Vor 175 Jahren wurde Karl May geboren

Gefangen im Kokon der Fantasie

Über fremde Welten schreiben, ohne sie groß gesehen zu haben? Kein Problem: Dann beschreibt man sie halt auf sehr deutsche Weise – nicht, wie sie sind, sondern wie man findet, dass sie sein sollten. Vor 175 Jahren wurde Karl May geboren.

Wien, am 22. März 1912. Ein deutscher Schriftsteller hat einen Vortrag angekündigt. „Empor ins Reich der Edelmenschen!“ heißt das Thema, zeitgerechterweise romantisch, pathetisch und fortschrittsgläubig zugleich. Auch das Publikum im proppenvollen Großen Sofiensaal ist zeitgerecht durchmischt. In der ersten Reihe sitzt die schwesterliche Freundin des Vortragenden, die Friedens-Aktivistin Bertha von Suttner. Irgendwo weiter hinten sitzt ein glühender Verehrer des Autors, ein junger Herumtreiber, der gerade als Maler dilettiert. Er heißt Adolf Hitler.

Der Redner des Abends ist bis heute eine der schillerndsten Figuren der Kulturgeschichte. Ein Zirkel begeisterter Verehrer erforscht sein Werk und bastelt seit Jahren an einer Gesamtausgabe, die inzwischen fast ebenso dick ist wie die des Tiefstsinn-Philosophen Martin Heidegger. Er hat eigene Festspiele wie Richard Wagner – nicht nur an einem Ort wie der, sondern an mehreren in ganz Deutschland. Er beschrieb edle Helden, die stets die Wahrheit sagen – und konnte lügen, dass sich die Balken bogen. Er propagierte den Völkerfrieden – und lieferte sich viele kleine und große Kriege mit Verlegern, Ex-Frau und Presse. Er komponierte als Protestant ein „Ave Maria“ – und gar kein schlechtes. Er prägte die deutsche Sprache, indem er ihr Exoten einpflanzte: Howgh!, Uff!, Manitu, Pascha, Effendi. „Ein Dichter“ war er (sagt Heinrich Mann). „Unentbehrlich und ewig“ (sagt Hermann Hesse). Das alles war und ist Karl May, vielleicht der typisch deutscheste Schriftsteller überhaupt. Vor 175 Jahren, am 25. Februar 1842, wurde er in Ernstthal im Erzgebirge geboren.

Der Autor begann als Kleinkrimineller

Karl Mays Jugend verläuft so widersprüchlich wie sein ganzes Leben. Er stammt aus einer bitterarmen Weberfamilie, aber sein Vater legt Wert auf Bildung und zwingt ihn zum Lesen. Der junge Karl will dann Lehrer werden, doch wegen Unterschlagung fliegt er aus dem Seminar. Er macht den Abschluss doch noch, bekommt eine Hilfslehrerstelle, verliert sie wieder (wegen „widerrechtlicher Aneignung“ einer Taschenuhr).

Der 22-Jährige rutscht in die Kleinkriminalität ab – stiehlt, betrügt, unterschlägt, stapelt hoch, fälscht Urkunden. 1865 landet er im Arbeits-, 1870 im Zuchthaus. Doch irgendwann in diesen Jahren entdeckt er seine einzigartige Begabung: Geschichten zu erdenken, die den düsteren Alltag vergessen lassen. Tapfere Helden, düstere Schurken, fremde Landschaften – Ernst Bloch nennt all das später den „nach außen gebrachten Traum der unterdrückten Kreatur, die großes Leben haben will“.

Nach seiner Entlassung 1874 versucht May sich als Redakteur und verdingt sich als Schreiber von Fortsetzungsgeschichten, zunächst im Heimat-Genre („Die Rose von Ernstthal“). Der Durchbruch kommt 1892, als seine „Reiseerzählungen“ in Buchform zu erscheinen beginnen – jene Indianer-und-Orient-Geschichten, die seinen bis heute andauernden Ruhm begründen.

