Geburtstag des Popstars

Michael Jackson wäre heute 60 Jahre alt geworden

BONN. Michael Jackson schrieb Popgeschichte. Seine Fans halten ihn für den größten Popstar aller Zeiten. Am 29. August wäre er 60 Jahre alt geworden.

Eine der schönsten Anekdoten über Michael Jackson transportierte der Düsseldorfer Musikkritiker Wolfram Goertz in seinem Artikel zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein. Jackson war 28, als er das Konzert eines anderen Genies besuchte, schrieb Goertz. „Es war Leonard Bernstein. In der Pause schlich sich Jackson zu dem Dirigenten, um ihm zu huldigen. Bernstein, komplett überwältigt von diesem unerwarteten Besuch, nahm Jackson in die Arme, hob ihn hoch und küsste ihn auf den Mund.“ Der King of Pop war verdattert, aber nicht vollkommen sprachlos. Ihm gelang es noch, den Maestro zu fragen: „Benutzen Sie immer denselben Taktstock?“

Ein Wort in dieser kleinen Geschichte lässt aufhorchen: Genie. Geht das – den am 25. Juni 2009 mit 50 Jahren gestorbenen Jackson in einem Atemzug mit Bernstein, einer Jahrhundertfigur der klassischen Musik, zu nennen? Es geht, keine Frage, denn nach Elvis Presley – auch er ein King – und den Beatles war Jackson, der am 29. August 60 geworden wäre, der wichtigste und erfolgreichste Musiker des 20. Jahrhunderts. Er steigerte Disco zur Kunstform.

Es gibt eine Aufnahme von einem Vorsingen des Zehnjährigen für die Plattenfirma Motown. James Browns „I Got The Feeling“ lud Michael Jackson da mit einer erotischen Energie auf, die jenseits seines Erfahrungshorizontes lag. Und wie er tanzte: Sein Körper wurde zum Instrument. Wer kennt nicht das „Billie Jean“-Video, wo Jackson sich als entfesselte Ballerina in autoerotischer Verzückung bewegt, und zwar so wahnwitzig virtuos, dass es den Zuschauer vollkommen überwältigt. Fred Astaire jubelte über Jacksons Auftritt im „Thriller“-Video 1983: „Er bewegt sich wundervoll, es ist das reine Vergnügen, ihm zuzuschauen.“

Triviale Songtexte

Jacksons Manierismen wurden weltberühmt. Seine Falsettstimme, die durch mitunter triviale Songtexte winselte, sich in Murmeln, Stöhnen, Schluckauflauten und pubertären Kieksern verlor; der Moonwalk; die dem Kampfsport entliehenen Tritte in die Luft; sein auf der Bühne perfektionierter Griff in den Schritt.

Hier verbanden sich Unschuld und Professionalität, Gefühl und Kalkül zu einer explosiven Mischung. Jackson lieferte den Einrichtungsstoff für die Fantasieräume seines Publikums.

Mit den Alben „Off The Wall“ (1979), „Thriller“ (1982), „Bad“ (1987), „Dangerous“ (1991) und „Invincible“ (2001) schrieb er Popmusikgeschichte. „Off The Wall“, die erste gemeinsame Produktion mit Quincy Jones, schoss als „furios flammendes Finale der Disco-Ära“ in die Hitparaden, jubelte 1979 der „New Musical Express“. „Thriller“ trumpfte mit Stücken wie „Thriller“, „Billie Jean“ und „Beat It“ auf. Sie gehören zu den Kronjuwelen des Pop-Königs.

Der Tod Jacksons traf die Welt 2009 mit voller Wucht. Am 13. Juli sollte er in London einen Konzert-Marathon beginnen, der 50 ausverkaufte Auftritte vorsah. Ursprünglich hätte das Spektakel bereits am 8. Juli starten sollen, doch die ersten Termine wurden auf März 2010 verschoben.

Vorwurf des Kindesmissbrauchs

Ein Triumph in London wäre einer Wiedergeburt gleichgekommen. Aus der Sicht von PR-Experten war Jackson als Künstler nämlich erledigt, als Marke passé. Ursache war nicht etwa schöpferischer Stillstand, sondern ein Prozess. Zwar sprach ihn ein Gericht im Jahr 2005 von dem Vorwurf frei, sich an dem jungen Gavin Arvizo vergangen zu haben.

Doch das weltweit beachtete Verfahren beschädigte das Image des Superstars in einem Maße, dass er in die Anonymität eines Wüstenstaates floh. Bereits 1993 musste er sich mit dem Vorwurf des Kindesmissbrauchs auseinandersetzen. Durch Zahlung von 22 Millionen Dollar an die Familie des 13-jährigen Jordan Chandler vermied er einen Prozess. Gerichtsverfahren, Gerüchte über Drogensucht, Schönheitsoperationen, exzentrische Hobbys, gescheiterte Ehen, Isolation, Weltflucht – über all den Geschichten, die über Michael Jackson im Umlauf waren, konnte man fast vergessen, dass der 1958 in Gary, Indiana, geborene Künstler seinen Ehrentitel King of Pop zu Recht trug.

Nicht ganz von dieser Welt

Michael Jackson, der Mann, war nicht ganz von dieser Welt. Einem seiner Biografen sagte er 1995: „Sagen Sie den Leuten, ich sei ein Außerirdischer vom Mars.“ Als Peter Pan hat er sich erfunden, wie der große Gatsby oder Citizen Kane lebte er einen romantischen amerikanischen Traum. Der Autor James M. Barrie hat „Neverland“, Nimmerland, in seiner Fantasie erschaffen, Michael Jackson hat es 1988 gebaut: mit Karussells, Achterbahn und eigenem Zoo.

Mit 50 sah er aus wie ein moribundes Kind, das sich zumeist nur flüsternd mitteilte und sein durch viele chirurgische Eingriffe verändertes Gesicht gern hinter Atemschutzmasken, Schleiern und XXL-Brillen verbarg. „Michael“, schrieb die englische Kritikerin Julie Burchill, „ist der reichste und neurotischste Mensch, der je auf Erden wandelte.“ In seinem autobiografischen Song „Childhood“ sang er von der Sehnsucht, eine Kindheit nachzuholen, die ihm im Schoß der Jackson-Familie nie vergönnt war. Seinen Vater empfand er als Tyrannen.

Ein Journalist wollte einmal von ihm wissen, ob er jemals glücklich gewesen sei. „Nur wenn ich auf der Bühne stand. Da fühlte ich mich beschützt und sicher“, antwortete Jackson.