Spielerische Sprachfreude

Jan Wagner mit Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet

Das Geringste kann zum Gedicht werden: Der Lyriker Jan Wagner bei seiner Dankesrede. FOTO: DPA

Das Geringste kann zum Gedicht werden: Der Lyriker Jan Wagner bei seiner Dankesrede. FOTO: DPA

Darmstadt. Der Lyriker, Kritiker und Übersetzer Jan Wagner ist in Darmstadt mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet worden

Sprache und ihre Würdigung: Das muss nicht in düsterer Steifheit enden. Nicht jeder Gast fährt per Nobelkarosse am Staatstheater vor, wenn die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ihre großen Literaturpreise verleiht: Viele kommen auch heiter plaudernd per Stadtwerke-Bus. Nicht jeder trägt gravitätisches Schwarz: Akademiemitglied und Beethovenfest-Intendantin Nike Wagner etwa kommt in schwarz-rosa Turnschuhen. Drei der fünf Akademiepreise wurden am Samstagnachmittag in Darmstadt überreicht; Schluss- und Höhepunkt der diesjährigen Herbsttagung.

Den mit 20.000 Euro dotierten „Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay“ erhält der 51 Jahre alte Jens Bisky. Sein Werk sei „getragen von einem sensiblen Gespür für die Zusammenhänge der Künste“, lobt die Jury – und von „Gegenwärtigkeit, Anschaulichkeit, Verständlichkeit, Prägnanz und Erfahrungsgehalt“, fügt Laudator Steffen Martus hinzu. Der Preisträger antwortet mit luzidem Urteil über das eigene Metier: „Zeitungsrezensionen zeigen die Kritik im Werktagskittel, mal ist er schlecht geflickt, mal fleckig, mal fehlt ein Knopf (…) Hauptsache, die Fracht kommt pünktlich.“

Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger (62) dankt für den mit 20.000 Euro dotierten „Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa“, ihr verliehen unter anderem für das Buch „Maria Theresia“. FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube konstatiert „das beeindruckende, erstaunliche Gefühl des Lesers, einer kompletten Wirklichkeit teilhaftig geworden zu sein“. Stollberg-Rilinger nennt den Preis „das größte Kompliment, das mir in meiner ganzen Laufbahn gemacht worden ist“. Gerade um den genauen Umgang mit der Sprache gehe es in der Geschichtswissenschaft: „Die Sprache der Quellen ist so fremd oder so vertraut wie die Welt, um die es geht (…) Näher als an ihre Sprache kann man an historische Gestalten nicht herankommen.“

Jan Wagner ist ein „Dichter der Immanenz“

„Spielerische Sprachfreude und meisterhafte Formbeherrschung“ sieht die Akademie in den Werken des just 46 Jahre alt gewordenen Berliner Lyrikers Jan Wagner, den sie mit dem diesjährigen Georg-Büchner-Preis (50.000 Euro) ehrt. So sieht es auch Vizepräsident Aris Fioretos: Einen „Dichter der Immanenz“ nennt er ihn: „Er zoomt das Kleine heran, um uns im Winzigen die Riesigkeit der Welt erfahren zu lassen.“

„Unterm Sprachskalpell“ hat der neue Büchnerpreisträger seine kunstvolle Dankesrede betitelt. In ihr gönnt er sich ein augenzwinkerndes Selbstzitat, wenn er von des Autors naturwissenschaftlicher Arbeit in Straßburg erzählt und ihn in der Weinstube zeichnet – „bei ein paar Kirschen oder einem Stück Quiche, kein Gierschlund, aber mit knirschendem, knurrendem Magen“.

Der Wiederklang des Gedichts „Giersch“ aus den Wagner'schen „Regentonnenvariationen“ von 2014 dient vielleicht auch dem Selbstbewusstsein, tönt leise am Darmstädter Mikro, aber trotzig in der Sache. Dass Wagner, wie Aris Fioretos sagt, „ein ebenso unbeirrbares wie liebevolles Interesse für die Pracht und Fallen der Natur hegt“, haben ihm Helikopter-Philanthropisten vorgeworfen, die glauben, dass relevante Probleme nur der ernsthaft bedichtet, der mit dem sozialkritischen Holzhammer auf sie eindrischt.

Gelassen pfeift der Dichter auf solchen Das-Poetische-ist-politisch-Tugendterror. „Es ist ein freies, meinetwegen: ein närrisches Spiel, das kein lyrischer Wohlfahrtsausschuß verbieten dürfte und könnte. Ich mache Verse aus der Überzeugung heraus, daß noch das Geringste zum Gedicht werden kann (…), selbst wenn es die Schlagzeile meidet.“

Drei große Preise für drei große Autoren. Und doch nimmt der Zuhörer in Darmstadt, wenn er nach zwei geistvollen Stunden das Staatstheater wieder verlässt und sich (im Bus oder per pedes) auf den Heimweg macht, von allen Dreien die eine, gleiche Botschaft mit. Sprache und ihre kunstvolle Handhabung – das muss nicht in düsterer Steifheit enden. Dieses mal kritische, mal historische, mal närrische Spiel ist dafür viel zu lebendig. Sprache – sie kann glücklich machen.