Andreas Bourani im GA-Interview

"Andreas Bourani klingt besser Andreas Stiegelmair"

BONN. Der charismatische Sänger Andreas Bourani gibt im Juni ein Open-Air-Konzert auf dem Bonner Kunst!Rasen. Erwartet werden mehr als 8000 Besucher.

Es ist zwar nicht nagelneu, aber gut und zeitlos. Und auch der Megahit „Auf uns“ befindet sich auf dem 2014 erschienenen Album „Hey“. Damit ging der Sänger Andreas Bourani damals auf Tournee: 56 Konzerte in 51 Städten. Im Sommer dieses Jahres tingelt Bourani erneut durchs Land – und macht Station auf dem Kunst!Rasen in Bonn. In einem sehr überlegt und konzentriert geführten Interview mit GA-Redakteur Cem Akalin sprach der Sänger auch über die Deutung seiner Texte.

GA: Andreas, Ihre Texte lassen viel Raum für Interpretationen. Stimmen Sie mir zu, wenn ich sage: Es sind keine reinen Liebeslieder?

Andreas Bourani: Ja, tatsächlich. Ich würde sogar behaupten, dass ich noch nie ein Liebeslied geschrieben habe.

GA: Ach?

Bourani: Ich hatte immer Probleme damit, weil Liebeslieder auf Deutsch irgendwie kitschig klingen. Und schlagerbehaftet. Im Schlager wird die Liebe besungen, dagegen habe ich mich immer gewehrt. In meinem Song „Ultraleicht“ etwa geht es um die Verbindung zu einer Person, aber es ist keine Liebesgeschichte.

GA: Aber es handelt von einer konkreten Person?

Bourani: Ja, ja. jede Verbindung hat irgendwas mit Liebe zu tun. Aber es ist kein Liebeslied.

GA: Trennungslieder sind doch auch Liebeslieder?

Bourani: Na ja, wenn die Liebe vorbei ist, geht es eher um andere Emotionen. Das einzige Liebeslied, das ich wirklich gelungen finde, ist „Der Weg“ von Herbert Grönemeyer.

GA: Was daran gefällt Ihnen?

Bourani: Ein grandioser Text mit Tiefgang. Man spürt die tiefe Verbundenheit zu einer Person. Und ich denke immer: Wenn ich das nicht hinkriege, dann kann mir gar nicht erlaubt sein, ein Liebeslied zu schreiben.

GA: „Auf anderen Wegen“ ...

Bourani: ... handelt von zwei Personen, die sich in ihrer Beziehung nicht mehr wohl fühlen. Es hat mit Schmerz und Loslassen zu tun. Das Loslassen habe ich viel mehr thematisiert.

GA: Zum Beispiel auch bei „Hey“?

Bourani: Genau. Da geht es auch darum: nicht mehr perfekt sein zu müssen.

GA: Geht es bei „Alles beim Alten“ um jemanden, der auf der Suche nach seiner Identität ist?

Bourani: Auch. Es heißt zudem: „Ich gehör' vom ganzen Herzen dorthin, wo ich nicht bin.“

GA: Eben!

Bourani: Das heißt: Man ist getrieben, ständig auf der Suche nach einem Ort, wo man nicht ist, weil man weiter muss. Für mich bedeutet Identität, nicht in die Vergangenheit zu gehen. Identität ist eine Gestaltungssache. Ich glaube an die Gestaltungsfähigkeit der Persönlichkeit. Auch an die Veränderung. Und das ist etwas, das in der Zukunft liegt.

GA: In diesem Lied heißt es gleichzeitig: „Vielleicht werde ich ein ewig Suchender sein.“

Bourani: Ja, das ist ja in der Zukunft. Ich glaube, dass Identität nichts mit Ankommen zu tun hat. Ich bin davon überzeugt, dass wir Menschen uns ständig verändern und es damit in der Hand haben, wer wir sein möchten.

GA: Sind Sie ein Mensch, der nicht so richtig weiß, wo seine Wurzeln sind?

Bourani: Darüber habe ich nachgedacht. Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es mein Leben, selbst wenn ich es wüsste, nicht verändern würde. Wenn ich jetzt wüsste, dass ich halber Türke bin oder was auch immer – und ich habe dazu ja überhaupt keine Informationen – dann wäre das für mich nur ein kultureller Bezug, der mich aber maßgeblich nicht beeinflusst hat. Ich finde, dass es Schubladendenken ist, wenn man sagte, dass irgendwas in den Genen läge. Das würde Klischees bedienen.

