Norbert Blüm und Colonia Dignidad

"Herr Präsident, Sie sind ein Folterknecht"

Bonn. Im Kino schlägt der Spielfilm "Colonia Dignidad" ein dunkles, lange verdrängtes Kapitel bundesrepublikanischer Geschichte auf. "Kolonie der Würde". Nur wenige prominente deutsche Politiker stemmten sich gegen das unfassbare Unrecht, das dort geschah. Zum Beispiel Norbert Blüm.

Vorfrühling in der Bonner Südstadt. Die Sonne scheint durchs Fenster und kündet vom baldigen Ende des Winters. Auf dem Tisch: Schwarz-Weiß-Fotos, alte Zeitungsausschnitte, ein Aktenordner mit 30, 40, 50 Jahre alten Dokumenten, die von einer deutschen Sekte in Chile erzählen, die im Rheinland gegründet wurde. Haben Sie den Film gesehen? Ja. Lohnt es sich? Ja. Aber was soll diese Liebesgeschichte? Ein dramaturgischer Kniff, um die Leute ins Kino zu locken. Am Ende applaudierte der Saal. Menschen sind weinend aus dem Kino gegangen. Gut, dann werde ich mir den Film noch anschauen.

Frohnatur Norbert Blüm wird ernst, sehr ernst. Das Gesicht des 80-Jährigen wirkt versteinert, als er zu erzählen beginnt, was er im Sommer 1987 erlebt hat, 12 000 Kilometer von Bonn entfernt: "Ich habe dieses Mädchen im Krankenhaus besucht. Carmen Gloria Quintana hieß sie, hatte in Santiago an einer Demonstration gegen Pinochet teilgenommen, als Soldaten sie mit Benzin übergossen und anzündeten. Dann hat man sie 16 Kilometer außerhalb der Stadt in den Straßengraben geworfen. Landarbeiter fanden sie und brachten sie ins Krankenhaus. Sie hat überlebt. Ich habe unschuldig Inhaftierte und Folteropfer getroffen. Ein Arzt, dessen Verbrechen darin bestanden hatte, auf der Straße einem Mann Erste Hilfe zu leisten, der zu verbluten drohte. Und eine Mutter ... man hat der Frau ihr Kind auf den Bauch gelegt und auf dem Rücken des Kindes brennende Zigaretten ausgedrückt. Die Frau hat alles gestanden - was auch immer sie hören wollten."

Hunderttausende wurden während der Pinochet-Diktatur (1973-1990) verhaftet. Tausende überlebten Haft und Folter nicht. Im Sommer 1987 reiste Norbert Blüm nach Chile. Auch zur Colonia Dignidad des Sektenführers Paul Schäfer wollte Blüm. Ein landwirtschaftliches Mustergut. Und Folter-Zentrum des chilenischen Geheimdienstes. Man ließ ihn nicht rein. Christdemokrat Blüm, in Deutschland wahlweise als "soziales Gewissen der CDU" geschätzt oder als "Herz-Jesu-Marxist" geschmäht, war in der deutschen "Kolonie der Würde" am Fuß der Anden unerwünscht. Stattdessen wurde Blüm von General Augusto Pinochet empfangen. "Ich ahnte, wenn ich mich auf eine nette Plauderei einließe, würde ich nicht mehr die Kurve kriegen. Also war mein erster Satz: Herr Präsident, Sie sind ein Folterknecht."

Der Diktator bewahrte nur mühsam die Fassung. Blüm konfrontierte ihn mit dem Erlebten. Der General konterte, dass der Verwundete, dem der verhaftete Arzt auf der Straße geholfen habe, doch sicher ein Kommunist gewesen sei, und er sei überzeugt, dass die junge Frau sich selbst mit Benzin übergossen und angezündet habe. "Ich fragte ihn: Und anschließend hat sie sich 16 Kilometer weit bis in den Graben einer Landstraße geschleppt?"

