Kommentar "Ungelesen hingerichtet"

Mit falschen Mitteln gegen Sarrazins neues Buch

Thilo Sarrazin hat am 30. August seinen Bestseller „Feindliche Übernahme“ in Berlin vorgestellt.

Thilo Sarrazin hat am 30. August seinen Bestseller „Feindliche Übernahme“ in Berlin vorgestellt.

Viele Kritiker von Thilo Sarrazin kämpfen mit den falschen Mitteln gegen sein neues Buch. Damit tun sie ihm einen großen Gefallen. Ein Beitrag zur Debattenkultur.

Ich lese das neue Buch von Thilo Sarrazin. Es interessiert mich, ob der Autor der Essenz seines Bestsellers „Deutschland schafft sich ab“ aus dem Jahr 2010 noch etwas hinzufügen kann. Damals intonierte er drei Themen – Zuwanderung, Integration, Islam –, die heute die öffentliche Debatte maßgeblich prägen.

Nachdem Deutschland sich abgeschafft hat, wird es jetzt feindlich übernommen, wenn man dem Titel des neuen Buches Glauben schenken kann: „Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“.

SPD-Mitglied Sarrazin fragt sich: „Inwieweit bildet der Islam (in seinem ganzen Schillern von Religion bis politischer Ideologie) und inwieweit bildet die Einwanderung von Muslimen nach Europa eine Gefahr für die Zukunft der westlichen Gesellschaft und für unser Lebensmodell?“ Mit anderen Worten: Können die Verhältnisse, die der Franzose Michel Houellebecq in seinem Roman „Unterwerfung“ durchspielt, bei uns Wirklichkeit werden? Deutschland – eine islamische Republik?

Knapp 500 Seiten braucht der Autor, um Antworten auf seine Fragen zu geben. Dabei tritt er auch dezidiert als Religionskritiker auf. In dieser Zeitung hat der Politikwissenschaftler Eckhard Jesse Sarrazins Buch besprochen. Der seriöse Ton, den Jesse anschlug, ist nicht weit verbreitet. Das Buch sei so sinnvoll wie ein Ausbruch des Ebola-Virus, fand die „Süddeutsche Zeitung“. Sarrazin übernehme die Logik der salafistischen Prediger, meinte die „taz“.

Es geht noch schlimmer. Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin und Sachbuchautorin, stellte in einer Kolumne für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ fest: „Eine Rezension von Thilo Sarrazins neuem Buch sollte aus nichts anderem bestehen als einem leeren Blatt Papier.“ Warum, fragte Kaddor, „sollte ich das Buch eines Volkswirts lesen, der den Koran auslegen will?“.

Die 1978 in Ahlen geborene Kaddor hat Sarrazins neues Buch nicht gelesen und wird es auch nicht tun. Das hält sie nicht davon ab, gegen die „Feindliche Übernahme“ zu polemisieren. Absurde Pointe ihrer Argumentation: „Seit ,Deutschland schafft sich ab' weiß jeder, dass in seinen Schriften nichts zu finden ist, was einen selbst oder gar die Gesellschaft weiterbringt.“ So weit ist es mit der Buchkritik in Deutschland gekommen. Heute werden Autoren schon ungelesen hingerichtet.

Angst in Auflage verwandelt

Man kann Sarrazin viel vorwerfen, zum Beispiel, dass er Angst in Auflage verwandele. Man kann wie der Journalist Gabor Steingart konstatieren: „Wie ein Einsiedler lebt er offenbar ein Leben tief im Innern der eigenen Echokammer. Die Geräusche der Außenwelt dringen kaum noch an sein Ohr. Die Vielschichtigkeit der multikulturellen Gesellschaften, deren beglückende Pluralität mit einer verstörenden Parallelwelt aus Gewalt und Intoleranz kontrastiert, nimmt er nicht mehr wahr.“ Aber dem Urteil sollten Lektüre und Analyse vorausgehen.

Stattdessen wird in vielen Medien unbelesen abqualifiziert und unreflektiert zurückgehasst. Der Gleichklang in der Beschäftigung mit Sarrazins Büchern ist auffällig. Steingart macht ein Kollektiv von Scharfrichtern aus: „Keine Gnade nirgends.“ Der Publizist Henryk M. Broder, der viel Wert auf eine eigene, unangepasste Meinung hält, hat einen Drang zum Konformismus im Journalismus entdeckt. Manche Medienleute seien so etwas wie der verlängerte Arm der Bundesregierung, was sich exemplarisch im Willkommenskulturjahr 2015 gezeigt habe. Broder prangert an, dass eine freie Presse sich nahezu einstimmig artikuliere. Sarrazin habe „eben bei den deutschen Feuilletonisten verschissen“.

Auf Grundlage der Demokratie besinnen

Paradoxerweise, da trifft Broder den Nagel auf den Kopf, tun die Sarrazin-Gegner mit ihrer eher emotional als intellektuell unterfütterten Art der Auseinandersetzung dem Bestsellerautor einen riesigen Gefallen. Sie treiben ihm Leser, die sich ungern bevormunden lassen, regelrecht zu. Broder über Sarrazins mutmaßliche Reaktion: „Der sitzt zu Hause und lacht sich schlapp.“

Es würde viel helfen, wenn sich die Sarrazin-Kritiker auf Grundlagen der Demokratie besönnen, die ohne Religionskritik nicht denkbar ist. Das pointierte Wort der Frauenrechtlerin und Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali „I'm here to defend the right to offend“ (Ich bin hier, um das Recht zu verteidigen, Anstoß zu erregen) gibt die Richtung vor. Eine produktive Debattenkultur lebt von Toleranz und von Streit, der Schmerzgrenzen berühren darf. Meinungsfreiheit muss eine Gesellschaft täglich trainieren. Es lohnt.

Thilo Sarrazin: Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht. FinanzBuch Verlag, 495 S., 24,99 Euro.