Wuppertal

Star-Bildhauer Tony Cragg hat seinen Skulpturenpark erweitert

Wuppertal. Einen besseren Ort, um sich einen Traum zu erfüllen, gibt es wohl kaum. Und einen kühleren Ort, um bei den derzeitigen Temperaturen etwas für Augen, Geist und Anregung zu tun, auch nicht. Am südöstlichen Rand von Wuppertal, in einem dichten Wald, der sich Christbusch nennt, oberhalb des Tals der Wupper und in kaum wahrnehmbarer Nähe zu den Vierteln Elberfeld und Barmen hat der Brite Tony Cragg seinen Skulpturenpark Waldfrieden angelegt.

Der 1949 in Liverpool geborene Bildhauer, Teilnehmer von etlichen documentas und Kunstbiennalen, Turner-Preisträger von 1988, lebt seit 1977 in Wuppertal. Gerade, am 1. August, hat er sein Rektorenamt an der Düsseldorfer Kunstakademie an seine Kollegin Rita McBride abgegeben. Er wird jetzt mehr Zeit haben - für seine international begehrte Kunst und seinen Park in Wuppertal.

Zwölf Hektar groß ist der 2008 eröffnete Park der Cragg Foundation, ein Ort, in dem man sich die Kunst erlaufen muss und kann. Hauptsächlich eigene Werke sind dort zu sehen, Craggs mitunter komplex gebildete, formal und handwerklich raffiniert gestalteten organischen Gebilde aus verschiedensten Materialien. Arbeiten mit zauberhaften Titeln wie "It is it isn't", "Ever After" und "Wild Relatives" präsentieren sich vor der Naturkulisse.

Im flackernden Licht, das durch die Blätter scheint, "tanzen" auf einer Wiese die drei sich in 5,5 Meter Höhe schraubenden, aus einzelnen gestapelten Ellipsen bestehenden Bronze-Säulen "Points of View", Wahrzeichen des Parks. Je nach Tages- und Jahreszeit verändert sich sie Anmutung dieser und mehr als zwei Dutzend Werke aus mehreren Schaffensphasen von Cragg. Es gibt Kenner, die schwören auf die Winterimpressionen mit Schnee im Park.

Dann sehen die wuchtigen liegenden "Early Forms" aus wie ein ausrangierter Schiffsmotor oder der Chitinpanzer eines ausgestorbenen Rieseninsekts. Craggs Werke, die man sich dreidimensional, also im Umrunden optisch erarbeiten muss, thematisieren zentrale Fragen der Skulptur - lassen darüber hinaus aber auch großen Raum für Interpretationen von Craggs Kunst.

Der Park ist aber kein Cragg-Solo im Wald: Der Meister, der unter anderem 2003 in der Bundeskunsthalle mit einer fantastischen Retrospektive begeisterte, bei der er auch virtuos den Dachgarten bespielte (ein Probelauf für das ab 2006 realisierte Projekt Waldfrieden), hat sich befreundete Künstler in seinen Park geholt, Champions League wie Cragg selber: Auf einer Lichtung vor der bizarren Villa des Park-Vorbesitzers steht riesig aufragend Thomas Schüttes Bronzeskulptur "Vater Staat" von 2010 (im gleichen Jahr in der Bundeskunsthalle zu sehen), fast im tiefen Wald versteckt, liegen hochglanzpolierte "Trashstones" (2008 und 2011) von Wilhelm Mundt.

Auch Jaume Plensas feinen, schmalen Marmorkopf "Mariana W's World" (2012), Richard Deacons glänzende Edelstahlskulptur "Aramis" (2007), eine hoch aufragende Stele aus knallroten Eimer-artigen Objekten Bogomir Eckers ("Odolop", 2012) und, ganz neu, eine Plastik von Eva Hild findet man auf dem verschlungenen Waldfrieden-Parcours.

