Elite-Ausbildung in Großbritannien

College bildet auch männliche Super-Nannys aus

Premiere am Norland College: Leiterin Janet Rose mit den ersten beiden männlichen Absolventen, Liam Willett (links) und Harry Pratt.

Premiere am Norland College: Leiterin Janet Rose mit den ersten beiden männlichen Absolventen, Liam Willett (links) und Harry Pratt.

Bath. Das traditionsreiche Norland College bildet seit nunmehr 126 Jahren Nannys für die Kinder betuchter Schichten aus. Aber man geht mit der Zeit: Jetzt entlässt die ehrwürdige Einrichtung die ersten beiden Männer zum Dienst am Kind.

Das zauberhafte Kindermädchen Mary Poppins mag zwar perfekt gewesen sein. Doch selbst die fiktive Figur mit den magischen Fähigkeiten hätte heute vermutlich Schwierigkeiten, mit ihren modernen Ebenbildern mitzuhalten. Das gilt umso mehr, wenn sie im Norland College im westenglischen Städtchen Bath ausgebildet wurden. In einem altehrwürdigen Gebäude ist die Kaderschmiede für die weltbesten Nannys untergebracht. Hier tragen die Schülerinnen wadenlange beige Kleider mit steif gebügeltem Kragen, dunkelbraune Hüte, weiße Handschuhe sowie nostalgisch anmutende Lederschuhe. Ein wenig sehen sie aus, als seien sie aus einer längst vergangenen Zeit gefallen. Doch das täuscht. Vielmehr versucht die Schule, mit der Zeit zu gehen, sich anzupassen – und zu öffnen. So haben etwa in diesem Herbst mit dem 21 Jahre alten Liam Willett und dem gleichaltrigen Harry Pratt erstmals in der 126-jährigen Geschichte zwei Männer ihre Ausbildung abgeschlossen.

„Ich hoffe, damit zeigen zu können, dass das Geschlecht bei der Kinderbetreuung keinen Unterschied macht“, sagt Liam Willett, der nach dem dreijährigen theoretischen Training nun das obligatorische praktische Jahr in einer Gastfamilie in London verbringt. Er weiß um die Ansprüche, die der Name Norland mit sich bringt. Der Ruf reicht weit über die Insel hinaus, unter anderem wegen einer der berühmtesten Absolventinnen, Maria Teresa Turrion Borrallo. Die gebürtige Spanierin kümmert sich seit Jahren um den Nachwuchs von Prinz William und Herzogin Catherine und erscheint stets ungeschminkt, zurückhaltend und häufig – ganz im Sinne ihrer Schule – in der traditionellen Uniform.

Ein deutscher Pädagoge als Vorbild

Warum aber noch die besondere Kleidung? „Sie symbolisiert die Tatsache, dass man eine Fachkraft mit professioneller Ausbildung ist“, sagt Janet Rose, die Leiterin des Colleges, und erinnert an die Gründerin der Einrichtung. Die Lehrerin Emily Ward begann im Jahr 1892, zunächst in London, junge Frauen in Kinderbetreuung auszubilden, was in der viktorianischen Ära als Novum galt. Gewöhnlich kümmerte sich das normale Hauspersonal um den Nachwuchs der betuchten Oberschicht.

Inspiriert wurde Ward von den Ideen des deutschen Pädagogen und Kindergarten-Erfinders Friedrich Fröbel. Das Kind sollte im Zentrum stehen, Bestrafungen lehnte die Britin ab. Ihr Motto lautete vielmehr: „Love never faileth“ – „Liebe irrt nie.“ Der Leitspruch gilt noch immer. Und bis heute werden Studenten außerdem im Kochen und Nähen ausgebildet, lernen, welche Babycremes und Heilmittel, welche Gutenacht-Geschichten und Kinderwagen die besten sind, wie aus löchrigen Socken Fingerpuppen gebastelt werden und welche Gabel zu welchem Gang bei Dinnerpartys passt. Das alles hat sich genauso wenig geändert wie die Werte, die vermittelt werden: Respekt, Ansporn, Höflichkeit, Selbstbewusstsein.

Die Welt der Reichen steht Absolventen offen

Trotzdem geht das Traditions-College mit der Zeit: So stehen auf dem Lehrplan etwa neben Selbstverteidigung, Erster Hilfe und digitalen Technologien auch der Umgang mit der Gefahr von Terroranschlägen, Sicherheitsfahrtraining oder wie man sich vor Cyberkriminalität schützt, wofür extra ehemalige Militärgeheimdienst-Offiziere angeheuert werden. „Wir versuchen, unsere Auszubildenden so gut wie möglich für die Ansprüche von Familien im 21. Jahrhundert zu wappnen“, sagt Direktorin Rose. Immerhin arbeiten die Nannys auf der ganzen Welt für solvente Arbeitgeber, die eine flexible und mobile Betreuung suchen. Derzeit kommen auf einen Absolventen vier Jobangebote. Das Gehalt liegt dabei deutlich höher als etwa bei Erzieherinnen.

Aber schließlich ist auch die Ausbildung in der exklusiven Einrichtung alles andere als günstig. Umgerechnet etwa 50 000 Euro müssen die angehenden Kindermädchen aufbringen. Danach aber steht den Norlandern die Welt offen – in seltenen Fällen sogar die royale im Vereinigten Königreich.