Stück von Helmut Oehring

Tribut an Heinrich Böll in der Kölner Oper

Eine Szene mit (v.l.) Adriana Bastidas-Gamboa, Dalia Schaechter und Emily Hindrichs.

Eine Szene mit (v.l.) Adriana Bastidas-Gamboa, Dalia Schaechter und Emily Hindrichs.

Köln. Oper Köln zeigt Helmut Oehrings Tribut an Heinrich Böll als Uraufführung. Oehring hat ihm eine Melange aus wenigen Zitaten und viel neuer Musik angerührt.

"Voll auf die Fresse“ – so nennt Komponist und Regisseur Helmut Oehring die Wirkung von Heinrich Bölls Rede „Die Freiheit der Kunst“ vor rund 50 Jahren im Wuppertaler Schauspielhaus. Zum nahenden 100. Geburtstag des Schriftstellers erfand Oehring jetzt für die Oper Köln das Musiktheaterstück „Kunst muss (zu weit gehen)“ – und dieses zielte eine Etage tiefer als Bölls Worte: voll in die Herzen. Dokupoetisches Instrumentaltheater heißt die bereits mehrfach erprobte Form von Oehrings Annäherung an die Person Heinrich Böll. Die Texte, die seine Coregisseurin und Librettistin Stefanie Wördemann zur Verarbeitung ausgewählt hat, sind meist persönliche Reflexionen oder Reaktionen auf bewegende Momente in Bölls Leben.

Aber auch politisch motivierte Aussagen zeigen immer den Kölner Autor, der alle Unbill der Zeiten persönlich nimmt. Und Oehring reagiert darauf im Saal 3 des Staatenhauses mit einem sehr persönlichen Abend: Er schreibt ein Werk auch für die eigene Familie. Worte verschmelzen ganz praktisch mit Musik. Sie werden von den Orchesterspielern rhythmisch komplex strukturiert im Tutti skandiert wie von einem griechischen Tragödienchor. Das funktioniert natürlich nur, weil das in Köln beheimatete Ensemble Musikfabrik grenzenlos freie Interpreten beschäftigt, die jetzt auch als Schauspieler, Tänzer, Erzähler oder Clowns auftreten. Und sie haben – eine besondere Spezialität dieses Projekts – ihre Kinder als Akteure mitgebracht.

Zu Beginn sieht es aus wie auf einem Kindergeburtstag in der guten Stube einer modernen Familie – der Boden wird mit Kreide ausgeschmückt, die Kids toben auf der Bühne, hier wird Freiheit trainiert. Auch die Kinder des Komponisten spielen mit. Die zwölfjährige Tochter Mia in der tragenden Rolle „Junges Mädchen“ darf tanzen, Gitarre spielen, singen und rezitieren.

Auch Heinrich Bölls Sohn René ist mit von der Partie, hat nun zugespielte Texte im Studio eingelesen und liest live, die Enkelin Samay tritt ebenfalls auf. Drei schwarze Engel (Emily Hindrichs, Adriana Bastidas-Gamboa und Dalia Schaechter) steuert die Oper Köln bei, sie halten sich nicht an den Untertitel der Oper „Der Engel schwieg“, sondern agieren instrumental als chorische Stimmfarbe und erhalten freie Solopartien.

Bezaubernder Liebestanz

Die Musik kennt nur Tutti oder Solo. Bei Oehring macht der Rhythmus die Musik, Ankerplatz für den Hörer, der das Chaos fürchtet. Dynamisch changieren die Orchesterstellen zwischen Soundtapete und fauchendem Freejazz-Orchester. Was sich markanter einbrennt, sind die Momente, die von den Solisten des Orchesters bestritten werden: Ein Streichquartett, auf dem Rücken liegend Beethoven interpretierend, während der Kontrabassist mit seinem Instrument Fangen spielt – ein ganz bezaubernd anrührendes Duett von zwei Piccolo-Trompeten, die einen Liebestanz wie gurrende Tauben aufführen. Oder die Szene, in der eine etwa sechsjährige Darstellerin Melvyn Poores Tuba mit Tischtennisbällen füttert, während er durch den Trichter zischelt.

„Ach, ich sehne mich wirklich nach Musik“, heißt es in einem Brief Bölls. Oehring hat ihm jetzt eine Melange aus wenigen Zitaten und viel neuer Musik angerührt, die sich nie anbiedert, aber auch nicht verschreckt. Und die Klänge tragen die Texte in einem Spiel nicht ganz auf Augenhöhe: Erst das Wort, dann die Musik. Das passt beim Tribut an einen großen Autor.

90 Minuten ohne Pause, wieder am 11., 13., 21.12 jeweils um 19.30 Uhr. Staatenhaus 3