Beginner im GA-Interview

Es soll knallen, geile Reime haben

Beginner: Die Musiker Denyo, DJ Mad und Jan Delay (von links)

Beginner: Die Musiker Denyo, DJ Mad und Jan Delay (von links)

BONN. Die Hamburger Band Beginner meldet sich nach 13 Jahren Pause zurück. An diesem Wochenende bringt das Trio ein neues Album heraus und zieht alsbald durch die großen Hallen des Landes.

Die Musiker Jan Delay, Denyo und DJ Mad haben einst mit ihrer Band Absolute Beginner dem deutschsprachigen Hip-Hop zahlreiche Klassiker beschert. 13 Jahre nach dem letzten Album „Blast Action Heroes“ legen die Hamburger neues Material nach. Das Comeback-Album „Advanced Chemistry“ enthält Hamburg-Hymnen, Zeitlupen-Beats, Mambo- und Reggae-Rhythmen. GA-Mitarbeiter Olaf Neumann traf das Trio in Hamburg.

Was war der Anlass, mit Beginner nach so langer Abstinenz weitermachen zu wollen?

DJ Mad: Beginner ist unsere Familie, unser gemeinsames Lebenswerk. Wir merkten, dass wir noch Lust haben zu rappen und geile Mucke zu machen.

Jan Delay alias Eizi Eiz: Weil das die Musik ist, mit der wir angefangen haben. Sie ist die Basis von allem.

Denyo: Deswegen haben wir die Band nie ad acta gelegt. Der Wille, der Flash und die Liebe zur Musik waren immer da. Es geht dabei um ganz naive Sachen: Es soll knallen, fett klingen, geile Reime haben.

Also alles wie früher?

Denyo: Die Produktions- und Schreibweise haben sich verändert, deswegen mussten wir noch einmal ins Camp. Im Sommer letzten Jahres hatten wir dann endlich Zeit – und das Knowhow, das Ganze durchzuziehen.

Wollten Sie ein zeitgemäßes Album machen?

Delay: Nein. Man muss zeitgemäß und zeitlos zugleich zu sein. Das haben wir schon beim „Bambule“-Album herausgefunden. Mit diesem Rezept sind wir auch an die neue Platte rangegangen. Wir brauchten diese Zeit, um zu trainieren, damit wir unseren eigenen Ansprüchen gerecht werden können.

Was macht die Chemie dieser Band aus?

Delay: Das kann man selber nicht sagen, das müssen andere herausfinden. Wir machen das einfach – und es klappt. Bei anderen vielleicht nicht. Es gibt Bands wie Aerosmith, die hatten am Anfang ein starkes Gefühl zueinander, und dies leider über die Jahre verloren. Bei uns ist das Gefühl gerade durch die Zeit, in der wir nicht aktiv waren, immer stärker geworden.

DJ Mad: Das Album heißt „Advanced Chemistry“, gerade weil es nicht mehr die Chemie von früher war. Zwischen damals und heute liegen 13 Jahre deutsche Hip-Hop-Geschichte mit ganz viel grandiosem Kram.

Und?

DJ Mad: Und da kommen wir jetzt wieder als Altkasper, die noch ein bisschen was zu beweisen haben. Wir wollen nicht nur der korrekte Standard sein, sondern immer noch oben mitspielen.

Beginner: Das Cover des Albums "Advanced Chemistry".

Beginner: Das Cover des Albums "Advanced Chemistry".

 

Lief im Studio alles glatt?

DJ Mad: Es ist echt nicht einfach in gesetzterem Alter, alles so zum Funktionieren zu bringen, dass es flutscht wie Socke. Aber am Ende fing es tatsächlich an zu rennen. Das muss man ausnutzen.

Worauf kommt es beim Songschreiben an?

Denyo: Aufs Loslassen. Du hast zum Beispiel eine tolle Idee, aber aus irgendeinem Grund ist sie dem Song nicht dienlich. Oder der Song an sich ist zwar geil, aber irgendwie nicht richtig. Also versuchst du es noch drei oder vier Mal – und dann musst du entweder den kompletten Song verwerfen oder einfach mal ein paar Monate was anderes machen.

„Advanced Chemistry“ ist eine Anspielung auf die gleichlautende Heidelberger Hip-Hop-Formation. Was bedeutet sie Ihnen?

Denyo: Es ist die Über-Band aus Deutschland, die das Ganze ins Rollen gebracht hat. Wegen ihr haben wir damals aufgehört, uns irgendwelche Storys in schlechtem Englisch auszudenken.

DJ Mad: Ohne das Demo-Tape von Advanced Chemistry, das Jan uns damals gegeben hat, würden wir hier nicht sitzen. Darauf zu hören waren Zeilen wie „Die Pudelmütze ist meine Krone“. Das erste Mal hörte man geile Wortspiele auf Deutsch!

Wie gehen Sie heute vor?