Der endete bis vor kurzem an einem Zaun, der jetzt geöffnet ist: Cragg hat seinen Park erweitert, um Werke, die einen Bogen von der liegenden, frühen "Early Form St. Gallen" (1997) bis zu ganz neuen Arbeiten zu schlagen. Der Meister hat aber noch mehr vor: Zusätzlich zur bereits gebauten, lichten Ausstellungshalle sind zwei weitere Hallen geplant beziehungsweise in Bau.

Gebautes, Gebildetes und Natur gehen hier eine traumhafte Symbiose ein. Wobei auch die Natur gestaltet ist. Der Park wurde einst als englischer Landschaftsgarten mit ausgesuchten, prächtigen Laubbäumen angelegt. Der botanisch Bewanderte erkennt Kastanien, Linden, Robinien, Ahorne, Lärchen, Eichen und Buchen, eine Purpurbuche, einen Ginkgo und eine Blutpflaume. Am Eingang steht ein Mammutbaum.

Der Park und die mittels fließenden Naturformen und "runden Ecken" mit der Umwelt korrespondierende Villa Waldfrieden sind ein Gesamtwerk des Architekten Franz Krause, der dieses Areal nach dem Zweiten Weltkrieg für den Wuppertaler Lackfabrikant und Kunstmäzen Kurt Herberts realisierte. 1947 bis 1950 baute Krause die bizarre Villa im eigens entwickelten Stil einer "reziproken" Architektur. Cragg ließ die seit Herberts' Tod 1989 unbewohnte und inzwischen ruinöse Villa liebevoll restaurieren.

Krauses fließende Formen und Craggs organische Skulptur: Ein besseres Zusammenspiel kann man sich kaum vorstellen. Entfesselt wie Craggs Kunst, der einmal sagte: "Ich muss gestehen, dass ich kaum je sagen könnte, wer das Sagen hat - ich oder die Skulptur."

Informationen zu Park und Programm

Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal, Hirschstraße 12

Geschichte: 2006 Erwerb des Wald-Grundstücks durch den Bildhauer Tony Cragg; 2006-2008 Sanierung des Anwesens und Umgestaltung zum Skulpturenpark; September 2008 Eröffnung des Skulpturenparks Waldfrieden in Trägerschaft der privaten Cragg Foundation; 2013 Parkerweiterung und Vollendung der neuen Ausstellungshalle.

Öffnungszeiten: März bis November, Di-So 10-18 Uhr; Dezember bis Februar, Fr-So 10-17 Uhr; an Feiertagen geöffnet. Langer Donnerstag bis 22 Uhr (bis Ende September).

Eintrittspreise: Tageskarte 8/6 Euro, Jahreskarte 24/16 Euro.

Führungen: Öffentliche Führungen für Einzelpersonen und Gruppen an jedem Sa, 15 Uhr; exklusive Führungen können unter 0202/478981212 oder per mail@skulpturenpark-waldfrieden.de gebucht werden; die Villa Waldfrieden kann nach Voranmeldung am So, 8. September, stündlich von 10 bis 17 Uhr besichtigt werden.

Ausstellungen: "William Tucker - Skulpturen", bis 1. September; Harald Klingelhöller, 19. Oktober 2013 bis 12. Januar 2014

Open-Air-Konzerte: "Matane Malit", mit Elina Duni Quartett, Sa, 17. August, 19 Uhr; "Songs of Freedom" mit dem Nguyên Lê Quintett, So, 18. August, 18 Uhr.

Café Podest: Kuchen und Tartes aus eigener Produktion, durchgehend warme Küche.

Parkerweiterung: Eröffnung der Parkerweiterung und der neuen Ausstellungshalle und Feier zum Jubiläum "Fünf Jahre Skulpturenpark" am 21. September mit ganztägigen "Wandelkonzerten" am Wegesrand.   

Weitere Informationen: www.skulpturenpark-waldfrieden.de