Gudrun Höpker

Schnell sein, spontan sein

Köln. Radio, Theater, Kabarett: Die vielseitige Rundfunk-Moderatorin Gudrun Höpker aus Köln ist derzeit mit ihrem gefeierten Bühnensolo "Es könnte so schön sein" und anderen Programmen unterwegs.

Anschließend, auf der Rückfahrt nach Bonn, schießen die Gedanken nur so durch den Kopf. Durch einen Kopf, in dem noch diese Stimme flaniert. Diese Stimme sollte permanent im Autoradio zu hören sein. Sie könnte auch gleich die Navi-Ansagen übernehmen. Diese Stimme würde Anrufbeantworter und Warteschleifen vergolden. Und glühende Gegner von Hörbüchern würden bei dieser Stimme sicherlich eine Ausnahme machen. Es ist eine Ausnahmestimme. Die jetzt Gesicht zeigt.

Zwei Stunden zuvor. Eine stehende Gudrun Höpker ist nicht zu übersehen. Eine sitzende Gudrun Höpker allerdings auch nicht. Die blonde Frau mitten auf der Terrasse des Lokals Gernot's gegenüber der Marienkapelle in Köln-Nippes sticht aus der Menge heraus. Und dabei hat sie noch kein einziges Wort gesprochen. Wenn Höpker zu sprechen beginnt, werden sämtliche Nebengeräusche wie von Geisterhand herunter gedimmt.

Natürliche und sympathische Coolness

Ihre dunkle, irgendwo zwischen aufgerautem, weinrotem Samt und Film-Noir-Rauchgirlanden changierende Stimme transportiert nonchalante Souveränität, selbstbewussten wie selbstironischen Charme und eine erfrischend kesse Abgeklärtheit. Angeknipst wirkt das nicht, angestrengt erst recht nicht.

Gudrun Höpker besitzt eine natürliche und dabei sympathische Coolness, eine eher seltene Kombination. Das Thermometer zeigt an diesem Montagnachmittag, einen Tag nach Höpkers Geburtstag, 36 Grad Celsius. Nippes schwitzt und ächzt. Die hochgewachsene Radiomoderatorin, seit mehr als einem Jahrzehnt eine der profiliertesten Stimmen von WDR 2, hat einen Cappuccino bestellt. Na gut, und eine Rhabarberschorle. Gegen den Durst.

Schon als Mädchen hat sie täglich WDR 2 gehört, das war der Stammsender der Pfarrersfamilie Höpker in Lippstadt. Mit ihrer Schwester Katrin, die inzwischen durch das launige, erfolgreiche Rudelsingen "Frau Höpker bittet zum Gesang" überregional bekannt geworden ist, spielte die kleine Gudrun Radio. "Wir haben zweistimmig WDR-Jingles gesungen und aufgenommen, auf so einem alten Kassettending", erinnert sich die erwachsene Gudrun.

"Und mittwochs habe ich die neuesten Hits aus der Hitparade auf Kassette mitgeschnitten." Der damalige Moderator habe immer in die Songs reingequatscht. "Da habe ich mir vorgenommen: Wenn ich mal 'ne Musiksendung mache, dann quatsche ich nicht so da rein!" Gudrun Höpker lacht. Zum Glück wird sie im Laufe des Gespräches häufig lachen.

In der Kirche las sie das Weihnachtsevangelium

Dass sie über eine besondere Stimme verfügt, merkt sie schon als Kind. In der Kirche liest sie häufig vor der Gemeinde, an Weihnachten regelmäßig das Weihnachtsevangelium, sie singt in der Kirchenband, tritt auf Kirchentagen auf. Mit 14 spielt sie in einer freien Schauspielgruppe in Lippstadt. "Da haben wir auch schon Stimmentraining gemacht, und ich musste mich nie groß anstrengen. Ich hatte nie Probleme, brauchte keine Sprecherziehung. Das funktionierte einfach."

Eigentlich wollte Höpker dann auch Schauspielerin werden, aber drei staatliche Schauspielschulen nahmen sie nicht auf. Also bewarb sie sich bei einem Lokalradio für ein Praktikum - und moderierte bereits drei Monate später ihre erste Sendung. "So ging das früher! Erst noch mit zitternden Händen Veranstaltungshinweise getippt und dann ..." Die 44-Jährige formt ihre Lippen zu einem Lächeln. "Es war total komisch, als ich mich das erste Mal im Radio gehört habe. Ich war natürlich auch stolz. Dann haben sie mich Trailer sprechen lassen. Und jetzt mache ich ja alles mit meiner Stimme." Und ob.

Die Schauspielerei hat Gudrun Höpker allerdings nie aus den Augen verloren. Im Gegenteil. Schon in Berlin, wo sie ihr Journalismus-Studium abschloss, nahm sie privaten Schauspielunterricht - und zwar nach der Strasberg-Methode, benannt nach dem berühmten US-amerikanischen Schauspiellehrer.

