Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker in Köln

Sternstunde mit Bruckner

Dirigent Riccardo Muti kurz vor Beginn des Kölner Konzerts mit den Wiener Philharmonikern.

Dirigent Riccardo Muti kurz vor Beginn des Kölner Konzerts mit den Wiener Philharmonikern.

Köln. Sparsame Gesten, großer Klang: Der 77-jährige italienische Dirigent begeistert das Publikum in der ausverkauften Philharmonie.

Wunderkind und Spätzünder trafen musikalisch beim jüngsten Kölner Gastspiel der Wiener Philharmoniker zusammen, ein schroffer Gegensatz, der sich in der Werkauswahl fortsetzen sollte. Denn auf Wolfgang Amadeus Mozarts liebreizendes Flötenkonzert in G-Dur KV 313 folgte die siebte Sinfonie in E-Dur von Anton Bruckner, die Wiens Kritikerpapst Eduard Hanslick wenig schmeichelhaft als „symphonische Riesenschlange“ charakterisierte. Gleichwohl erlebte Bruckner just mit diesem Werk endlich den lang ersehnten Durchbruch als Komponist. Der Komponist aus Linz hatte lange darauf warten müssen: Bei der Uraufführung im Dezember 1884 war er bereits 60 Jahre alt.

Ob sich Altmeister Riccardo Muti, der das ausverkaufte Gastspiel in der Kölner Philharmonie dirigierte, bei der Programmgestaltung viel Gedanken gemacht hat, ist nicht überliefert. Aber immerhin hörte man zwei Werke von ganz individuellem Reiz. Solist des Mozartkonzertes war Karl-Heinz Schütz, der sonst als Soloflötist in Diensten der Wiener Philharmoniker steht. Das ist bei diesem Orchester freilich keine Maßnahme, um die Gage für einen teuren Gast zu sparen, sondern musikalisch erste Wahl. Schütz nämlich blies sein Instrument mit hinreißend schönem Ton, leuchtend in den Höhen und kernig volltönend in der mittleren und tiefen Lage. Die federleichte Eleganz der raschen Passagen beeindruckte ebenso wie die schönen Legatobögen. Bei der Koordinierung der Begleitung ging der 77-jährige Muti gestisch auffallend minimalistisch vor, wobei die Interpretation sehr auf gediegene Klangschönheit aus war. Rhetorische Schroffheiten, wie sie seit der Etablierung der historisch informierten Aufführungspraxis an der Tagesordnung bei der Mozartinterpretation sind, suchte man hier vergebens. Dennoch: eine im Dialog von Solo und Orchester fein abgestimmte, in sich runde Interpretation, für die es viel Beifall gab. Und Debussys „Syrinx“ für Flöte solo als Zugabe.

Für Bruckners Siebte konnte Muti klanglich aus dem Vollen schöpfen. Was er auch tat. Obwohl sein Dirigierstil sich auch hier nicht durch ausladende Gesten auszeichnete, produzierten die Musiker einen Klang, an dem man sich im Saal regelrecht berauschen konnte. Auch wegen des perfekt aufeinander abgestimmten Zusammenspiels der einzelnen Gruppen. Das funktionierte im dialogischen Prinzip ebenso wie in der Zusammenführung der ausladenden Crescendi, die sich in extremen Fortissimopassagen entluden. Dass der Gesamtklang des Orchesters dabei immer noch homogen und durchhörbar strukturiert blieb, zeichnet ein Orchester, wie die Wiener Philharmoniker es sind, aus. In der Wahl der Tempi mied Muti hingegen die Extreme, was dem natürlichen Fluss der Musik außerordentlich bekömmlich war. Das Allegro moderato des ersten Satzes und das feierliche Adagio des zweiten Satzes gestaltete der Italiener nicht als Gegensätze, sondern als Ganzheit. Wobei das Adagio, das durch den wunderbaren Klang der vier Wagner-Tuben noch einen besonderen klanglichen Reiz erhält, zum Herzstück der Aufführung wurde: Trauermusik zum Weinen schön. Mit viel Gefühl intonierte Streicherlinien, herrliche Holzbläserpassagen, klanglich sehr präsente Bässe, fabelhaftes Blech. Und im stürmisch aufbrausenden Scherzo mischte sich auch die Pauke kraftvoll wirbelnd ein.

Und wenn am Ende des virtuos vorgetragenen Finales noch einmal der volle Orchesterklang in dreifachem Fortissimo den Saal durchdringt, ist das Bruckner-Glück fast vollkommen. Stehende Ovationen.