Nach Missbrauchsvorwürfen

Rauswurf von Star-Dirigent Levine wirft Fragen auf

James Levine, hier auf einem Foto von 1996, soll jahrzehntelang junge Männer missbraucht haben.

James Levine, hier auf einem Foto von 1996, soll jahrzehntelang junge Männer missbraucht haben.

New York. Die Metropolitan Opera in New York hat James Levine nach massiven Missbrauchsvorwürfen gefeuert. Doch der Rauswurf wirft Fragen auf: Wer hat was gewusst?

Erst verteidigt, dann suspendiert, später untersucht wie einen Kriminellen – und jetzt gefeuert. In der Belle-Etage des Klassik-Gewerbes ist das Ende des vorerst letzten Aktes einer Tragödie zu vermelden. James Levine, über vier Jahrzehnte Gottvater am Pult der Metropolitan Opera in New York gewesen, ist der Taktstock aus der Hand geschlagen worden. Dreieinhalb Monate nach Bekanntwerden massiver Vorwürfe gegen den 74-Jährigen hat „Met“-Manager Peter Gelb den Superstar entlassen. Eine interne Untersuchung hat „glaubwürdige Beweise“ erbracht, dass sich Levine gegenüber schutzlosen, jungen Künstlern, die in den Startblöcken ihrer Karrieren standen, jahrelang sexuell missbräuchlich und belästigend verhalten hat, teilte die renommierteste amerikanische Musik-Institution mit. Darum wurden sämtliche Bande mit dem tief gefallenen Maestro gekappt. Alles andere, so Gelb, wäre „unangemessen“.

Von Levine gibt es bisher keine frischen Stellungnahmen. Im Dezember ließ der Sohn eines Textilfabrikanten aus Cincinnati/Ohio noch verlauten: „Wie jeder, der mich wirklich kennt, unterschreiben wird, habe ich mein Leben nicht als Unterdrücker oder Angreifer gelebt.“

Damals war der Skandal im Nachklapp der Missetaten des Hollywood-Moguls Harvey Weinstein ins Rollen gekommen. New Yorker Zeitungen berichteten von einem Polizeibericht, laut dem Levine seit 1985 einen Jungen neun Jahre lang sexuell missbraucht haben soll. Der Junge war erst 15 Jahre alt, als der Missbrauch begann. War dieser Fall noch anonym, so nannten Chris Brown (Kontrabassist), James Lestock (Cellist) und Ashok Pai nach Jahrzehnten des Schweigens noch vor Weihnachten Ross und Reiter. Demnach machte sich Levine in der Frühphase seiner Karriere Ende der 60er Jahre regelmäßig attraktive junge Musiker gewogen, übertrug ihnen Führungsfunktionen in Orchestern, um sie dann mit sexuellen Avancen unter Druck zu setzen und zu missbrauchen. Sie mussten ihn mit der Hand befriedigen. Und sich befriedigen lassen. Wer sich dem werdenden Halbgott am Pult widersetzte, wurde ausgegrenzt und mit Missachtung bestraft.

„Ich war verwundbar. Ich stand im Bann dieses Mannes, ich sah ihn als Beschützer. Das nutzte er aus, er missbrauchte mich, er hat mich zerstört“, sagte ein Opfer. Ein anderes schilderte gegenüber den Reportern der „New York Times“ Traumata, die bis zu Selbstmordgedanken reichten.

Aktenkundig ist all das in einem Polizeibericht aus Lake Forest im US-Bundesstaat Illinois. Dort hatte Levine, der wegen einer schweren Parkinson-Erkrankung an den Rollstuhl gefesselt ist, 1986 bei einem Musikfestival den damals 16-jährigen Ashok Pai kennengelernt. Es entstand ein Abhängigkeitsverhältnis, das erst 2014 abbrach. Pai, seither psychisch gestört, erstattete 2016 Anzeige. Da waren die Taten strafrechtlich bereits verjährt.

Gerüchte über Levines sexuelles Gebaren, inklusive pädophiler Neigungen gehörten in der Musikszene seit Jahrzehnten zum Standard-Repertoire. Als der Künstler Ende der 90er Jahre die Münchner Philharmoniker übernahm, verlangten die Grünen im Stadtrat nach einem Führungszeugnis. Als bundesweite Kritik über sie hereinbrach, entschuldigte sich die Öko-Partei kleinlaut.

Weil die „Met“-Spitze nachweisbar von Vorwürfen wusste, kam schnell der Verdacht der Vorzugsbehandlung für ein Zugpferd der Ausnahmeklasse auf. Levine dirigierte über 2500 Vorstellungen, kassierte teilweise 3,5 Millionen Dollar im Jahr und galt für viele Musik-Kritiker als der beste amerikanische Dirigent nach Leonard Bernstein. Sind die Verantwortlichen nach dem Motto verfahren: Je kassenträchtiger der Künstler, desto weniger kümmert man sich um dessen Privatleben?

Das hochkarätigste Opernhaus der USA (300 Millionen Dollar Jahresbudget) reagierte im Dezember jedenfalls „lauwarm“, wie ein Kritiker anmerkte. Man betonte die Unschuldsvermutung. Gleichwohl setzte General-Manager Gelb lange geplante Vorstellungen mit Levine ab, legte die Kooperation mit dem emeritierten Musikdirektor auf Eis und beauftragte nach Absprache mit den mächtigen Aufsichtsgremien, die um Ruf und Besucherzahlen fürchteten, den Anwalt Robert Cleary mit der Aufnahme von Ermittlungen. Was der Jurist nach Gesprächen mit 70 Personen (Details wurden nicht genannt) zutage förderte, sei „niederschmetternd“, hieß es gestern in Kreisen von New Yorker Musik-Mäzenen.

Allerdings stellte Cleary den Aufsichtsorganen einen Persilschein aus. Behauptungen, dort sei die Affäre Levine vertuscht worden, „entbehren jeder Grundlage“. Eine Mitwisserschaft dementiert Cleary jedoch nicht. Was weitere Fragen aufwirft: Wer bei der „Met“ hat seit wann was gewusst – und nichts unternommen? James Levines Vorstellung mag vorbei sein. Das Drama an der „Met“ geht weiter.