Im Bann des Schrecklichen

Kunsthalle in Hamburg zeit "Entfesselte Natur"

Endzeit erst einmal verschoben: Caspar David Friedrichs Meisterwerk „Das Eismeer“.

Endzeit erst einmal verschoben: Caspar David Friedrichs Meisterwerk „Das Eismeer“.

HAMBURG. Die Hamburger Kunsthalle zeigt die Schau „Entfesselte Natur. Das Bild der Katastrophe seit 1600“. Der Betrachter braucht dafür vor allem gute Nerven.

Naturkatastrophen haben das menschliche Leben seit eh und je heimgesucht und in Angst und Schrecken versetzt. So schnell sie kamen, so rasch gerieten sie aber auch wieder in Vergessenheit. In der Malerei der Renaissance zum Beispiel finden sich kaum bewegende Naturereignisse. Erst seit dem späten 16. Jahrhundert werden sie langsam kunsttauglich.

Eine wohlhabende urbane Gesellschaft mochte sich in ihren gut temperierten Wohnungen zurücklehnen und mit genüsslichem Schauder auf schreckliche Ereignisse blicken. In der Hamburger Kunsthalle lässt sich dies nun wunderbar nachvollziehen in der Ausstellung „Entfesselte Natur. Das Bild der Katastrophe seit 1600“.

200 Werke von 100 bekannten und weniger bekannten, oft sogar anonymen Künstlern sind zu sehen: Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, Fotos, Videoarbeiten. Zu den hauseigenen Exponaten gesellen sich internationale Leihgaben, etwa „Schiffbruch des Dreimasters Emily im Jahre 1823“ von Eugène Isabey aus dem Kunstmuseum in Nantes, Jan Asselijns „Bruch des Anthonisdeichs bei Amsterdam 1651“ aus dem Rijksmuseum oder „Der Ausbruch des Vesuv mit dem Tod Plinius’ des Älteren“ (1813) von Pierre-Henri Valenciennes aus Toulouse, das die epochale Katastrophe rotglühend schildert.

Natürlich veredelt und überhöht die Kunst nicht selten das Schreckliche. So ist der eindrucksvolle Parcours durch die opulente und bildgewaltige Schau, der an Stationen wie Feuersbrünsten, Erdbeben, Überschwemmungen, Vulkanausbrüchen und Schiffsuntergängen haltmacht, keineswegs immer bedrückend, sondern mindestens ebenso faszinierend – und farbtrunken sowieso.

Da waltet göttlicher Zorn

Für ihre Weltuntergangs-Vorstellungen greifen die Künstler des späten 16. Jahrhunderts ganz selbstverständlich ins biblische und mythologische Repertoire. So beginnt die thematisch angelegte Schau mit der Sintflut. Wurde doch in ihr – mit Ausnahme von Noah und seiner Familie – die gesamte Menschheit auf einen Schlag ausgelöscht.

Da waltet göttlicher Zorn, genau wie bei dem Feuer, das Sodom und Gomorrha vernichtet. Fein gestochene Kupferstiche finden sich in dieser Abteilung, aber auch kraftvolle Ölbilder. Das Highlight ist hier Théodore Géricaults beklemmende „Szene der Sintflut“ von 1818 aus dem Pariser Louvre. Da hängt eine tiefschwarze Gewitterfront über unheilvoll dunklen Fluten. Kaum je zuvor hat ein Maler so ausschließlich auf die Leere einer unendlichen Wasserlandschaft gesetzt. Nur ganz vorn im Bild sind ein paar Menschen auszumachen, die panisch ums Überleben kämpfen

Apropos Géricault: Ohne ihn läuft hier fast nichts, auch wenn seine wichtigste Arbeit, „Das Floß der Medusa“, vom Louvre nicht ausgeliehen wurde und nur mit Bleistiftstudien präsent ist. Dieses sieben mal fünf Meter große Katastrophenbild von 1819 gilt als ein Schlüsselwerk der Moderne. Es dokumentiert das Schicksal von Schiffbrüchigen als Ergebnis eines politischen Skandals, der die französische Marine betraf.

Der zweite Riese der Schau ist ein Hamburger Publikumsliebling: Caspar David Friedrich (1774-1840), der mit vier Arbeiten – darunter sein meisterliches „Eismeer“ – beteiligt ist. Im Winter 1820/21 wird Friedrich in Dresden Zeuge des Eisgangs auf der Elbe. In seinem Ölbild steigert er das Ereignis ins Monumentale. Keine Spur von einer Küste oder dem offenen Meer. Nur gewaltige Eisschollen, die sich in einer schroffen, feindlichen Polarlandschaft erbarmungslos auftürmen und ein Unglücksschiff samt Besatzung unter sich begraben.

Ein bisschen Hoffnung lässt Friedrich zu

Da gerinnt dem Betrachter das Blut in den Adern, doch ein bisschen Hoffnung lässt Friedrich ihm. Hoch am Horizont klart der Himmel schon wieder auf. Endzeit erst einmal verschoben.

„All diese Bilder lassen uns nicht kalt“, sagt Kurator Markus Bertsch. „Sie ziehen uns in ihren Bann, appellieren an unser Gefühl und regen zum Nachdenken an – über uns und über die Welt, in der wir leben.“ Womöglich könnten wir ja auf die Idee kommen, dass wir so manche Katastrophe hätten verhindern können.

Bis 14. Oktober. Kunsthalle, Glockengießerwall 5. Di-So 10-18, Do 10-21 Uhr. Katalog 29 Euro, auch online zu bestellen unter www.freunde-der-kunsthalle.de