"Wagner-Lesarten"

Umjubeltes Konzert mit Dirigent Kent Nagano

Bratschist Nils Mönkemeyer und Dirigent Kent Nagano proben mit Concerto Köln.

Bratschist Nils Mönkemeyer und Dirigent Kent Nagano proben mit Concerto Köln.

Köln. Kostprobe mit "Siegfried-Idyll": Das auf mehrere Jahre angelegte "Ring"-Projekt von Concerto Köln macht nach dem ersten Konzert in der Philharmonie neugierig auf mehr.

Es ist ein sehr vorsichtiger erster Schritt, mit dem der Dirigent Kent Nagano und Concerto Köln zu ihrer musikalischen Reise aufgebrochen sind, an deren Ende die konzertante Aufführung von Richard Wagners Opernvierteiler „Der Ring des Nibelungen“ auf Instrumenten aus der Wagner-Zeit stehen wird. Und eigentlich führte dieser Schritt zunächst sogar nur erst auf einen kleinen Seitenpfad. Denn das „Siegfried-Idyll“, das am Sonntagabend in der Kölner Philharmonie als erste Kostprobe des Projekts „Wagner-Lesarten“ (der General-Anzeiger berichtete) erklang, ist ja kein Bestandteil des „Rings“, sondern ein Geburtstagsgruß des Komponisten an seine künftige Gattin Cosima, den ihr musikalischer Schöpfer aus „Ring“-Musik und Eigenzitaten zu einem wundervoll beseelten sinfonischen Satz zusammenfügte und der von einigen Mitgliedern des Zürcher Tonhalle-Orchesters an Weihnachten 1870 auf den Treppenstufen der Wagner'schen Villa in Tribschen am Vierwaldstätter uraufgeführt wurde.

Es ist zwar nicht das erste Mal, dass Wagner in historisch informierter Aufführungspraxis zu hören ist. Doch die wissenschaftliche Gründlichkeit, mit der Concerto Köln und Kent Nagano das „Ring“-Projekt erarbeiten, ist einzigartig. Und war am Sonntag Grund genug für Philharmoniechef Louwrens Langevoort vor das Publikum im sehr gut besuchten Saal zu treten und den Abend als ein „historisches Konzert“ anzukündigen.

Sparsam eingesetztes Vibrato

Obwohl noch keine „Ring“-Besetzung aufgefahren wurde und noch kein Wagner-Gesang zu vernehmen war, erhielt man mit diesem etwa 17-minütigen sinfonischen Satz durchaus schon eine Ahnung davon, was – voraussichtlich ab 2021 – mit dem konzertanten „Ring“ auf die Hörer der Kölner Philharmonie zukommen wird. Denn natürlich klingen die mit sparsam eingesetztem Vibrato gespielten und mit Darmsaiten bespannten Geigen weniger voluminös und süffig als gewohnt. Der Klang wirkte fast sphärisch und immer ein bisschen fragil. Das hatte durchaus Einfluss auf die Klangbalance im Orchester etwas ausgewogener zugunsten der Holzbläser. Manches, wie die Einwürfe der Hörner, trat plastischer hervor. Dass dies aber nicht zulasten des Ausdrucks und der emotionalen Qualität der Musik ging, war freilich auch den ausgezeichneten Musikern des meist in sehr kleinerer Barockbesetzung auftretenden Orchesters zu danken, die auf diesem für sie ungewohnten Terrain erstklassige Arbeit leisteten.

Der Weg zum „Ring“ kennt aber noch weitere Nebenwege, die führten an diesem ersten der für dieses Jahr insgesamt drei Konzerte noch über Niccolò Paganini und Hector Berlioz. Von Paganini spielten sie das Violinkonzert Nr. 4 in d-Moll mit Konzertmeister Shunske Sato als versiertem Solisten, der jedes von dem Teufelsgeiger Paganini aufgefahrene Virtuosenkunststückchen souverän meisterte. Selbst in den schwierigsten Pizzicato- Springbogen- oder Flageolette-Passagen behielt sein Spiel eine mühelos scheinende Eleganz.

Für Berlioz' „Harold en Italie“ – eine für Paganini geschriebene Sinfonie mit obligater Solobratsche – spielte concerto Köln nun in Größtbesetzung mit allein neun Kontrabässen und 16er-Besetzung in den ersten Geigen. Dass trotz der für das Kernensemble ungewohnten Stärke ein wirklich einheitlicher Gesamtklang entstand, ist bemerkenswert. Kent Nagano dirigierte das Werk mit großer Übersicht, viel Herzblut und Sinn für den großen Farbenreichtum der Partitur. Und er hatte mit Nils Mönkemeyer einen großartigen Solisten an der Seite, der sozusagen in die Rolle des autobiografisch gefärbten Titelhelden schlüpfte. Gemeinsam formten sie aus den vier Sätzen des Werkes eine musikalische Erzählung von großer klanglicher Subtilität. Als Zugabe nach begeistertem Beifall überraschte Nagano das Publikum noch mit dem Rákóczi-Marsch aus Berlioz' „Fausts Verdammnis“.

Beim nächsten Konzert mit Kent Nagano und Concerto Köln am 16. Mai stehen Wagners „Wesendock-Lieder“ und Bruckners Sinfonie Nr. 3 auf dem Programm. Es singt Sophie Harmsen.