Saison-Auftakt in der Kölner Philharmonie Yannick Nézet-Séguin begeistert mit Tschaikowsky

Verführer am Dirigentenpult: Yannick Nézet-Séguin.

Köln. Zehn Jahre lang leitete der Frankokanadier das Rotterdams Philharmonisch Orkest. Jetzt waren sie noch einmal zusammen in Köln zu erleben.

Genau zehn Jahre lang stand der Frankokanadier Yannick Nézet-Séguin an der Spitze des Rotterdams Philharmonisch Orkest, mit dem er zum Saisonauftakt am Montagabend noch einmal in der ausverkauften Kölner Philharmonie ein fulminantes Konzert hinlegte. Bei Amtsantritt musste der damals 33 Jahre alte Maestro in die Fußstapfen des russischen Kollegen Valery Gergiev treten, der dem niederländischen Vorzeigeklangkörper ganz viel russische Seele eingehaucht hatte – mit einem entsprechend satten Klangbild. Davon hat der junge Nachfolger nicht sehr viel übriggelassen. Nézet-Séguin mühte sich von Beginn an, das Orchester zu mehr Leichtigkeit, Agiliät und Flexibilität zu verführen. Das Kölner Programm bot da reichlich Gelegenheit, diese Tugenden hörbar zu machen.

Der Abend begann mit der Sinfonie D-Dur KV 385, der sogenannten „Haffner-Sinfonie“, deren rhythmisch zupackenden Beginn Nézet-Séguin äußerst scharfkantig musizieren ließ. Der Dirigent, dessen athletischer Körperbau seine Liebe zum Fitnessstudio verrät, formt die Musik mit expressiven und klaren Gesten, für deren Ausführung er keinen Taktstock benötigt. Dieses Werkzeug stünde ihm eher im Wege, wenn er – wie in der Durchführung des ersten Satzes – dirigiert, als würde er ein Gespräch mit den Musikern führen. Nézet-Séguin, der sich als Chef des Philadelphia Orchestra und Musikdirektor der New Yorker Met künftig mehr auf Amerika konzentrieren wird, ist kein Diktator am Pult, sondern ein Förderer des Miteinanders. Und er ist ein guter Partner für den Klaviersolisten Yefim Bronfman, den er in Franz Liszts Klavierkonzert Nr. 2 in A-Dur begleitete. Während Nézet-Séguin auf die richtige Balance achtete, stellt Bronfman seine Qualitäten als temperamentvoller Virtuose ins Rampenlicht, dessen physische Kraft vor allem dort fruchtbar wird, wo's in der Musik martialisch wird. Aber auch die Momente voller Zartheit weiß er auszudrücken (wie auch der Solocellist des Orchesters). Nach dem begeisterten Applaus spielte er im Duo mit Nézet-Séguin am Klavier ein „Lied ohne Worte“ von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Dass selbst im russischen Repertoire die Spuren Gergievs irgendwann verwischt waren, zeigte bereits der recht zügig und schlank genommene Beginn der vierten Sinfonie in f-Moll von Peter Tschaikowsky. Der Kanadier zeigte, wie man das Schicksalsmotiv kraftvoll intoniert, ohne zu pathetisch zu werden. Wunderbar gelang der melancholische langsame Satz, von dem sich das lebhafte Pizzicato-Scherzo kontrastreich abhob, bevor das Orchester im Finale noch einmal seine Qualitäten mit größter Virtuosität demonstrierte. Nach dieser Energieleistung ließ sich die leise Zugabe mit dem Vorspiel zum dritten Akt aus Verdis „La Traviata“ als wohltuende Entspannung genießen.

Das Ochester indes vertraut sein Schicksal wieder ganz jungen Händen an: Der 29-jährige israelische Dirigente Lahav Shani übernimmt diesen September. Am 8. Oktober gastiert er übrigens als Pianist im Bonner Beethoven-Haus.

Zur Startseite