Künstliche Intelligenz in der Science Fiction

In diesen Filmen spielt KI die Hauptrolle

Bonn. Filme und Bücher haben die Vorstellungen über intelligente Maschinen entscheidend geprägt. Ein Blick auf das Genre zeigt: Seine Geschichten werden zunehmend persönlicher und erwachsener.

Auf einem Hochhausdach lässt ein sterbender Mann in nächtlichem Regen eine Taube aufsteigen. Begleitet von Synthesizer-Klängen nimmt der Replikant Roy Batty Abschied von seinem Leben: "Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet", sagt er. "All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen." Schnitt. Ein Roboter mit österreichischem Akzent jagt in Lederjacke und mit Schrotflinte im Anschlag eine Maschine aus flüssigem Metall. Schnitt. Ein goldener Protokolldruide und sein pfeifender 96 Zentimeter hoher Roboterfreund helfen bei der Rettung der Galaxis in der wohl bekanntesten Weltraumsaga aller Zeiten. Schnitt.

Geschichten über menschenähnliche Roboter und denkende Maschinen haben die Vorstellungen über Künstliche Intelligenz (KI) entscheidend geprägt. Seit der Antike faszinieren Geschichten von künstlichen Wesen und dem menschlichen Schöpfungsakt - wie etwa bereits in der altjüdischen Sage vom Golem, einer menschenähnlichen Lehmfigur, die zum Leben erweckt wird und Befehlen folgt. In der griechischen Mythologie erweckt die Göttin Aphrodite eine Statue mit dem Namen Galatea zum Leben, und im Mittelalter erzählen Sagen von der Erschaffung menschlicher Kreaturen durch Alchemie. Heute liefert das Sujet des künstlichen Menschen vor allem Stoff für die Science-Fiction. Das Genre, das sich der Zukunft widmet, gilt als narrative Antwort auf die Fragen und Probleme der Industrialisierung und fasst ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts Fuß. Als einer der ersten und bekanntesten Filme gilt der monumentale Stummfilm Metropolis, der das Maschinenwesen Maria zur bis heute prägenden Stilikone macht (siehe Infokasten).

Die ersten Roboter in Filmen seien meist noch als solche erkennbar, sagt der Filmwissenschaftler Simon Spiegel von der Universität Zürich. In einer ersten großen Welle ab den 1950er Jahren sind die gezeigten Maschinenwesen zudem eher begrenzt in ihrer Intelligenz und Selbstständigkeit. So ist der Roboter Gort in dem Film "Der Tag, an dem die Erde stillstand" aus dem Jahr 1951 zwar furchteinflößend, wird aber von einem Außerirdischen kontrolliert. Und der drollig freundliche Robby, der Roboter im 1956 erschienen Film "Alarm im Weltall", mutet noch wie eine übergroße Registrierkasse an.

 

Ein Meilenstein der Filmgeschichte

Laut Spiegel ändert sich das erst Ende der 1960er Jahre mit Filmen wie "2001: A Space Odyssey", in dem der Bordcomputer HAL 9000 aus eigenem Antrieb die Besatzung eines Raumschiffs auslöschen will. Oder in "Westworld", in dem ein selbstbestimmter mechanischer Revolverheld in einem Vergnügungspark Jagd auf Menschen macht. Die Kunstfiguren treten damit in neuen Rollen auf. "Diese Filme läuten eine neue Epoche ein, in der Maschinen menschenähnlicher werden und Dinge aus eigenem Antrieb tun", sagt Spiegel.

Einen weiteren Meilenstein markiert der Film "Blade Runner" mit Harrison Ford aus dem Jahr 1982, der auf dem Roman "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" von Philip K. Dick basiert. "Blade Runner war eine Initialzündung in der Science-Fiction, weil er die Frage stellt, inwiefern künstliche Menschen Lebewesen sind und welche Rechte sie haben", sagt Medienwissenschaftlerin Britta Hartmann von der Universität Bonn. Die Geschichte erzählt von künstlichen Menschen, sogenannten Replikanten, und ihrem Freiheitskampf. "Der Film hat eine neue Qualität in die Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz gebracht und eine neue Phase eingeleitet, die bis heute andauert", sagt auch Filmwissenschaftler Simon Spiegel. Ging es zuvor um die Überlegenheit des Intellekts, zeigen Kunstwesen in modernen Filmen wie "Ex Machina" , "Her" oder der Fernsehserie "Real Humans" Gefühle und eigene Bedürfnisse. Das geht soweit, dass künstliche Menschen wie die Figur Rachel in Blade Runner sich ihrer künstlichen Existenz nicht mehr bewusst sind, weil sich ihre Identität aus künstlichen Erinnerungen speist.

