alles begleitet mit reichlich Wein.

"VizEat" wurde im Frühjahr 2014 gegründet, ging im Sommer online und kaufte im Februar die Online-Plattform "Cookening". Beide funktionieren nach einem Konzept, das vor allem in den USA schon Verbreitung gefunden hat: Hobbyköche laden Touristen zu sich nach Hause ein, die nicht nur ein Land und dessen Postkarten-Ansichten, sondern auch seine Leute kennenlernen wollen.

Von dem Trend, möglichst authentische Erfahrungen im Urlaubsland zu suchen, profitieren auch Angebote wie Couch-Surfing, wo Reisende bei Einheimischen auf dem Sofa unterkommen, oder Airbnb, wo Privatunterkünfte als Ferienwohnungen gemietet werden.

Bei "VizEat" bezahlen die Gäste nur für den Preis des Essens, nicht den "Service" durch die Gastgeber - es handelt sich ja um kein Restaurant mit einem kommerziellen Interesse. In erster Linie gehe es darum, Bekanntschaften zu schließen, sagt Co-Gründerin Camille Rumani. "Der Tisch ist das soziale Netzwerk Nummer eins.

Essen wird zu einem Vorwand, sich zu treffen und neue Kulturen kennenzulernen." Derzeit werde das Netzwerk, das inzwischen mehr als 1000 eingetragene Gastgeber in 50 Ländern zähle, weltweit ausgebaut. Es richte sich an Menschen jeden Alters, in Metropolen wie in kleinen Städten und statt eines aufwendigen Essens könne man auch einen simplen Brunch oder Aperitif anbieten. Jeder Gastgeber erhalte eine Versicherung, vor dem ersten Besuch macht ein Fotograf Bilder von der Wohnung.

"Ich liebe es, für Besucher zu kochen", erklärt Carole, die aus Neugierde auf andere Kulturen mitmacht: "Bei meiner früheren Arbeit als Dolmetscherin bei der OECD reiste ich durch die ganze Welt. Heute lade ich Menschen aus der ganzen Welt zu mir ein." Auch Céline ist begeisterte Hobby-Köchin und öffnet ihr Apartment mit seiner großen Wohnküche oft für Gäste.

Weil es sich diesmal um Fremde handelte, war sie zunächst "schon ein bisschen nervös", gibt sie zu. Um die Runde zu vergrößern, hat die Französin, die ein Unternehmen für den Internet-Verkauf von Luxusmode führt, zwei Freunde mit eingeladen. Sie sei beim Surfen auf "VizEat" gestoßen und neugierig geworden, weil sie selbst in der Internet-Branche arbeitet. "Außerdem lerne ich immer gerne neue Leute kennen."

Zumal aus Fremden Freunde werden können: Am Ende des Abends steht die Einladung nach Hawaii, wo Céline garantiert von Einheimischen bekocht wird: Katy und Johnny.