Lit.Cologne

Sibylle Lewitscharoff rechtfertigt ihre provozierenden Thesen zur künstlichen Befruchtung

Erst Diskussion, dann Literatur: Sibylle Lewitscharoff (rechts) mit Moderatorin Bettina Böttinger in der Comedia Köln.

KÖLN. Wir waren irritiert, verstört", beschreibt Rainer Osnowski die Gefühle des Lit.Cologne-Teams nach Sibylle Lewitscharoffs umstrittener Dresdner-Rede vom 2. März, in der sie die künstliche Befruchtung nicht nur inhaltlich, sondern auch mit extremer Wortwahl verurteilte - mit Formulierungen wie "abscheulich", "abartig" "vom Teufel ersonnen", "grotesk" oder auch dem Begriff der "Halbwesen", für den sie sich nachträglich entschuldigte.

Nachdem Lesungen der Büchner-Preisträgerin andernorts abgesagt worden waren, habe man bei der Lit.Cologne, so Osnowski, zusammen mit Moderatorin Bettina Böttinger entschieden, der Präsentation von Lewitscharoffs neuem Buch "Killmousky" (erscheint im April bei Suhrkamp) in der Comedia eine Diskussion voranzustellen.

Die Reaktion auf die Rede habe sie "komplett überrascht", erzählt die Autorin eingangs. "In Dresden hat das Publikum applaudiert, es gab keine Buhrufe, und es sind anschließend viele Bücher gekauft worden." Die in den nächsten Tagen in den Medien geführten Diskussionen habe sie erst gar nicht mitbekommen.

Ob es ihr nicht klar gewesen sei, dass sie mit dieser Rede provoziere, will Böttinger wissen. Scheinbar wollte sie das. Das Problem sei, dass bei Kindern, die durch künstliche Befruchtung entstanden seien, immer nur hinter ihrem oder dem Rücken der Eltern geredet würde, auch in ihrem Bekanntenkreis. "Da sind schwarze Fantasien im Umlauf. Ich wollte das Phänomen thematisieren." Und als Schriftsteller rede sie nun einmal "nicht so abgemessen wie Angela Merkel".

Und während Lewitscharoff weiter und weiter versucht, sich zu rechtfertigen, wird die Unruhe im ausverkauften Saal groß und größer. Unmutsäußerung, demonstratives Verlassen des Raumes vieler, die hier nicht mehr zuhören wollen oder können. Denn eines muss man der 59-Jährigen lassen: Sie lässt sich von der großen Welle der Antipathie, die ihr auch im Saal entgegenschlägt, nicht aus der Ruhe bringen. Sehr beherrscht trägt sie ihre Standpunkte vor. So zieht sie Verbindungslinien zwischen nationalsozialistischen Ideen und der Wahl eines Samenspenders, findet auch bei den Anfängen der deutschen Frauenbewegung eine "klare Schlagseite" in Richtung NS-Zeit, so wie auch schon in ihrer Dresdner-Rede.

Und sie gibt an einer Stelle zu: "Ich hätte im entferntesten nicht mit solchen Reaktionen gerechnet, weil ich sonst hätte ich die Rede nicht gehalten, ich schwöre es Ihnen", sagt sie an einer Stelle. "Das ist ja eine Dummheit, sich als Schriftsteller eine geebnete, eine wunderbare Chaussee des Erfolges so zu vermasseln."

Fast schon bizarr wirkte es angesichts solcher Aussagen, dass nach exakt 30 Minuten Bettina Böttinger (extrem souverän, wie den ganzen Abend über - Chapeau!) zum Buch-Präsentationsteil überging. Und wieder verließen Reihenweise Zuschauer die Lesung. Der Rest erlebte eine Autorin, die betont gewitzt eine halbstündige Passage aus ihrem Krimi-Erstling vortrug. "Ja, die Leute quasselten und quasselten und verrieten dabei zunehmend sich selbst", lässt sie ihren Kommissar Ellwanger an einer Stelle denken. Besser kann man es kaum formulieren.