Künstliche Intelligenz in der Science-Fiction tritt andererseits häufig als Bedrohung auf und bedient diffuse Ängste. Bekanntestes Beispiel: In "Terminator" führen Maschinen Krieg gegen die Menschheit, weil eine KI namens Skynet die Menschen als größte Bedrohung für den Planeten ausgemacht hat. In der neueren Science- Fiction wird diese Bedrohung zunehmend persönlicher. "Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir wissen, dass wir Technologie nicht mehr beherrschen können", sagt Hartmann. Dies schlage sich bereits in der Sprache nieder. Die Rede sei von Kontrollgesellschaften, Datenklau und Plattformkapitalismus, der Informationen für den Datenhandel nutze. "Science-Fiction behandelt Ängste vor Kontrollverlust, Ohnmacht, aber auch die Scham angesichts der eigenen Unterlegenheit." Ein Beispiel dafür ist der Protagonist Caleb in "Ex Machina", dessen Sehnsucht nach Liebe der weibliche Android Ava zur Flucht aus dem Gefängnis nutzt. "Er konnte deshalb missbraucht werden, weil er als menschliches Wesen mit seinen Beschädigungen, Sehnsüchten, seiner Einsamkeit so verletzbar ist", sagt Hartmann.

Wie viel Wirklichkeit steckt in der Fiktion?

Solcher Ängste bedient sich auch der Roman "NOW" des deutschen Autors Stephan R. Meier, der davor warnt, sich der Technik zu ergeben. Seine Fiktion zeichnet eine Gegenwart, in der ein intelligenter Algorithmus das Leben der Menschen regelt und der Protagonist verfolgt von tödlichen Drohnen der Zivilisation entflieht. "Ich sehe die Tendenz, Künstlicher Intelligenz übermenschliche Fähigkeiten zuzuschreiben", sagt er. Während die Mehrheit die Folgen der Digitalisierung nicht durchblicke, bildeten sich digitale Eliten. Aufgabe von Autoren sei es, diese Tendenzen in Geschichten zu übersetzen. "In meinem Fall zeige ich ein erschreckendes Szenario, das aber erschreckend realistisch ist."

Doch wie viel Wirklichkeit steckt in der Fiktion? Die Experten sehen diese Frage zweigeteilt. Denn einerseits haben sich Visionen der Science-Fiction bereits erfüllt - wie die Existenz von Smartphones und Bildtelefonen zeigt. Die Strahlkraft ist derart groß, dass KI-Forscher sie gerne auch als "Science Vision" bezeichnen. Zudem orientiere sie sich stets an der Ästhetik ihrer Zeit. "Das ist auch der Grund dafür, warum Science-Fiction ein Genre ist, das schnell und schlecht altert", sagt Spiegel. "Heute lächeln wir darüber, wie Technik in Filmen der 50er und 60er Jahre dargestellt wurde."

Andererseits finden die aktuellen Fragen der KI-Forschung dort keinen Platz. Ob KI etwa ein Auto steuern darf, ist in der Science-Fiction eher irrelevant. "Denkende Maschinen sind etwas für Kinofilme", sagte deshalb Patrick van der Smagt, Leiter der KI-Forschung bei VW in einem Interview. "Mit unserer Arbeit hat das aber nichts zu tun." Das sieht auch der Filmwissenschaftler so. "KI im Alltag und KI in der Science-Fiction haben nur sehr wenig miteinander zu tun", sagt Spiegel. So verhandele die Fiktion im Kern uralte Fragen nach Menschlichkeit, der eigenen Identität und dem Umgang mit dem Fremden. "Indem Science-Fiction nach dem Lebensrecht für künstliche Menschen fragt, stellt sie zugleich infrage, wie ethisch es ist, Menschen im Mittelmeer ertrinken zu lassen."