Die Zeit hätte nicht günstiger sein können für den großen Fabulierer. Nach jahrhundertelangem Hinterhof-Dasein hat Deutschland sich just unter Bismarck'scher Fahne zum wirtschaftlichen und militärischen Wunderkind Europas emporgekämpft. Wer taugt da besser zum Massen-Idol als der Unbekannte aus dem Hinterhof Sachsens, der sich zum Bestsellerautor emporgekämpft hat? Dessen Helden Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi unbekannte Welten in West und Ost durchreiten und ihnen dabei zugleich die europäische (das heißt natürlich: deutsche) Kultur bringen? Die das Böse nicht durch Brutalität besiegen (obwohl sie im Notfall selbstredend kraftvoll zuhauen und zielsicher schießen können), sondern durch die Kraft des Ethos, der Bildung, des Charakters?

„Ich bin wirklich Old Shatterhand“

Vielleicht ist es sehr deutsch, sich zu wünschen, dass schöne Geschichten auch auf Biegen und Brechen wahr sein müssen. Haben Sie das wirklich erlebt?, fragen die begeisterten Leser. Karl May lässt sich hinreißen und behauptet: „Ich bin wirklich Old Shatterhand respektive Kara Ben Nemsi, [ich] habe das alles und noch viel mehr erlebt.“ Er kultiviert die eigene Legende noch, schmückt sich mit falschem Doktortitel, nennt sich „Übersetzer aus dem Arabischen, Türkischen, Persischen, Kurdischen und verschiedenen Indianerdialekten“, erklärt, er beherrsche „1200 Sprachen und Dialekte“ und sei „als Nachfolger Winnetous der Befehlshaber über 35 000 Apatschen“.

Kann irgendwer das ernsthaft glauben? „Was der Mensch will, das hofft und glaubt er“, wird der dunkle May-Verehrer aus Braunau am Inn später sagen. Und keiner ist im Glauben unerschütterlicher als ein treuer Fan.

Dabei liegt die Wahrheit doch so deutlich da. Eine der farbigsten Figuren der May-Welt spricht sie aus, Kara Ben Nemsis treuer Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, dessen Name nicht nur auf die eigene Wallfahrt nach Mekka verweist, sondern auch (noch ehrenvoller) auf die seines Vaters und seines Großvaters. Und ausgerechnet dieser Halef gesteht schon bei seinem allerersten Auftritt in „Durch die Wüste“, dass alle Wallfahrten sämtlicher Generationen nichts als erfunden sind. Wenn das kein Wink des Autors mit dem Beduinen-Zeltpfahl ist, was dann?

„Erleben“, das im Kopf stattfand

„Ich habe das alles und noch viel mehr erlebt“? Kann durchaus sein. „Erleben“ kann auch im Kopf stattfinden. Wer das Museum in Mays „Villa Shatterhand“ in Radebeul aufsucht, der taucht in einen bizarr-faszinierenden, selbstgeformten Kosmos ein, von dem die Star-Wars-et-cetera-Fanatismen des Spätkapitalismus noch lernen können. Ölgemälde zum eigenen Werk. Ein ausgestopfter Löwe. Die „Silberbüchse“, der „Henrystutzen“, der „Bärentöter“ – allesamt original gefälscht von einem Büchsenmacher aus Dresden. Wenn dieses Haus eine Botschaft hat, dann diese: Hier hat sich ein Mensch in den Kokon der eigenen Fantasie eingesponnen und wahrscheinlich nie mehr richtig herausgefunden.

Im Museum finden sich auch die vielen Lexika, Reiseführer und Wörterbücher, aus denen May die Szenerien seiner Geschichten zusammensetzte. Auch das ist sehr deutsch: Wer fremde Welten nie richtig gesehen hat, beschreibt sie halt nicht, wie sie sind, sondern wie er findet, dass sie sein sollten.

