Luigi Dallapiccola und Bernd Alois Zimmermann in Köln

"Weh dem, der allein ist!"

Leuchtendes Kardinalsrot bei der Kreuzigung: Szene aus "Il Prigioniero". FOTO: PAUL LECLAIRE

Leuchtendes Kardinalsrot bei der Kreuzigung: Szene aus "Il Prigioniero".

KÖLN. Der A-cappella-Vortrag des Bach-Chorals "Es ist genug" zu Beginn der Doppelinszenierung von Luigi Dallapiccolas "Il Prigioniero" (Der Gefangene) und Bernd Alois Zimmermanns "Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne" (Ekklesiastische Aktion) ist schon ein untrüglicher Hinweis darauf, dass es an diesem Musiktheaterabend in der Kölner "Oper am Dom" um die letzten Dinge des Menschen gehen wird, um Tod, Gericht, Himmel und Hölle.

Wobei die in Bachs Choral zum Ausdruck kommende Hoffnung auf eine bessere Welt im Jenseits in den aufgeführten Stücken durchaus in Zweifel gezogen werden muss. Der Choral erklingt an diesem Abend drei Mal, einmal zu Beginn und einmal zwischen beiden Stücken wird er - stilistisch leider mit reichlich viel Vibrato verfremdet - a cappella von einem Kammerensemble des Opernchores gesungen; wirklich einkomponiert ist der Choral am Ende von Zimmermanns Ekklesiastischer Aktion, wo die Choralzeilen als instrumentales Zitat zu hören sind. Das hatte schon Alban Berg in seinem Violinkonzert vorgemacht. Doch Zimmermann lässt Bachs Musik abrupt enden, verwandelt die Hoffnung in einen Zustand panischer Angst. Die letzten, bitteren Worte des Sängers in der Aktion sind: "Weh dem, der allein ist!" Nur wenige Tage nach Vollendung der Partitur nahm sich der Kölner Komponist am 10. August 1970 in Frechen das Leben.

So wie der Bach-Choral bindet auch die komplette Inszenierung von Regisseur Markus Bothe die beiden Stücke zu einer Einheit zusammen. Obwohl die Entstehungszeit mehr als drei Jahrzehnte auseinanderliegt - Dallapiccolas Gefangener wurde 1949 uraufgeführt - und obwohl Zimmermanns Werk im Unterschied zu Dallapiccolas Operneinakter eigentlich nicht für die Theaterbühne konzipiert wurde, gibt es einige Parallelen, die das Vorgehen Bothes rechtfertigen mögen. Die offensichtlichste Gemeinsamkeit ist die in der Zeit der spanischen Inquisition angesiedelte Handlung. In "Il Prigioniero" geht es um einen Gefangenen, der ein fast zärtliches Freundschaftsverhältnis zu seinem Kerkermeister entwickelt, am Ende aber erkennen muss, dass dieser eigentlich der Großinquisitor selbst ist.

Zimmermann hingegen konfrontiert Bibelzitate aus dem 4. Buch der Prediger Salomons mit einem Ausschnitt aus dem Großinquisitor-Kapitel aus Dostojewskis Roman "Die Brüder Karamasow". Darin wird Gottes Sohn selbst Opfer der Befragung. Dass die männliche Hauptpartie in beiden Stücken von demselben Solisten übernommen wird, erscheint in Bothes Regiekonzept nur folgerichtig, und dass der Solist der großartige Bariton und Sängerdarsteller Bo Skovhus ist, macht den Abend in Köln zu einem Theaterereignis. Er bringt die seelischen Zustände, die im Falsett gesungene Zärtlichkeit, das Hoffen, die Wucht der Verzweiflung, die Angst, mit solcher Intensität herüber, dass es beinahe physisch spürbar wird.

In Dallapiccolas Stück sieht man ihn in einem waagerechten Schlitz einer Mauer hocken, der gerade so viel Platz bietet, dass der Gefangene in gebeugter Haltung gehen kann. Wenn sich die Wand, die Bühnenbildner Robert Schweer aus grauen Buchstaben zusammengefügt hat, nach hinten öffnet, wird dieser Schlitz optisch zum Querbalken eines Kreuzes, über dem ein helles Licht leuchtet (Video: Fritz Gnad). Enden wird der Gefangene tatsächlich am Kreuz, das noch zu Beginn der Ekklesiastischen Aktion aufgerichtet stehen bleibt, wenn der Gefangene gleichsam eine Metamorphose zur Dostojewski'schen Jesus-Figur erfährt.

Dallapiccolas Einakter ist mehr genuines Drama. Nach einleitenden, rhythmisch aufgeregten schneidenden Dissonanzen singt die Mutter des Gefangenen von ihren Angstvisionen um den Sohn, was der Mezzosopranistin Dalia Schaechter mit bestürzendem Ausdruck gelingt. Auch das Großaufgebot des Opernchores (Einstudierung Marco Medved) sorgt für unter die Haut gehende Klänge. In der Kreuzigungsszene werfen die Choristen wie der Kerkermeister ihre Oberbekleidung ab, und zum Vorschein kommt das leuchtende Kardinalsrot katholischer Roben - was angesichts der psychologischen Dichte der Musik fast zu vorhersehbar gedacht ist. Den Kerkermeister und Großinquisitor singt der Tenor Raymond Very, der eine achtbare Leistung bringt, seinem "Opfer" aber musikalisch nicht ebenbürtig ist. Taejun Sun und Wolfgang Schwaiger ergänzen als Priester das Solsitenensememble auf hohem Niveau.

In der szenischen Erstaufführung von Zimmermanns Aktion stehen neben Skovhus mit Jörg Ratjen und Stephan Rehm noch zwei Schauspieler auf der Bühne, deren braune Business-Anzüge wohl die zynische Logik ihrer Argumente unterstreichen sollen. Der Applaus nach diesem 100-minütigen Abend schloss auch das Gürzenich Orchester ein, das unter Leitung von Gabriel Feltz die Musik beider Komponisten virtuos erfasste und sowohl im Graben wie auch in den Oberrängen auf beeindruckende Weise umsetzte.

Weitere Termine: 1., 4. und 6. April. Karten in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.