Der General lenkte ab, sang ein Loblied auf die Deutschen, vor allem auf jene vor 1945, und Hitlers einziger Fehler sei es gewesen, den Krieg zu verlieren. Dann deutete der Hitler-Bewunderer auf das barocke Kreuz an der Wand. "Zu dem bete ich täglich." Blüm entgegnete: "Der liebe Gott kennt die Namen jedes Ihrer Opfer. Herr Präsident, Sie kommen nicht in den Himmel. Sie werden in der Hölle schmoren."

Pinochet unterbreitete Blüm ein perfides Angebot: Auf seinem Schreibtisch liege eine Liste mit 16 Namen. Der Befehl zur Hinrichtung. Bereit zur Unterschrift. Wenn Deutschland diesen 16 Todeskandidaten Asyl gewähre ... bitte schön. Dann verzichte er auf die Hinrichtung. Blüm flog zurück nach Bonn. Er ahnte, dass Pinochet darauf spekulierte, ihn öffentlich als Maulhelden bloßstellen zu können. Und er ahnte, dass der Diktator auf seine zahlreichen Freunde in der CSU bauen konnte.

In München tobte Franz Josef Strauß, Blüms dreister Auftritt in Chile koste die deutsche Wirtschaft Millionen, weil das chilenische Militär den geplanten Kauf von 800 deutschen Lastwagen soeben storniert habe. "Aber ich kann doch als christlicher Politiker nicht die Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion anprangern und zu Lateinamerika schweigen", sagt Blüm.

Sondersitzung des Bundestages zum Thema Chile. Die eigene Fraktion setzt Blüm auf den letzten Platz der Rednerliste. Einige Redner überziehen, und Rudolf Seiters, damals Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, teilt seinem Parteifreund Blüm noch während der Debatte mit, dass sein Redebeitrag wegen der fortgeschrittenen

Zeit nun doch leider entfallen müsse. Da funkt die Grünen-Fraktion dazwischen und schenkt ihren (vorletzten) Redeplatz Blüm. Fünf Minuten Zeit, um das Grauen der chilenischen Militärdiktatur und des deutschen Folterlagers im Süden des Landes zu schildern. "Ernst Albrecht, Ministerpräsident von Niedersachsen, kam zu mir und sagte: Ich mach's, ich nehme das auf meine Kappe und gewähre den 16 Menschen Asyl."

Viele Jahre später, lange nach dem Ende des Terrorregimes, reisten Norbert und Marita Blüm nach Chile, um ihre Tochter zu besuchen. Die war nach Santiago gegangen, um als Lehrerin in einem Armenviertel der Hauptstadt zu arbeiten. "In einer Markthalle stand plötzlich ein Mann vor mir und fragte: Sind Sie Herr Blüm? Ich nickte. Der Mann fiel mir um den Hals und drückte mich so fest, dass ich dachte, ich kriege keine Luft mehr. Dann sagte er: Sie haben mein Leben gerettet. Ich war einer der 16 Verurteilen, die hingerichtet werden sollten."

Carmen Gloria Quintana promovierte später in Kanada an der Universität Montreal in Psychologie. Die Narben haben ihr Gesicht für immer entstellt. Zu Blüm sagte sie einmal: "Ich bin Christin. Ich könnte sogar Pinochet verzeihen. Aber nur, wenn er mich darum bittet. Verzeihen kann man nur, wenn man darum gebeten wird."

Pinochets Kumpan, der am 4. Dezember 1921 in Bonn geborene und in Troisdorf aufgewachsene Paul Schäfer, muss sich lange Zeit als der ewige Verlierer gesehen haben: Sohn einer bitterarmen alleinerziehenden Mutter, zweifacher Sitzenbleiber ohne erlernten Beruf. Klein und schmächtig, bei Raufereien auf dem Schulhof zog er stets den Kürzeren. Als Kind stieß er sich im Bastelunterricht ein Auge aus. Die Mitschüler nannten ihn fortan nur noch "Glasauge". Deshalb wollte ihn selbst die Wehrmacht nicht haben. Eine böse Welt, die sich da gegen ihn verschworen hatte.