Als er den Orient (1899/1900) und Amerika (1908) tatsächlich bereist, ist May von der harten Wirklichkeit dermaßen frustriert, dass er in eine Nerven- und Schreibkrise fällt. Seine Ehe scheitert, er verbeißt sich in dreckige Urheberrechts- und Verleumdungsprozesse. Gegner graben seine kriminelle Vergangenheit und seine nicht immer jugendfreien Frühwerke wieder aus, decken seine kleinen und großen Lügen auf; sein Ruf bricht zusammen.

Aber der große Selbst-Erfinder orientiert sich neu – auf Bücher, in denen nicht mehr gute und böse Menschen miteinander ringen, sondern edle und finstere Ideen, Geistwesen, Weltanschauungen und Symbole. Daraus entspringt unter anderem Mays Spätwerk „Ardistan und Dschinnistan“. Wegen dem nennt Arno Schmidt, selbst intellektueller Selfmademan wie May (Kritiker ätzen: auch ebenso ein Hochstapler) ihn den „letzten Großmystiker der deutschen Literatur“. Vielleicht sagt der Provokateur aus Bargfeld das aber auch nur, um die Kritiker zu ärgern.

Schon nach seiner Orientreise hat May auf dem Friedhof in Radebeul sein späteres Grabmal errichten lassen. Es ist eine Nachbildung (!) des Nike-Tempels auf der Akropolis von Athen. Das Relief an der Rückwand zeigt eine Schar Engel. Die Himmelswesen schauen neugierig, einer auch etwas kritisch drein; der vorderste gibt der entschlafenen Seele einen sanften (mitfühlenden?) Kuss auf die Stirn. Die Inschrift lautet: „Sei uns gegrüßt! Wir, deine Erdentaten / erwarteten dich hier am Himmelstor. / Du bist die Ernte deiner eignen Saaten / und steigst mit uns nun zu dir selbst empor.“

„Sieg! Großer Sieg! Rosen! Rosenrot!“

Empor – da ist es wieder, das Schlüsselwort über dem Leben des Weltenschöpfers aus Sachsen, der vom Kleinkriminellen zum Philosophen wurde, aufstieg, fiel und wiederum aufstieg. Sein Schaffen umfasst Helles und Dunkles wie das ganze menschliche Dasein. Kitschiges und Philosophisches, Phil-anthropisches und Rassistisches, Meisterhaftes und Schludriges. Was dabei vom Meister selbst stammt und was nicht, ist oft unsicher; diverse Verleger, Redakteure, Nachlassverwalter und Nachbild-Schöner haben über die Jahrzehnte in Mays Texten herummarodiert wie eine Horde Gesetzloser in der Prärie. Dabei ist manches Original-Wort aktueller denn je. Dies hier zum Beispiel:

„Verfolgung, Knechtung, Entrechtung und Vernichtung dürfen nicht länger als Mittel zur Erreichung sozialer und politischer Zwecke gelten. Denn zu gewaltig sind die Vernichtungsmöglichkeiten herangewachsen. Vor dem fliegenden Menschen kann man sich nicht anders schützen, als daß man ihn zum Bruder macht.“ So endet Mays Vortrag im Wiener Sofiensaal. 2000 Menschen brechen in langen Jubel aus. Alle Lügen, aller Streit sind vergessen.

Acht Tage nach dem Triumph erliegt Karl May, 70 Jahre alt, einem Herzschlag. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Sieg! Großer Sieg! Rosen! Rosenrot!“ Die Rose von Ernstthal, der Sieg (griechisch: „Nike“!) von Wien – es ist die Bilanz eines Lebens voller Tiefen und Höhen. Eine solche Bilanz steht auch zu Beginn seines Edelmenschen-Vortrags: „Ich bin kein Gewordener, sondern immer erst ein Werdender.“

P.S.: Adolf Hitler als Zuhörer beim Vortrag Karl Mays – ob das wirklich so war, ist nicht bewiesen. Dennoch steht die Geschichte in so mancher May-Biografie. Es wäre daher sträflich, sie nicht weiterzuerzählen; schließlich wirkt sie wie vom Meister selbst erfunden.

Karl May im Netz:www.karl-may-wiki.deZum Weiterlesen: Karl May zum Vergnügen. Reclam, 168 S., 5 Euro