Sanfter Hüne mit gefühlvoller Stimme

Rag 'n' Bone Man im ausverkauften Kölner Palladium

Gefühlvolle Stimme: Rory Graham

Gefühlvolle Stimme: Rory Graham im Palladium.

Köln. Mit „Human“ legte der britische Sänger Rag 'n' Bone Man ein kraftvolles Debüt hin. Drei Jahre nach seinem Durchbruch begeistert er seine Fans im ausverkauften Kölner Palladium. Der Abend endet mit frenetischem Applaus für einen Ausnahmesänger.

Wer auf Rory Graham nachts im Stadtpark treffen sollte, dürfte unmittelbar einen erhöhten Pulsschlag verspüren. Der mit knapp zwei Metern hünenhafte 33-Jährige mit Rauschebart und reichlich Tattoos sieht gemäß gängiger Klischees aus wie eine Mischung aus Hooligan und Hassprediger. Doch als Rag 'n' Bone Man, der bis zu seinem Durchbruch als Sänger vor drei Jahren als Heilerziehungspfleger Kinder und Jugendliche mit Asperger-Syndrom betreut hat, ist er zweifellos eine gute Seele. Im ausverkauften Palladium begeistert der sanfte Riese, der seine Liebe zu Blues und Soul von seinen Musiker-Eltern übernommen hat, mit einer musikalischen Sensibilität, die im Pop-Genre ihresgleichen sucht.

Seine Stimme allein ist bereits eine vokale Urgewalt, dennoch gönnt er sich die Begleitung einer inklusive Backgroundsängerin siebenköpfigen Band, die ihm mit viel Gespür für klassische Soulsounds einerseits und moderner Trip-Hop- und Hip-Hop-Rhythmik andererseits, den breiten Rücken stärkt. Schmeichelnd warmer Orgelklang trifft auf knackige Bläsersätze und die Stimme der Chorsängerin ergänzt die weicheren Gesangspassagen perfekt.

Nach dem Intro eröffnet „Wolves“ von der gleichnamigen EP – „Disfigured“ ist eine weitere, die er vor seinem Mega-Debüt „Human“ veröffentlicht hat –, das Konzert. Ein Großteil der Fans wartet mit gezückten Handys auf die Hits seines Erfolgsalbums „Human“. Ein Bild, das den freundlichen „Lumpensammler“ irgendwann doch nervt, und er darum bittet, die Smartphones lieber in den Taschen zu verstauen.

Aus Liebe zu Soul und Blues

Den Geschichten seines weit gesteckten Gefühlskosmos, die er mit stimmlicher Urkraft, die zugleich über ein faszinierendes Spektrum von feinen Zwischentönen bis in hohe Lagen verfügt, muss man konzentriert zuhören. Auch wenn sich hinter ihnen eher selten seine eigene verbirgt. „The Fire“, ein Liebesbekenntnis der extrem eruptiven Art, bildet da eine Ausnahme, „Can't Let Her Go“ fleht er fast in dem Song „Life in Her Yet“, in dem er auf anrührende Weise versucht, den Tod seiner Großmutter zu verarbeiten. Nach seinem Hit „Skin“ diktiert er wie der Vorsänger eines Gospelchors „Love is all we need“, und die Fans stimmen bereitwillig in das Call-and-Response-Schema ein und verbreiten im Palladium die beseelte Atmosphäre einer amerikanischen Methodisten-Kirche.

Statt mir schwermütiger Blues-Rhythmik unterlegt er seinen Mega-Hit „Human“ nun mit entspannt lässigen Reggae-Rhythmen. „I'm only human, after all, don't put the blame on me“, das Plädoyer für die Akzeptanz menschlicher Fehlbarkeit spricht in Zeiten rigider Optimierung vielen Menschen aus der Seele.

Nach den Zugaben gibt es frenetischen Applaus für einen Ausnahmesänger, dessen Musik eindeutig Pop ist, dessen empathische Authentizität jedoch ungleich tiefer in der eigenen Seele zu berühren vermag.