Delay: Wir konzentrieren uns auf das, was wir eh können – und holen uns jemand wie Fiji Kris dazu, der genau weiß, was wir meinen, wenn wir sagen: „Wir brauchen jetzt genau an der Stelle eine geile Rave-Rutsche“. Gerade in der elektronischen Musik passiert so viel. Wir hören ja nicht von Berufs wegen dauernd nur angesagte Scheiben.

In dem nostalgischen Stück „Es war einmal“ beschreiben Sie den Werdegang Ihrer Band. Warum wollten Sie das alles noch einmal erzählen?

Denyo: Das ist ein Song, der niedlich und old school daher kommt. Eher das, was ein konservativer Beginner-Fan erwartet. Wir als Rapper haben eigentlich Lust, Muskeln und Metaphern zu zeigen. Aber gerade weil dieser Song nicht geplant war, ist er am Ende ein Single-Kandidat geworden.

DJ Mad: Das Geheimnis unserer Chemie ist unsere Geschichte. Wir sind länger am Start als fast alle, die heute im deutschen Rap etwas zu sagen haben. Krass, was während unserer Karriere schon alles im Musikgeschäft abgegangen ist! Das kann man auch mal würdigen mit so einem Song.

Die Musiker von unten nach oben: Jan Delay, Dennis Lisk (Denyo) und Guido Weiß (DJ Mad).

Die Musiker von unten nach oben: Jan Delay, Dennis Lisk (Denyo) und Guido Weiß (DJ Mad).

 

Das Stück „Kater“ handelt von Alkoholintoxikation. Sind Sie Hedonisten?

Denyo: Nein. Bei mir ist Feiern kein Selbstzweck. Ich finde es gut, die Freiheit zu haben, einfach mal die Sau rauszulassen. Dazu gehört, sich irgendwann wieder zurückziehen. Stille ist extrem wichtig. Meine Familie, mein Zuhause und meine Arbeit sind mir wichtiger als das Feiern.

Delay: Klar gibt es in mir beides. Sonst könnten wir nicht das machen, was wir machen. Das habe ich schnell gemerkt, als es mit Jan Delay immer größer wurde. Irgendwann war das Projekt so groß, dass es für 50 Menschen zum Job wurde. Da geht es nicht, dass ich nur feiere. Wenn 5000 Leute zu deinen Konzerten kommen, musst du am Start sein.

Im Video zur Hamburg-Hymne „Ahnma“ ist Uwe Seeler zu sehen. Was hat die 79-jährige Fußballlegende mit Rap zu tun?

Delay: Wir wollten in Hamburg ein Video drehen und dachten: Wie geil wäre es, wenn Uwe Seeler dabei wäre!

Hat er sofort eingewilligt?

Delay: Ja! Seine Tochter hat dafür gesorgt, dass er das auch macht. Dann kam er zum Set – und entpuppte sich als ein toller Typ!

Denyo: Uwe Seeler ist jemand, der sichtlich seinen Erfolg genießt, aber er ist so was von cool und lieb dabei! Er redet mir dir sofort, als wenn du sein ältester Kumpel wärst.

Worüber spricht man mit Uwe Seeler?

Delay: Der Typ steht da und sagt: „Ja, ich hab das gehört und ich find‘ das gut! Weil ich finde, das klingt warm.“ Und das meint er ernst. Von jemandem, der 80 Jahre und von unserer musikalischen Welt so weit weg ist, hätte ich das nicht erwartet. Und Uwe Seeler hat recht: Ich finde, unsere Musik ist tatsächlich warm.

 

Suggeriert das düstere Stück „Nach Hause“, dass es überall schrecklich trostlos ist, nur in Hamburg nicht?

Denyo: Nein, es geht um das Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein und wieder zurück nach Hause zu wollen. Das Zuhause kann dabei sonst wo sein. Mit diesem Song wollten wir die unschönen Seiten des Neokolonialismus aufzeigen.

Was meinen Sie damit?

Denyo: Die anonymen Hotelanlagen in schwierigen Ländern, wo immer die Sonne scheint und Mitteleuropäer es sich gut gehen lassen. Obwohl alles unlebendig und voller Plastik ist. Gleichzeitig werden die Einheimischen von den Bullen verprügelt. Dort hat man das Gefühl, gleich wieder nach Hause zu wollen.

Was ist das für ein Gefühl, wieder auf Tour zu gehen?

DJ Mad: Das geilste! Unsere Tourneen waren früher auch schon der Burner. Jetzt spüren wir, dass das, was wir damals gesät haben, aufgegangen ist.

Woran spüren Sie das?

DJ Mad: Die Leute zucken manchmal an Stellen, an denen man es überhaupt nicht erwartet hätte. Daran merkt man, was die Musik den Menschen bedeutet. Außerdem ist eine Tour immer eine Möglichkeit, sich so richtig schön auszutoben.