Eines seiner Markenzeichen: sich eine Rolle über ein Tier zu erarbeiten. Ihm verdankt Höpker quasi die Robbe. "Früher in Lippstadt hatte ich in der Theatergruppe den Affen im ?Dschungelbuch' gespielt und dachte: Den kannste noch, dann machste den", erzählt die Radiomoderatorin amüsiert. "Aber ich hatte einen gnadenlosen Schauspiellehrer, der dann meinte: Den haste dir jetzt aber nicht angeschaut, den Affen, oder?"

"Ich wäre gerne ?Tatort'-Kommissarin - welche Stadt, ist egal."

Also schickte er seine Schülerin in den Berliner Zoo zum Robbenstudium. Und am nächsten Tag lag Gudrun Höpker als "Robbe" eine Stunde lang auf dem Boden und fühlte sich in das Tier ein. "Das ist schon ein sehr spezielles Schauspieltraining", sagt sie und greift zu ihrem zweiten Cappuccino. "Aber eine Kollegin hat sich den Wolf erarbeitet und damit die Medea gespielt, was ganz großartig funktioniert hat." Wenn eine gute Fee ihr eine Wunschrolle schenkte, müsste sie nicht lange nachdenken. "Ich wäre gerne ?Tatort'-Kommissarin - welche Stadt, ist egal." Sie lacht ihr ansteckendes Lachen.

In einer Kölner Improvisationstheatergruppe mit dem mehrdeutigen Namen Nagelstudio Blasewitz ist Höpker seit 2012 festes Ensemblemitglied. Sie mag das Projekt sehr und schätzt das permanente Risiko auf der Bühne. "Die Gewissheit zu haben, dir fällt schon was ein, irgendwas wird kommen: schnell sein, spontan sein." Vor allen Dingen jedoch: "Fehler zulassen. Sehr nützlich auch für andere Bereiche." Denn: "Das Publikum will gar nicht unbedingt, dass alles perfekt ist. Es will, dass auch mal was schief geht. Für mich ist das wichtig, weil auch ich diesen Perfektionsanspruch an mich habe."

Das ironische Spiel mit dem eigenen Perfektionsanspruch klappt tatsächlich in den "anderen Bereichen" ebenfalls. Denn die Radiofrau Gudrun Höpker erobert nun auch die Kabarettbühnen - mit ihrem ersten Soloprogramm "Es könnte so schön sein". Klavierkabarett ist das nur zu einem Teil; ihr Debüt passt in keine Schublade. Gut so. "Es hat schon eine sehr persönliche Note", sagt die Radiofrau, in der das Herz einer Künstlerin schlägt. "Es sind Beobachtungen der kleinen, tragikomischen Ereignisse im Leben. Es gibt nicht viele Pointen. Dafür ist viel Musik drin, persönliche, melancholische Lieder, in denen viel von mir steckt."

"Mit Standup-Comedy kannst du mich inzwischen jagen"

Ihr Humorverständnis zielt auf das Absurde, das Subtile. Das Kölner Duo Ulan & Bator etwa trifft genau ihren Nerv. Wenn die beiden auf der Bühne Stühle für ein experimentelles Konzert im Kulturradio geräuschvoll hin- und her rücken, "lache ich Tränen". Das andere Ende der Skala: "Mit Standup-Comedy kannst du mich inzwischen jagen. Es ist ja schön, wenn viele Leute mächtig Spaß haben mit Geschichten wie ?Neulich bin ich wieder mit der Bahn gefahren und da ist folgendes passiert' - aber ich kann darüber einfach nicht mehr lachen."

Wenn Gudrun Höpker mitten im Gespräch noch gespenstisch gut Inge Meysel und Angela Merkel parodiert und die Stimmenimitationen so selbstverständlich wie eine Postanschrift oder eine Telefonnummer aus dem Ärmel schüttelt, dann wird einmal mehr deutlich, was für ein Multitalent diese Frau ist. Mit Gerd Buurmann spielt sie in der köstlichen Konzept-Reihe "Höpker und Buurmann haben Krach" populäre Ehedramen aus Literatur, Theater und TV nach. Tucholsky und Loriot sind dabei, der Bogen reicht aber locker bis Macbeth sowie Kermit und Miss Piggy.

Und ihr eigenes Solodebüt? Ist Schauspiel, Lesung, Liederabend, Klavierkabarett - und noch einiges mehr. "Dafür gibt es eben kein richtiges Label", sagt sie. Der in Deutschland lebende amerikanische Comedian John Doyle sah nach einer Vorstellung von Gudrun Höpker Parallelen zu Bette Midler in den USA. Und dann fand er eben doch ein Etikett. Das einzige Etikett, das auf diese ganz und gar staunenswerte Wundertüte zu passen scheint: One-Woman-Show.