In Chile bastelt sich der Totalversager seine eigene Welt und erhebt sich zu ihrem gottähnlichen Herrscher. Und während der Pinochet-Diktatur wächst seine Macht ins Unermessliche - weit über die Lagergrenzen hinaus. Auch die deutsche Botschaft unterstützt den pädophilen Sadisten, der von seinen Anhängern sexuelle Askese verlangt und nachts die Kinder aus dem Knabenhaus vergewaltigt - wie schon zuvor im von ihm 1954 bis 1961 betriebenen Kinderheim in Heide bei Siegburg.

Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher weist seinen Botschafter Erich Strätling an, sich mal in dieser Colonia Dignidad umzuschauen. Der meldet zurück, dort habe alles seine Ordnung. Lotti Packmor, der 1985 die Flucht aus dem Lager gelang, erinnert sich an den "Kontrollbesuch" des deutschen Botschafters: "Er hat einen herrlichen Empfang bekommen. Die deutsche Nationalhymne wurde gespielt. Er sagte, es sei ihm bei uns wie im Märchen bei Schneewittchen ergangen: hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen sei es viel schöner ..."

Nach seiner Rückkehr aus Chile stellte Bundesarbeitsminister Blüm mit Entsetzen fest, dass sein eigener Laden das chilenische Folterzentrum sponserte. Über die Rentenzahlungen auf Schäfers Sammelkonto. Seit zwei Jahrzehnten erledigte die deutsche Botschaft in Chile im Auftrag von Paul Schäfer Konsularisches wie Passverlängerungen oder Lebensbescheinigungen für die Renten großzügig im Sammelverfahren.

Johannes Vöcking, Blüms enger Vertrauter, promovierter Jurist und damals Vizepräsident des Bundesversicherungsamtes in Berlin, kam schließlich auf die Idee, wie der Geldstrom zu stoppen wäre. "Sämtliche Rentenzahlungen gingen auf ein Konto in Bremen und von dort weiter auf Schäfers Konto in Chile", erinnert sich Vöcking, der heute in Alfter lebt. "Das waren mehrere hunderttausend Mark pro Jahr - für chilenische Verhältnisse ein Millionenvermögen." Nach deutschem Recht können Rentenbezüge zwar abgetreten werden - aber nur freiwillig. Vöcking: "Wir hatten außerdem Zweifel, ob die Lebensbescheinigungen nicht getürkt waren. Also schrieben wir die rund 50 mit Wohnsitz in der Kolonie gemeldeten deutschen Rentner an und luden sie zum Anhörungstermin in ein Hotel in der Provinzstadt Chillán ganz in der Nähe der Colonia Dignidad."

Vöcking flog 1988 mit zwei BfA-Mitarbeitern nach Santiago. Per Mietwagen ging es auf der Panamericana nach Süden. Den Vortag der Anhörung nutzten die drei deutschen Renten-Experten zu einem Ausflug - über Schotterpisten in Richtung Kolonie. Schon bald kamen ihnen Autos mit Schäfers schwer bewaffneten Security-Leuten entgegen, auch einer jener berüchtigten Krankenwagen, mit denen Folteropfer unauffällig transportiert wurden. Das Tor blieb verschlossen. "Sie können sich das nicht vorstellen", erinnert sich Vöcking. "Solche Sicherungsanlagen kannte ich bis dahin nur von der DDR-Grenze."

Am nächsten Morgen nahm das Trio gleich nach Öffnung um sieben im Hotelrestaurant in Chillán Platz. Am Abend packten sie ihre Unterlagen wieder zusammen. Kein einziger Rentenberechtigter war erschienen. Die drei Männer reisten zurück nach Deutschland, die BfA stellte ihre Zahlungen auf Schäfers Sammelkonto ein. Auch nach fast drei Jahrzehnten erinnert sich Vöcking an die bedrohliche Atmosphäre während dieser Chile-Reise, an das Gefühl, unter permanenter Beobachtung zu stehen, jeden Augenblick einer Eskalation der Gewalt ausgesetzt sein zu können: "Ich war während meiner Dienstjahre oft auf Auslandsreisen. Aber eine solche Angst wie 1988 hatte ich noch nie."