GA: Herkunft hat doch nichts mit Klischees zu tun.

Bourani: Ich bin in Augsburg geboren. So. Ich bin dort aufgewachsen, bin katholisch erzogen worden. Wenn ich jetzt erführe, ich hätte einen Vater aus Hawaii, dann würde ich schauen, was denn typisch für Hawaiianer ist. Ach ja, das Rhythmusgefühl, das habe ich also von den Hawaiianern. Ich frage mich, wie das charakterbildend auf mich Einfluss nähme.

GA: Denken Sie nie darüber nach, wer Sie hätten sein können, wenn Sie bei ihren leiblichen Eltern groß geworden wären?

Bourani: Nein. Das bringt mich nicht weiter. Ich beschäftige mich lieber damit, wer ich sein kann, als damit, wer ich hätte sein können.

GA: Sie sind als Andreas Stiegelmair aufgewachsen.

Bourani: Ja, das ist der Name meiner Eltern.

GA: Warum haben Sie später den Namen Bourani angenommen?

Bourani: Weil ich versucht habe, den Namen meiner Eltern aus der Öffentlichkeit rauszuhalten. Bourani ist mein Geburtsname, er steht in meinem Personalausweis. Ich identifiziere mich mehr mit dem Namen Bourani, und er klingt auch ein wenig besser.

GA: In „Wieder am Leben“ geht es ebenfalls darum, das Vergangene abzuschütteln. Hat das nicht auch damit zu tun, dass Sie einen Namen abgelegt haben?

Bourani: Dennoch hat es nichts mit Identität zu tun, sondern mit meiner Lebensphilosophie. Man kann sich nur ändern, wenn man sich von Dingen löst. Das hat nichts mit Flucht zu tun, sondern mit Anerkennung des Lebens. Das Leben ist ein Fluss, wir sind Menschen, die sich verändern. Bei mir war es so, dass ich nach dem Erfolg der ersten Platte froh war, etwas loszulassen.

GA: Was denn?

Bourani: Meine Verbissenheit zum Beispiel, verbissen an einem Traum festzuhalten, Rückschläge auszuhalten, Zweifel an sich selbst zu haben, Existenzängste, weil man von der Kunst leben möchte. Dabei ist mir klar geworden: Die Vergangenheit loslassen ist eine Befreiung.

GA: Ich habe Sie vor 20 Jahren bei der ZDF-Castingshow gesehen. Damals dachte man noch, ach, eine zweite Version von Xavier Naidoo. Später tauchten Sie auf mit einem ganz eigenen Ausdruck. Was war geschehen?

Bourani: Ich habe einen Prozess durchlaufen, einen Prozess der Selbstfindung, und daran rumgemeißelt, wer ich bin, was ich zu erzählen habe.

GA: War es schwierig, sich mit dieser markanten Bariton-Stimme durchzusetzen?

Bourani: Nein. Ich habe immer nur daran gedacht: Wie gut musst du sein, dass es klappt? Ich habe mich mehr darauf besonnen, in dem besser zu werden, was ich machen möchte.

GA: Was bedeutet Ihnen der sagenhafte Erfolg, den Sie haben?

Bourani: Ich bin sehr dankbar dafür. Das waren ein paar sehr schöne Momente – damals bei der WM, das Duett mit Sido.

 

GA: Wann haben Sie zum ersten Mal wahrgenommen, dass Sie zur ersten Riege der deutschen Popmusik gehören?

Bourani: Das Urteil fällen immer andere. Mir geht es darum, Musik zu schreiben, die gut genug ist, viele Menschen zu erreichen.

GA: Sie haben auch bei „Sing meinen Song“ mitgemacht.

Bourani: Es war spannend, zum Beispiel Hartmut Engler zu treffen, der mit Pur 15 Jahre vorher Erfolg hatte. Oder die Prinzen, mit denen ich groß geworden bin.

GA: Hat Sie jemand besonders überrascht?

Bourani: Ja, Xavier Naidoo, der meinen Titel „Auf uns“ gesungen hat. Ich hatte den Song für einen Freundeskreis geschrieben, und Xavier hat ihn in dieser Sendung wieder zurückgeführt.

GA: Inwiefern zurück?

Bourani: Es geht um Freunde, mit denen man abends an einem Tisch sitzt, etwas trinkt und eben auf das Leben anstößt. Das war ein sehr emotionaler Moment.