Uraufführung am Kölner Schauspiel

Sibylle Bergs beängstigende Zukunftsvision

Am Ende: Bruno Cathomas und Kate Strong mit ihren maschinellen Aufpassern.

Am Ende: Bruno Cathomas und Kate Strong mit ihren maschinellen Aufpassern.

Köln. Ersan Mondtag inszeniert das neue Stück der Autorin „Wonderland Ave.“ im Depot 2.

Diese Augen. Sie starren dich an. Die ganzen zwei Stunden lang, die „Wonderland Ave.“ dauert. Mitten auf der Bühne des Depot 2 liegt Bruno Cathomas als überlebensgroße Puppe, auf dem Rücken, nackt, so wie ihn die Götter der Werkstätten der Bühnen Köln im Auftrag von Regisseur Ersan Mondtag schufen. Der Kopf ist zum Publikum gedreht, und die Augen lassen dich nicht los.

Dieser große Körper liegt da wie ein Berg, dient Cathomas und seiner Kollegin Kate Strong als Schlafstätte, als Spielfläche, als Sportgerät. Die beiden sind laut Autorin Sibylle Berg (die für die Uraufführung nach Köln gekommen war) „Person(en) unklaren Geschlechts“, müde und mäkelig sehnen sie sich nach den guten alten Zeiten zurück.

Doch die sind ihnen peu à peu abhandengekommen. Zwischenmenschlicher Austausch wurde längst durch virtuelle Beziehungen ersetzt. Wirtschaftlich rutschten sie beinahe unmerklich ins Abseits, als sie mit dem technologischen Fortschritt nicht mehr mithalten konnten. „Die Innenstadtimmobilien sind jetzt alle besetzt von hochqualifizierten Ausländern, die NLP können und Geo-Engineering, die zehn Sprachen sprechen, kognitiv denken und Codes schreiben, während die Leute aus dem ehemaligen Mittelstand am Bahnhofsvorplatz liegen, auf ihren Rollkoffern, und die Lichter in ihren ehemaligen Wohnungen beobachten.“

Das Lager, in das sie gebracht worden sind, schien zunächst ein perfekter Ausweg. Doch auch hier geht der Wettbewerb weiter, als erster Preis winkt „der Gewinn eines perfekten Zustandes“. Und dass sie bei der Ankunft eine Gruppe beobachten konnten, die auf ihren Abtransport wartete, haben sie schnell wieder verdrängt.

Im harten Griff der Roboter

Ihre Aufpasser sind fünf Roboter (Sophia Burtscher, Jonas Grundner-Culemann, Elias Reichert, Sylvana Seddig und Nikolay Sidorenko), die mit ihren schnarrenden Stimmen und eckigen Bewegungen weit entfernt scheinen von den täuschend echten Humanoiden, die etwa Harrison Ford in „Blade Runner“ jagte. Diese „Blechbüchsen“ (von Josa Marx in Kostüme gesteckt, die an Oscar Schlemmers „Triadisches Ballett“ erinnern) können doch eigentlich keine ernstzunehmende Bedrohung sein? Bis sie mit ihren Bestrafungen via Stromschläge beginnen. Und die Schraubenzieher, mit denen man vielleicht ihren Festplatten zu Leibe rücken könnte, haben sie lange schon entsorgt...

Die Vorstellung einer Welt, in der die Menschen die Macht an eine andere Intelligenz – sei sie künstlich oder außerirdisch – verloren haben, ist so alt wie das Genre der Science Fiction. Bei Sibylle Berg bleibt die Zukunft letztlich eher vage, dafür zeichnet sie mit der Beschreibung des Weges zur Wonderland Avenue ein mitunter erschreckend exaktes Bild unserer Gegenwart. Ersan Mondtag, für Regie und Bühnenbild zuständig, hat dafür einen großen Museumsraum entworfen, dessen Wände Bilder der Protagonisten nach berühmten Gemälden zieren. Und er lässt Bruno Cathomas und Kate Strong eine ziemlich lange Leine, an der die beiden sich kräftig austoben können. Das Aufeinandertreffen dieser beiden echten Rampensäue (die bei der Premiere am Freitag bisweilen noch mit dem Text kämpften) und der statischen Roboterschar erzeugt eine Spannung, die gehalten werden kann.

Sicher ist nicht jede Regieentscheidung nachvollziehbar. Und Kate Strongs starker englischer Akzent trägt nicht unbedingt zum Textverständnis bei. Aber dieser Abend macht sehr viel Lust auf die nächsten Arbeiten von Ersan Mondtag in der kommenden Spielzeit.

Weitere Aufführungen: 12. und 22.6., je 20 Uh; ca. 2 Std., Karten u.a. bei bonnticket.