Start in die Sommerferien

Auf der Suche nach Natur

Beschauliche Anreise: Mit Käfer und Kühltasche war die Bonner Familie Ortmann 1976 in Richtung Pfronten im Allgäu unterwegs. Auch heute gilt noch der Tipp des ADAC, genug Pausen einzuplanen.

BONN. Erholung ist eine Erfindung des Bürgertums. Ursprünglich dienten Reisen vor allem Handel und Bildung. Erst im 19. Jahrhundert wurden Reisen zum Selbstzweck und es entstand das, was wir heute Tourismus nennen.

Schon seit Tagen herrscht diese Aufbruchsstimmung: Da werden noch schnell zwei Bildschirme mit DVD-Laufwerk im Auto angebracht, damit jedes Kind auf der Rückbank altersgerechte Filme gucken kann. Im Drogeriemarkt kaufen Eltern Sonnenöl und Babynahrung auf Vorrat und die Gespräche drehen sich vor allem darum, wann man nächtens losfahren muss, um halbwegs staufrei durch den Elbtunnel oder um München herumzukommen. Heute ist der letzte Schultag, ab morgen rollt auch in NRW die große Reisewelle.

Das war früher nicht anders. Wir fuhren nicht mit dem Käfer über die Alpen, sondern mit einem alten Mercedes 190 D, Baujahr 1968, nach Dänemark, im Fußraum die Kühltasche mit Nudelsalat und Broten, auf dem Schoß ein mit dicken Batterien betriebener Kassettenrekorder für die Verkehrsnachrichten.

Die Sitze waren aus schwarzem Kunstleder, in den Fenstern klemmten Geschirrtücher als Sonnenschutz und die Bordunterhaltung bestand aus Bibi-Blocksberg-Kassetten und "Ich sehe was, was du nicht siehst". Es gab noch Grenzkontrollen und einmal kamen wir nach einer besonders staureichen Anreise erst um 23.30 Uhr am dänischen Ferienhaus an.

Stressfreier wäre es gestern wie heute gewesen, gleich auf Balkonien zu bleiben oder Radtouren in die nähere Umgebung zu machen, sagt Professor Hasso Spode, Leiter des Historisches Archivs zum Tourismus an der Technischen Universität Berlin und Autor des Buchs "Wie die Deutschen Reiseweltmeister wurden", das im Herbst in einer Neuauflage erscheint. Erholung auf Reisen sei eine Erfindung des Bürgertums, um den mit Urlaub verbundenen Aufwand an Zeit und Geld zu rechtfertigen.

Bei Reisen ging es lange Zeit um Handel und Bildung. Handwerker gingen auf die Walz, junge Adelige wurden quer durch Europa geschickt. Erst im 19. Jahrhundert wurden Reisen zum Selbstzweck, es entstand das, was wir heute Tourismus nennen, erklärt der Wissenschaftler. Vorangegangen war im 18. Jahrhundert ein neuer Blick auf die Natur: "Die goldenen Ketten der Zivilisation konnte der Mensch demnach nur abstreifen, wenn er sich in entlegene Gebiete, zurück zur Natur begibt", sagt Spode.

Daraus entstand ein bürgerlicher Mythos, wonach Reisen zur Regeneration der Arbeitskraft beitragen sollen. "Es ist bisher nicht gelungen nachzuweisen, dass eine Urlaubsreise der Erholung dient", sagt Spode. Es sei eher ein Placeboeffekt. "Man kommt sicher etwas glücklicher zu Hause an, aber das ist schwer messbar und nach ein oder zwei Wochen wieder verflogen."

Ein ganz großer Teil der Touristen suche heute ohnehin nicht Erholung, sondern Abenteuer oder Partys. Trotzdem sind "Natürlichkeit" und "Authentizität" die mit Tourismus verbundenen Leitbilder geblieben, sagt der Leiter des Historischen Archivs. Hasso Spode: "Wir sind da sehr ambivalent. Wir erwarten, dass alles funktioniert, zugleich aber unberührte Strände."

Um zu sehen, wie sich Urlaubsgewohnheiten verändert haben, greift das Tourismus-Archiv auch auf Fotoalben und Reisetagebücher zurück. Es sind Schätze, weil zu den Papierbildern oft noch Fahrkarten oder getrocknete Pflanzen eingeklebt sind. Aber schon wer die picknickende Familie am Käfer betrachtet, frischt die eigenen Erinnerungen auf an eine Zeit, als es noch über unbefestigte Alpenpässe ging und die Schlagbäume an der Grenze nachts geschlossen war. Wer zu spät kam, übernachtete im Auto und fuhr am nächsten Morgen weiter. "Die Leidensfähigkeit war bei der Fahrt in den Urlaub früher weitaus größer, weil man das Ganze als Geschenk betrachtete. Der Enthusiasmus war viel größer", sagt Spode.

Im Kaiserreich fuhren nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung in Urlaub, in der Nachkriegszeit war es etwa ein Viertel. Die "Demokratisierung der Urlaubsreise", wie es der Wissenschaftler nennt, brauchte einige Jahrzehnte. Heute sind es etwa 70 bis 75 Prozent der Deutschen, die einmal im Jahr einen größeren Urlaub machen. Es gibt verschiedene Methoden, um die Reiseintensität zu berechnen, die Deutschen liegen aber auf jeden Fall in der europäischen Spitzengruppe, zusammen mit Niederländern und Skandinaviern.

Da liegt es auf der Hand, dass es auf den Straßen voll wird. Der ADAC plädiert dafür, den zur Verfügung stehenden "Ferienkorridor" von 94 Tagen bei der Festlegung der Sommerferien für die verschiedenen Bundesländer voll auszuschöpfen. ADAC-Pressesprecherin Katharina Luca berichtet, dass sich die Ferien in diesem Sommer auf 84 Tage verteilen, in den kommenden Jahren seien es zum Teil nur 76 oder 78 Tage.

"Wenn man den Ferienkorridor komplett ausnutzen würde, wäre das hilfreich", sagt Luca. Sie rät, um Staus zu vermeiden, nicht samstags oder am ersten Ferientag loszufahren. Die starre Regelung, dass Bettenwechsel nur am Wochenende möglich sei, weiche mehr und mehr auf. "Man hat immer öfter die Möglichkeit, flexibel zu buchen und anzureisen", sagt die ADAC-Expertin.

Für die entspannte Autofahrt in den Urlaub hat Luca verschiedene Tipps: Nachts fahren sollte nur, wer fit ist und sich die Fahrt zutraut. "Man sollte gut planen und sich vorher zum Beispiel über kinderfreundliche Rastanlagen informieren, die Platz zum Toben bieten", rät die ADAC-Sprecherin. Wer mit Säuglingen und Kleinkindern reist, sollte nicht mehr als 500 Kilometer an einem Tag zurücklegen und lieber einen Zwischenstopp planen. Auch wenn nachts nicht mehr die Grenzen schließen.